„Die zunehmende Arbeitslosigkeit ist die größte Herausforderung für die Landespolitik in dennächsten vier, fünf Jahren“: Rudolf Anschober.

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Rudi Anschober
11/16/2013

„Brauchen ein Konjunktur-Programm“

Der Grüne Landesrat Rudi Anschober sieht in der Arbeitslosigkeit die größte Herausforderung

von Josef Ertl

Rudolf Anschober ist seit zehn Jahren Landesrat für Umwelt, Energie, Wasser und Konsumentenschutz. Er wird am kommenden Donnerstag 53 Jahre alt. Die Grünen sind seit 2003 Teil der schwarz-grünen Regierungskoalition.

KURIER: Der KURIER-Familiencoach Martina Leibovici-Mühlberger vertritt in ihrem soeben erschienen Buch „Die Burn-out-Lüge–Was uns wirklich schwächt. Was uns stark macht“ (edition a) die These, dass Arbeit das beste Mittel gegen Burn-out ist. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Rudolf Anschober: Sinn im Leben ist ein gutes Rezept. Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen Privat und Arbeit, zwischen Energieinput und Output. Das ist zumindest meine Erfahrung. Unter der Überschrift Burn-out haben viele verschiedene Lebenssituationen Platz.

Das Hochwasser Anfang Juni hat ihren vollen Einsatz gefordert, nachdem Sie zu Jahresbeginn Schritt für Schritt ins Politikerleben zurückgekehrt sind.
Das Hochwasser war der Elchtest, ob ich wieder zu 100 Prozent belastbar bin. Ich bin wieder voll da. Trotzdem war es schwierig, die Konsequenzen, die ich aus der Krankheit gezogen habe, beizubehalten. Konsequenz heißt, das Handy auszuschalten, wenn ich abends nach Hause komme und einen Tag pro Woche frei zu haben.

Bei Ihrer Zehn-Jahres-Feier wurden die Gäste mit einem vegetarischen Buffet zwangsbeglückt. Bei der deuschen Bundestagswahl hat der Vorschlag, am Donnerstag einen öffentlichen Veggie-Day (vegetarischen Tag) einzuführen, den Grünen massiv geschadet.
Wenn jemand Gast ist bei einem Fest, ist es seine freie Entscheidung, ob er da etwas isst oder nicht ...

... nach dem Motto, gegessen wird, was auf den Tisch kommt.
Das haben wir alle in unserer Kindheit gehört (lacht). Für mich war es ein Experiment. Es geht darum, Interesse für etwas Neues zu schaffen. Wir alle machen die Erfahrung, dass wir uns nicht sehr gesund ernähren, dass wir in ein Industrie-Essen hineingestolpert sind. Viele haben mir beim Fest gesagt, dass sie nicht gewusst haben, wie gut vegetarisches Essen schmeckt. Aber jeder soll selbst entscheiden, ob und wie viel Fleisch er konsumieren will. Von einem verpflichtenden Tag halte ich überhaupt nichts. Es geht um die Wahlfreiheit. Für Vegetarier gab es ja in der Vergangenheit oft gar kein Angebot.

Warum sind die Grünen autofahrerfeindlich?
Sie sind keine Feinde der Autofahrer, sondern auch hier große Freunde der Wahlfreiheit. Jeder Bürger soll sich in seinem Grundrecht auf Mobilität frei entscheiden können. Es gibt aber in manchen Bereichen diese Wahlfreiheit nicht, weil es kein Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln gibt. Es fehlen aber auch oft die Park-and-Ride-Anlagen für das Umsteigen. In Attnang-Puchheim gibt es beispielsweise 8000 Bahngäste pro Tag, aber nur 456 Parkplätze.

Sie lehnen den Bau des Linzer Westrings ab, der eine erhebliche Erleichterung für die Mühlviertler Pendler bedeutet. Sie zwingen diese in den Stau.
Das Gegenteil ist der Fall. Derzeit besteht der Zwang zum Auto, weil es das Angebot des öffentlichen Verkehrs nicht gibt. Das unterscheidet Linz zum Beispiel von Schweizer Großstädten. In Linz nutzen 17 Prozent den öffentlichen Verkehr, in der Schweiz 40 Prozent. Wenn es uns gelänge, ein attraktives S-Bahn-Angebot zu schaffen, würde es genutzt werden und der Stau auf der Straße würde reduziert.

Die Linzer S-Bahn ist wegen des fehlenden Geldes ein Brief ans Christkind.
Nein, das ist eine Frage der politischen Prioritäten. Es ist derzeit noch immer so, dass Investitionen vorrangig in den Straßenbau fließen. Wir haben beim öffentlichen Verkehr einen Nachholbedarf. Wenn wir 650 Millionen Euro nicht in viereinhalb Kilometer Autobahn und stattdessen in die S-Bahn investiert, hätte die Bevölkerung bedeutend mehr davon. Es wäre arbeitsplatzintensiver und ein Schritt Richtung mehr Wahlfreiheit.

Wenn es nach den Grünen geht, dürfen die Autofahrer durch Linz nur mehr mit 30 km/h fahren und über Land mit 80 km/h.
Bei den Tempolimits gibt es in Europa offensichtlich eine andere Kultur als in den USA, wo man entspannter ist. Wenn es um die Sicherheit und um die Gesundheit geht, sollte man Limits verhängen. Zum Beispiel vor Schulen oder Kindergärten. Wenn Grenzwerte in der Luftverschmutzung drastisch überschritten werden, dann ist nach der Bundesgesetzgebung und dem Europarecht eine Geschwindigkeitsbeschränkung zu verhängen.
Die Forderung nach einem generellen Tempo 80 sollte man noch einmal diskutieren. Auch bei den Grünen. Ich bin hier sehr skeptisch.

Der Verkehr in Linz wird laut den Prognosen des Landes noch um 25 Prozent zunehmen. Die Zahl der Einpendler aus dem ländlichen Raum in den Zentralraum steigt ununterbrochen. Maßnahmen wie die Schaffung von interkommunalen Betriebsansiedlungsgebieten greifen nicht wirklich. Was kann man hier tun?
Diesen Megatrend in Richtung Städte gibt es weltweit. Es ist die Frage, ob wir ihn in Oberösterreich korrigieren können. Wir müssen den ländlichen Raum aufwerten durch Jobs vor Ort. Das ist nicht leicht, weil wir wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise in der Defensive sind. Die Arbeitslosigkeit ist auch in Oberösterreich angekommen. Für mich ist das im Augenblick und für die nächsten vier, fünf Jahre die größte Herausforderung für die Landespolitik überhaupt. Es braucht auch regionale Konjunkturimpulsprogramme. Die Großbetriebe, die in die Region gegangen sind, bereuen das ja nicht.

Die Internationale Energieagentur meint, dass die hohen Energiepreise Europas Wohlstand gefährden. Die Umstellung auf den Ökostrom wird subventioniert und trägt damit zu den hohen Preisen bei. Gefährdet die von Ihnen betriebene Subventionierung nicht den Standort?
Auch hier ist das Gegenteil der Fall. Der Umstieg auf erneuerbare Energieträger und Energieeinsparung funktioniert im Bereich der Wärme schon sehr gut. Mit einer Biomasseheizung ist man stabiler und günstiger als mit einer traditionellen Ölheizung. Deshalb wechseln sehr viele.

Weil sie subventioniert ist.
Wir geben einen Investitionsimpuls am Anfang, aber der Betrieb mit Pellets oder Biomasse ist deutlich billiger. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist mit Öl zu heizen ein Unsinn. Die Republik Österreich zahlt für den Import von Öl, Kohle und Gas 15 Milliarden Euro. Alles, was wir uns hier ersparen können, ist ein Gewinn für das Land. Wir hingegen lassen die Wertschöpfung in der Region und werden unabhängig. Auf EU-Ebene ist vieles schiefgelaufen. Wir haben 100 Milliarden Euro Subvention pro Jahr für die fossilen Energieträger und für die Atomenergie. Dem stehen 30 Milliarden für die erneuerbare Energie gegenüber. Der Wettbewerb ist völlig verzerrt.

Sie haben ihr Zehn -Jahres-Jubiläum gefeiert. Werden Sie 2015 sagen, 12 Jahre Anschober sind genug oder hängen Sie nochmals sechs Jahre dran?
Die politische Antwort lautet, die Grünen werden das in demokratischen Wahlen entscheiden. Aber davor werde ich mich hinsetzen und mit meiner Partnerin und mit meinen Freundinnen und Freunden in Ruhe meine eigene Fitness, meinen Energiehaushalt und meinen Hunger anschauen und entscheiden, ob ich noch einmal antrete. Das will ich spätestens Ende 2014 wissen.

Wenn sie nochmals antreten, könnten Sie bis 60 bleiben.
Es gibt viele Bereiche, die mich abseits der Politik noch reizen würden. Zum Beispiel die Green Economy. Es gibt so viele spannende Beispiele, wie die Welt funktioniert oder nicht funktioniert wie wir derzeit am Beispiel Lenzing erleben. Wir sind wirtschafts- und finanzpolitisch in einer ziemlichen Krise. Das ist ein kleines Symptom, aber für die Betroffenen ein sehr großes Problem.

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