Chronik | Oberösterreich
15.11.2017

Ein Kind für den "Landesvater": Mutter will Stelzer in die Pflicht nehmen

Die oberösterreichische Landesregierung plant, dass die Kinderbetreuung am Nachmittag künftig wieder etwas kostet. Eine Mutter sieht dadurch ihre Existenz gefährdet.

Christiane Seufferlein ist stinksauer. Die Oberösterreicherin, die in Julbach (Bezirk Rohrbach) lebt, fühlt sich durch das Sparpaket der Landesregierung in ihrer Existenz bedroht. So schreibt sie es zumindest in einem Brief an Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP), den sie am Mittwoch auf Facebook veröffentlicht hat. Darin droht sie dem "Landesvater", ihn bei der Betreuung ihrer knapp drei Jahre alten Tochter in die Pflicht zu nehmen. Sie hoffe, Stelzer habe "einen netten Raum mit viel Spielzeug". Konkret geht es ihr um die Pläne, für die Nachmittagsbetreuung in Kindergärten wieder Geld zu verlangen. Zwischen 49 und 150 Euro soll das im Monat kosten – gestaffelt nach der Betreuungszeit und dem Einkommen der Eltern.

Für Seufferlein sind die Kosten nicht das Problem, sagt sie. Sie fürchtet, dass die Nachmittagsbetreuung in ihrer Gemeinde gestrichen wird, weil sich zu wenige Kinder finden. "Bei uns am Land gibt es fünf oder sechs Mütter, die auf Nachmittagsbetreuung angewiesen sind", meint Seufferlein. Auch sie zählt dazu. Drei Mal pro Woche pendelt die 41-Jährige zur Arbeit nach Linz, während die Tochter im Kindergarten ist. Fällt die Betreuung am Nachmittag weg, steht sie vor einem Problem: "Was tue ich dann mit meiner Tochter? Nehme ich sie mit ins Büro oder setze ich sie dem Herrn Stelzer auf den Schreibtisch?"

Umzug ins Mühlviertel

Vor knapp zwei Jahren ist Christiane Seufferlein mit ihrer Familie aus dem Bezirk Gmunden ins obere Mühlviertel übersiedelt. Die Wahl auf die 1600-Einwohner-Gemeinde Julbach ist nicht zuletzt wegen der Kinderbetreuung gefallen. Dass die nun in Gefahr ist, bestätigt Bürgermeister Johannes Plattner (SPÖ). Sollten nicht mehr als sieben Kinder anmeldet werden, müsse das Angebot gestrichen werden. "Das lässt sich nicht finanzieren und ist vom Land so vorgeschrieben", sagt Plattner. Derzeit seien mehr als zehn Kinder in der Nachmittagsbetreuung. Aber: "Ich habe schon von vielen Müttern gehört, dass sie ihre Kinder rausnehmen, wenn es etwas kostet", sagt Plattner.

Kampflos geschlagen geben will man sich in Julbach aber nicht: "Wenn es am Ende des Tages notwendig ist, meine Tochter zu schnappen und ins Landhaus zu gehen, würde ich das wahrscheinlich tun", meint Seufferlein, der auch das kurzfristige Vorgehen Stelzers sauer aufstößt. Sie wolle ihn zwar "nicht anpatzen, aber ich will, dass für Mütter und Väter auf dem Land Lösungen angeboten werden."
Noch am Mittwoch übermittelte Stelzer der Mutter seine Antwort. Eingangs bedankte er sich für das "wohl nicht so ernst gemeinte Vertrauen", auf ihre Tochter aufzupassen. Es sei aber legitim, für hochwertige Kinderbetreuung einen sozialgestaffelten Beitrag einzuheben, meinte Stelzer weiter. Auch in anderen Bundesländern sei das so. Für besonders Bedürftige bleibe die Betreuung frei. Seufferleins Problem punkto Gruppengröße werde er an die zuständige Landesrätin weiterleiten, ließ der Landeshauptmann wissen.