Domprobst Wilhelm Vieböck

© hermann wakolbinger

Chronik Oberösterreich
08/11/2019

„Fenster-Schäden am Linzer Dom noch von den Bombardierungen“

Mit einem Aufwand von 13 Millionen Euro saniert die Diözese den 100 Jahre alten Mariendom, die größte Kirche Österreichs.

von Josef Ertl

Die katholische Kirche feiert am Donnerstag, den 15. August, das Fest der Himmelfahrt Mariens. Der Linzer Dom, der einer umfassenden Renovierung unterzogen wird, ist ebenfalls der Muttergottes Maria gewidmet. Der Mariendom ist die größte Kirche Österreichs und wurde von 1862 bis 1935, wo die letzten Bauarbeiten stattfanden, errichtet.

Wilhelm Vieböck (70) ist Bischofsvikar, Herausgeber der Kirchenzeitung und Domprobst (Chef des Domkapitels). Das Domkapitel ist eine Priestergemeinschaft zur Beratung des Bischofs. Es ist auch für den Dom zuständig. „Zum Beispiel gehört das wöchentliche Beten für die Diözese zu unseren Aufgaben.“ Am Samstag acht Uhr früh trifft sich das Kapitel zum Chorgebet – außer in den Ferien. Die zweite liturgische Aufgabe ist das sonntägliche Amt um zehn Uhr.

KURIER: Der Turm des Mariendoms ist derzeit eine große Baustelle. Was ist zu tun?

Wilhelm Vieböck: Wir haben den Turm schon seit mehreren Jahren regelmäßig überprüfen lassen. Er ist jetzt 100 Jahre alt. So haben zum Beispiel die Fugen gelitten. Früher hat man geglaubt, das mit Silikon lösen zu können. Das tut aber dem Stein nicht gut, weshalb wir es jetzt herauskratzen müssen. Mit speziellen Mörtelmischungen wird das hoffentlich wieder 100 Jahre halten.

Die Sanierung ist mit 13 Millionen Euro relativ teuer.

Wir haben in der Dombauhütte über das gesamte Jahr drei Steinmetze beschäftigt. Ein großer Brocken sind neben der Turmsanierung die Fenster. Es handelt sich dabei teilweise noch um Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach der Turmsanierung, die sich über zwei bis drei Jahre hinziehen wird, sollen die Fenster saniert werden. Sie sind eine der großen Sehenswürdigkeiten, die mit der Geschichte des Doms und der von Oberösterreich verbunden sind.

Die Kirche nimmt durch die Kirchensteuer einigermaßen Geld ein und könnte daraus die Domsanierung bezahlen. Sie ruft aber zu Spendenaktionen auf und lädt Sponsoren ein. Ist die Sanierung aus dem normalen Diözesanbudget nicht möglich?

Wir haben die Sanierung nicht so locker im Budget. Der Dom ist nicht die einzige Baustelle der Diözese. Wir können den Pfarren nicht sagen, es gibt für sie fünf Jahre lang kein Geld, weil wir es für den Dom brauchen.

Der zweite Grund ist ein ideeller. Der Dom ist aus den Beiträgen vieler Menschen gebaut worden. Es ist ein schönes Zeichen, wenn Privatpersonen und Firmen Unterstützung leisten. Die Aktion Turmpate (www.turmpate.at) läuft derzeit, bei der sich Spender mit ihrem Namen, eingraviert im Stein, verewigen können.

Manfred Scheuer hat zur Sanierung ein Bischofswort verfasst, in dem er vom Gestalt gewordenen Glauben spricht. Der Dom ist natürlich eine Kirche, aber er ist darüber hinaus ein Wahrzeichen für Stadt und Land. Wir freuen uns, dass der Landeshauptmann und der Linzer Bürgermeister das auch so zum Ausdruck bringen.

Die Konzertreihe Klassik am Dom hat sich über die Jahre zu einem Fixpunkt im Sommer entwickelt. Was bedeuten die Konzerte für die Kirche?

Die Kirche hat seit jeher mit Musik zu tun. Wenn man einen derart schönen Domplatz hat, der auch etwas hergibt, dann hat man die Verpflichtung, ihn für solche Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Wir kooperieren hier mit dem Konzertveranstalter Simon Ertl. Wir sind froh, dass es die Konzerte gibt, weil sie zur Belebung beitragen. Wenn dann noch eine Fernsehübertragung wie bei Martin Grubingers Heimspiel dazukommt, bedeutet das auch eine Werbung für den Dom.

Der Dom ist flächenmäßig die größte Kirche Österreichs. Warum ist er so groß konzipiert worden?

Es war die Begeisterung von Bischof Franz Joseph Rudigier (1811–1884). Es war damals zwar eine Zeit des Kulturkampfes, aber es herrschte eine große Aufbruchsstimmung. Es kamen viele Ordensgemeinschaften nach Linz, wie zum Beispiel die Kreuzschwestern. Es war die Zeit der Vereinsgründungen wie die der katholischen Preßvereine. Rudigier meinte, wir müssen damit rechnen, dass die Christenheit wieder einmal vereint ist und alle müssen im Dom Platz haben.

Das war damals eine weitreichende Vision.

Ja, eine weitreichende Vision. Er hat den Bau so angelegt, dass anfangs das Presbyterium (Altarraum) errichtet worden ist. Dann war der erste Gottesdienst mit der e-Moll-Messe von Anton Bruckner. Es wurde in der Folge nicht nach hinten weitergebaut, sondern es wurde sofort mit dem Turmbau begonnen. Der Lückenschluss erfolgte erst später. Rudigier hat offensichtlich befürchtet, dass der Dom nicht so groß wird, wenn man sich dazu nicht zwingt. Es blieb keine andere Möglichkeit, als ihn in der vollen Größe zu bauen. Die Baustelle zog sich bis zur Einweihung 1924 insgesamt 62 Jahre hin. Wenn man bedenkt, dass der Dom trotz des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) und trotz der schwierigen 1920-er Jahre fertiggestellt worden ist, ist das eine große Leistung.

Der Dom ist der Muttergottes Maria gewidmet. Was war der Beweggrund?

1854 wurde vom Papst das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet (Maria ist frei von jedem Makel der Erbsünde, weil sie Mutter Gottes werden sollte, Anm.d.Red.). Das ist das Patrozinium des Doms (Schutzherrschaft eines/r Patrons/in). Rudigier hat dafür gebrannt.

Warum spielt Maria im römisch-katholischen Glauben so eine große Rolle? Bei anderen christlichen Religionen nimmt die Marienverehrung einen nicht so großen Stellenwert ein.

Bei den Orthodoxen spielt Maria mindestens eine ebenso große Rolle wie bei uns. Bei den Evangelischen ist es etwas anders, wie wohl sie die biblische Rolle Marias anerkennen. Sie verwehren sich aber gegen übertriebene Formen der Verehrung.

Die Marienverehrung hat etwas Volkstümliches an sich, was am 15. August mit der Kräuterweihe zum Ausdruck kommt.

Der 15. August war auch der Geburtstag von Kaiser Augustus. Die Monatsbezeichnung August rührt von ihm her. Es wurde dann der Feiertag Mariens, der im ersten Jahrtausend in der Ostkirche gefeiert worden ist und dann in die Westkirche eingewandert ist. Im Osten reden sie weniger von der Himmelfahrt, sondern von der Entschlafung bzw. dem Heimgang Mariens. Die Kräuterweihe, die später dazugekommen ist, ist eine Art Erntedankritus. Der 15. August entwickelte sich damit vom Kaisertag zum Volkstag.

Die Botschaft ist, dass Maria am Ende ihres Lebens mit Leib und Seele gut angekommen ist. Das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel ist ein relativ junges, es stammt aus dem Jahr 1950. Hundert Jahre lang gingen in Rom dafür zahlreiche Petitionen aus der ganzen Welt ein.

Papst Pius XII. hat 1946 unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine weltweite Befragung unter den Bischöfen durchgeführt, ob man das machen soll. Sie ergab eine große Zustimmung. Das war die Grundlage für das Dogma.

Ist die Marienverehrung nicht auch Ausdruck bedingungsloser Mutterliebe?

Maria ist die Mutter Jesu. Sie ist auch die große Glaubende, die immer in einer engen Beziehung zu ihm gestanden ist und sie ist damit auch ein Vorbild für alle heute Glaubenden.