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Chronik | Oberösterreich
06/22/2019

Der Philosoph des Genusses lehrt in Linz

Der Wiener Robert Pfaller übernimmt den Lehrstuhl für Philosophie an der Kunstuniversität in Linz

Er ist Buchautor, Genussmensch, Philosoph und Professor. Seit Kurzem an der Kunstuni in Linz, wo er den Lehrstuhl für Philosophie besetzt. Im KURIER-Interview erklärt Robert Pfaller, was in seinen Seminaren passiert und wie er gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet.

KURIER: Willkommen zurück in Linz! Ihre Antrittsvorlesung liegt hinter Ihnen, was kommt als Nächstes?

Robert Pfaller: Der Aufbau eines Bereichs Philosophie, der erkennen lässt, was für ein produktives Umfeld eine Kunstuniversität für das Philosophieren sein kann. Das soll auch nach außen wirken: Wir arbeiten gerade an einer Facebook-Seite „Die beweglichen Köpfe – Philosophie Kunstuni Linz“ sowie an einem Blog zu unserem aktuellen Projekt „Das Unding“. Dort sollen sich Studierende, vor allem des Bereichs Bildhauerei – Transmedialer Raum, mit Vertretern aus Psychoanalyse, Anthropologie, Philosophie etc. austauschen können. Unser Vorbild dabei ist die legendäre französische Zeitschrift „documents“, wo die besten Philosophen, Künstler, Ethnologen und Schriftsteller der 1930er Jahre wie Georges Bataille oder Carl Einstein einen Gedankenaustausch über seltsame Objekte und Materien betrieben haben.

Was lernen Studierende bei Ihnen und was erwarten Sie von Ihren StudentInnen?

Sie lernen das „Handwerk der Theorie“ – also so weit mit Theorie umgehen zu können, dass sie sich Klarheit über ihre eigenen Ideen verschaffen können. Dann werden sie in der Lage sein, modischen Theorien zu misstrauen und das, was sie tun, nicht vorschnell in der erborgten Sprache der Kuratoren und Kritiker beschreiben. Die größte Gefahr für Künstler ist nämlich nicht die Unkenntnis von Philosophie, sondern der voreilige Zugriff auf die falsche Philosophie.

Wie aktuell sind Ihre Vorlesungen? Diskutieren Sie mit den StudentInnen über Österreichs Innenpolitik? Wenn ja, was ist der Grundtenor zu den Geschehnissen der vergangenen Wochen, Stichwort Ibiza-Affäre & Co.?

In meinem Seminar kommt immer alles auf den Tisch. Es soll nicht nur Kenntnisse vermitteln, sondern auch als Forum des Gedankenaustauschs dienen. Darum wird es oft von Leuten außerhalb der Universität besucht – worüber ich mich freue, weil dies die Sache auch in den Augen der Studierenden aufwertet und ihnen neue Gesprächsperspektiven eröffnet. Freilich wird alles, was thematisiert wird, unter methodischen Gesichtspunkten angegangen. „Ibiza“ ist ja zum Beispiel auch ein Beweis für die Wirkungsmacht der Kunst: Das war ja ein Stück „unsichtbares Theater“ im Sinn von Augusto Boal. Außerdem muss man versuchen zu begreifen, unter welchen Bedingungen eine Bevölkerung es nicht als besonders störend empfindet, von Ganoven regiert zu werden.

Wie schätzen Sie als Philosoph die Lage ein? Hat Sie das alles überrascht oder haben Sie mit so einem „Super-Gau“ gerechnet?

Nun, auch wenn einige Köpfe schnell gerollt sind, sind die Verhältnisse insgesamt doch stabil und wenig verändert geblieben. Solange die Ursachen dieselben bleiben und die Strategien der Opposition sich nicht ändern, werden die Wirkungen dieselben sein, wenn auch mit etwas anderen Gesichtern.

Was sind Ihre philosophischen Themenschwerpunkte? Womit beschäftigen Sie sich vermehrt und intensiv?

In meinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ habe ich die Frage gestellt, warum Menschen plötzlich ihr Leben so scheinbar vernünftigen Prinzipien wie Sicherheit, Gesundheit oder Nachhaltigkeit unterordnen möchten. Dabei lässt sich ja zeigen, dass man, wenn man alles zum Beispiel der Gesundheit opfert, nicht nur alles andere – wie gutes Leben, Geselligkeit etc. – verliert, sondern auch noch die Gesundheit selbst. „Orthorexie“ ist ein neues Krankheitsbild – eine Mangelerscheinung, die durch übertriebene gesunde Ernährung hervorgerufen wird. An solchen Alltagsphänomenen kann man gut beobachten, wie sich verabsolutierte Teilvernunft in schiere Unvernunft verwandelt. Und man kann Aufschlüsse darüber gewinnen, was Vernunft eigentlich ist – eine würdige Aufgabe der Philosophie, meine ich.

Was kann Philosophie heute noch in einer Gesellschaft „leisten“?

Die Philosophie hat vor allem die Aufgabe, gegenzusteuern – gegen vorherrschende Stimmungen und sich festigende Denkgewohnheiten. Wenn eine Epoche zum Beispiel beginnt, ihre Genüsse zu verabscheuen, wie es gegenwärtig mit ehemaligen Freuden wie Autofahren, Scherzen, Stöckelschuhe tragen, Fleisch essen, Alkohol trinken, Komplimente machen, verstörende Kunst schaffen und vielem anderen der Fall ist, muss man die Frage stellen, warum dies plötzlich so ist und wie es eigentlich möglich ist, dass Menschen anfangen, ihre Genüsse zu hassen. Und wenn alle auf einmal empfindlich werden und nur noch von der Verletzung ihrer Gefühle sprechen, muss man fragen, ob die Empfindlichen wirklich die am meisten Geschädigten in der Gesellschaft sind.

Sie haben in Amsterdam, Berlin, Chicago, Toulouse, Wien und Zürich unterrichtet. Was verschlägt Sie zurück nach Linz? Was schätzen Sie an der Stadt, was ist verbesserungswürdig?

Als gebürtiger Wiener empfinde ich Linz als eine auffallend junge, freundliche Stadt, deren kulturelle Anstrengungen, mehr als in allen anderen österreichischen Städten auf Gegenwart und Zukunft hin orientiert sind. Was man verbessern könnte, wäre vielleicht, dass man sich noch mehr zutrauen könnte. Man könnte durchaus darauf vertrauen, dass das, was hier kulturell entsteht, international konkurrenzfähig ist.