Franzobel mit seiner damaligen Frau Maxi Blaha 2018 auf der Bühne des Opernballs

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Oberösterreich
06/14/2020

Geisterspiele wie „eine Grillparty ohne Fleisch“

Geisterspielen in leeren Stadien ohne Fans fehlt das Entscheidende: die Seele. Von Gerhard Marschall.

Der LASK verlor das Auftaktspiel nach der Corona-Pause gegen Hartberg durch ein Gegentor in allerletzter Minute. Vorher hatten die Schwarz-Weißen aus ihrer Überlegenheit nichts Zählbares gemacht, dreimal nur die Stange getroffen. Es war also auch Pech dabei. Vor allem aber fehlte dem auf Intensität ausgerichteten Spiel die antreibende Energie von den Rängen.

Das übliche Ritual

Besser erging es den Riedern. Nach dem 3:1-Heimsieg gegen Lafnitz spulten die Spieler vor der Stehplatztribüne das übliche Ritual ab: Sie lassen sich auf dem Rasen sitzend feiern, um sodann auf Kommando wild durcheinander zu hüpfen. Allein, es fehlten die Fans, deren Jubel kam aus dem Lautsprecher.

Kein zwölfter Mann

Um die Meisterschaft in Bundesliga und Zweiter Liga irgendwie zu einem sportlichen Ende zu bringen, wird unter Ausschluss von Publikum gekickt. Das nennt sich „Geisterspiel“. Woher der Name kommt, ist unklar. Und auch, welcher Geist durch das leere Stadion weht. Oder vielleicht ist gemeint, dass ein Fußball ohne Fans von allen guten Geistern verlassen ist. Denn es fehlt der Schub von der Tribüne, der die eigene Mannschaft nach vorne treiben und die gegnerische zermürben soll. Das, was gemeinhin als „zwölfter Mann“ bezeichnet wird.

Franzobel: Das ist wie Krieg

Für den Schriftsteller Franzobel sind Geisterspiele „wie eine Grillparty ohne Fleisch“. Es fehle etwas Essenzielles: „Dieses gemeinsame theatrale Erlebnis.“ Franzobel ist bekennender Anhänger von Rapid Wien und des 1. FC Kaiserslautern, also doppelt leidenserprobt. Fußball sei Religionsersatz, Familienersatz, auch Stellvertreterkrieg, sagt er: „Man ist Teil eines Kollektivs und führt einen abstrakten Krieg gegen eine andere Gemeinschaft. Das fällt jetzt völlig weg.“ Aggressionen abzubauen gehöre zum Stadionbesuch, was auch Intellektuelle fasziniere. Fußball als Ventil für etwas, das sich im zivilen Leben nicht entladen kann. Und: „Man kann alles Politisch-Korrekte über Bord werfen und darf sich sehr ursprünglichen Gefühlen hingeben.“

Strafweiser Entzug

In der Vergangenheit wurde der Publikumsentzug strafweise verhängt. Etwa, weil Fans böse Dinge machten, Raketen abfeuerten, den Platz stürmten, die gegnerischen Anhänger verdroschen. Dann mussten sie für ein, zwei oder mehr Spiele zuhause bleiben und ihrem Klub fehlten die Einnahmen. Eine erzieherische und finanzielle Bestrafung gleichermaßen. Jetzt geht es um die Volksgesundheit. Vorrangig dienen Geisterspiele jedoch dazu, die üppigen TV-Gelder nicht versiegen zu lassen. Fußball wurde freilich schon gespielt, als es noch kein Fernsehen gab – und niemals ohne Zuschauer.

Der Blau Weiß Linz zugetane Karikaturist Gerhard Haderer redet sich regelrecht in Rage, wenn es um das Thema geht: „Geisterspiele sind das Gegenteil von dem, was ich seit Jahrzehnten unter Fußball gespeichert habe, was ich an ihm liebe: Gemeinschaft, Stimmung, Emotion pur.“ Allein, in der Stille des Stadions die plärrenden Trainer zu hören, ist für Haderer unerträglich. Er sei diesbezüglich naiv und glaube daran, „dass sich 22 Sportler auf dem Platz das untereinander ausmachen“. Und nicht, dass die Spieler bloß Marionetten seien. Kurzum: „Ich habe keine Lust, mir Geisterspiele anzuschauen.“

"Der Fußball ist am Ende"

Schlechthin ein „Witz“ sei es, dass das Jahrhundertspiel LASK-Manchester United im leeren Stadion stattfinden musste. Vor Zuschauern wäre es nie und nimmer 0:5 ausgegangen, ist Haderer überzeugt und malt ein düsteres Bild: „Genau genommen ist der Fußball am Ende.“ Zuerst sei er von randalierenden Fans und dann mit viel Geld fast ruiniert worden, jetzt stelle sich überhaupt die Sinnfrage. „Wir sollten uns überlegen, wie es weitergeht“, plädiert der Künstler für eine grundsätzliche Neuorientierung. Insofern sei der Fußball Katalysator für andere Gesellschaftsbereiche.

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