Arsenios Kardamakis

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Griechenland
07/06/2013

„Geld und Erfolg waren alles“

Metropolit Arsenios über die schwierige Lage seiner Landsleute und die Götzen Geld und Erfolg, die andere wichtige Aspekte des Lebens verdrängt haben.

von Josef Ertl

Arsenios Kardamakis ist seit 2011 griechisch-orthodoxer Metropolit von Austria und Exarch von Ungarn und Mitteleuropa. Der 39-Jährige hat Theologie in Athen, Thessaloniki und Straßburg studiert. 2002 wurde er zum Priester geweiht, danach war er in der griechisch-orthodoxen Gemeinde von Karlsruhe tätig. 2004 wurde er Generalvikar der griechisch-orthodoxen Metropolie von Frankreich. Am 20. November 2011 wurde er zum Bischof geweiht und und am 4. Dezember in Wien ins Amt eingeführt.

Arsenios ist das jüngste Kind von vier Geschwistern, seine Eltern sind Oliven- und Bauernbauern im Landesinneren von Kreta. Er wollte nach eigenen Aussage bereits mit sechs, sieben Jahren Priester werden. Ende Juni führte er eine österreichische Journalistendelegation nach Kreta an, um die Lage in seiner Heimat zu erläutern.

KURIER: Wie geht es den Menschen in Griechenland?
Metropolit Arsenios: Ihre Lage ist schwierig. Mit der Krise wurden viele Sparmaßnahmen vorgenommen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, die Arbeitslosenrate beträgt 25 Prozent, bei den Jungen 50 bis 60 Prozent. Löhne und Gehälter wurden im Ausmaß von 20 bis 50 Prozent gekürzt. Viele haben beispielsweise für den Hausbau Kredite aufgenommen, jetzt können sie sie kaum zurückzahlen. Viele Familien sind in Schwierigkeiten, in vielen Familien sind zwei oder drei arbeitslos.

Wie kommen die Menschen damit zurecht?
Die Familie und die Gesellschaft sind eine große Hilfe. Die Verwandten geben ebenso Unterstützung wie die Freunde. Ohne diese Solidarität wäre die Situation dramatisch schlechter.

Manche sehen sich nicht hinaus und begehen Selbstmord.
Es gibt Menschen, die Kredite aufgenommen und eine andere Art des Lebens geplant haben. Sie haben oft die Arbeit verloren und damit auch die Hoffnung. Das hat auch mit der Erwartungshaltung gegenüber dem Leben und der Lebensphilosophie zu tun. Sie sehen sich nicht imstande, aus dieser Lebenskrise herauszukommen.
Es gibt andererseits viele Menschen, die trotz der Krise die Lebenshoffnung nicht verloren haben und die kämpfen. Sie leben einfach weiter und glauben an eine bessere Zukunft.

Die Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirchen sprechen nicht nur von einer Wirtschaftskrise, sondern auch von einer spirituell-geistigen Krise, die der wirtschaftlichen vorhergegangen sei. Die Wirtschaft sei wie ein Götze auf den Altar gehoben worden. Teilen Sie diese Kritik?
Diese Krise ist auch eine ethische. Geld und materieller Erfolg sind in den vergangenen Jahren für die Griechen sehr wichtig geworden, sie sind zur Priorität in ihrem Leben geworden. Deshalb meinen wir, dass die Krise auch eine spirituelle ist. Wir haben die anderen Aspekte des Lebens vergessen, nämlich das Miteinander und die Solidarität. Der Egoismus, der persönliche Erfolg und die Bereicherung standen an erster Stelle.
Die Griechen haben in den vergangenen Jahrzehnten schwierige Zeiten durchgemacht. Wir hatten Krieg und die deutsche Besatzung. Und plötzlich hatten wir viel Geld. Wir haben vergessen, dass Geld nicht das Wichtigste im Leben ist. Ethische Werte sind eine Bereicherung für den Menschen. Sie bringen den Menschen ins Gleichgewicht. Er lebt nicht nur vom Brot allein, er hat auch eine Seele.

Welche Rolle spielt Ihre Kirche in der Krisensituation?
Sie versucht den Leuten beizustehen. Mit finanzieller Hilfe und Unterstützung, mit Sozialeinrichtungen, mit geistlicher und moralischer Unterstützung. Wir versuchen den Menschen in Gesprächen Hoffnung und eine neue Perspektive zu vermitteln. Für den Griechen ist das Bewusstsein wichtig, dass er nicht allein ist.
Leider hat sich Europa zu Beginn der Krise nicht solidarisch gezeigt. Die Griechen meinen damit nicht nur finanzielle Unterstützung. Der Grieche benötigen das Gefühl, dass er nicht alleine ist. Er will jemand haben, der an ihn denkt für den Fall, dass er Hilfe benötigt. Tatsächlich fordert er selten Unterstützung ein. Das sehe ich in meinem Freundeskreis, wenn hier jemand in Schwierigkeiten steckt. Ganz selten sagt jemand, ‚hilf uns, gib uns was‘. Den Griechen ist ein Umfeld der Solidarität und des Mitgefühls wichtig. Europa hat das nicht verstanden, dass Griechenland Mitgefühl und Solidarität braucht. Dass Europa sagt, gut, es wurden Fehler gemacht, die unbedingt korrigiert werden müssen, aber wir müssen alle zuammenarbeiten, dafür sind wir bereit.

Ist Griechenland von Europa enttäuscht?
Zu Beginn der Krise vor zwei Jahren waren wir sehr enttäuscht. Auch ich persönlich.

Warum?
Das war nicht jenes Europa, von dem wir geträumt haben. Es war auch nicht das Europa, das die Gründer geschaffen und gewollt haben. Europa ist für uns eine Gemeinschaft, eine Familie, wo der eine für den anderen da ist. Es muss mehr sein als eine Finanzgruppe mit verschiedenen Interessen.

Die Menschen in den nördlichen Ländern Europas argumentieren, wir müssen auch sparen, bei uns gibt es auch Kürzungen. Warum sollen wir jetzt plötzlich noch die Schulden für die Griechen bezahlen?
Ist diese Argumentation wahr? Was heißt das, die Schulden der Griechen bezahlen? Soweit ich es verstanden haben, hat Griechenland Kredite bekommen und es muss dafür die Zinsen bezahlen. Griechenland bezahlt dafür zwischen vier und sechs Prozent. Deutschland verdient an den Krediten, die es Griechenland gewährt. Ist das Solidarität? Nein. Deswegen sind wir von Europa enttäuscht. Wenn es in einer Familie Solidarität gibt, versucht ein Bruder dem anderen zu helfen. Ich will damit nicht sagen, dass die anderen für uns bezahlen sollen. Solidarisch wäre es, dass Griechenland auch nur zwei Prozent für die Zinsen seiner Staatsanleihen bezahlt wie das Deutschland macht. Europa hat mit der Krise Griechenlands Geld verdient. Nicht nur mit Greichenlands, sondern mit den anderen Ländern wie Spanien oder Portugal.
Kein Grieche will, dass die Europäer unsere Schulden bezahlen.

Ist es nicht so, dass durch die Krise Reformen möglich wurden, die es sonst nicht gegeben hätte?
Das ist wahr.

Ist der Tiefpunkt schon erreicht?
Meiner Einschätzung nach ja. Ich bin sehr optimistisch. Denn die Menschen haben das Problem verstanden.

Welches Problem?
Dass Geld nicht das Wichtigste im Leben ist, dass Regeln eingehalten werden müssen und dass Reformen notwendig sind. Die Griechen haben international sehr viel kooperiert, sehr viel Verständnis gezeigt und sehr viel gearbeitet. Ich hoffe, dass es nun besser wird. Die anderen Länder wie Italien, Portugal, Spanien, Irland, Frankreich erleben bzw. werden das Gleiche erleben. Ich weiß nicht, ob es nicht in Zukunft auch Deutschland oder Österreich so ergehen wird. Ich wünsche es nicht. Ich hoffe, dass diese Krise den Europäer helfen wird, in Zukunft besser auf solche Situationen vorbereitet zu sein.

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