Interview
06/05/2016

1:40 Stunden mit Puls 180

Der Triathlet Thomas Springer startet bei Olympia in Rio: 1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren, 10 km Laufen.

von Josef Ertl

Thomas Springer wohnt in St. Pantaleon (Bezirk Braunau). Der 31-Jährige ist Triathlet und startet für Österreich bei der Olympia in Rio de Janeiro. Er peilt einen Platz unter den ersten 15 an. Er ist gebürtiger Deutscher, geboren in Halle/S. und ist der Liebe wegen nach Österreich übersiedelt. 2009 war er deutscher Meister.

KURIER: Wie sieht ein normaler Trainingstag bei Ihnen aus?

Thomas Springer: Ich absolviere drei bis vier Einheiten. Von 8 bis 10 Uhr ist Schwimmtraining. Das sind rund fünf Kilometer. Zuerst kommt das Aufwärmen, danach das Dehnen. Entweder ich fahre in die Halle nach Burghausen oder Ostermiething. Dann fahre ich nach Hause und habe Radtraining. Meist von 12 bis 15 Uhr, rund drei Stunden. Dann folgen noch eineinhalb bis zwei Stunden Lauftraining. So sieht die ganze Woche aus. Bei vier Einheiten laufe ich manchmal morgens noch vor dem Schwimmen oder ich habe abends noch eine Schwimm-Einheit.

Wie viele Stunden trainieren Sie täglich?

Ich komme in der Woche im Schnitt auf 35 Stunden reine Trainingszeit. Ich trainiere sieben Tage pro Woche, ich habe keinen einzigen Tag frei.

Haben Sie keinen Erholungstag?

An diesem Tag wird weniger trainiert. Ich schwimme nur drei Kilometer, fahre nur zwei Stunden mit dem Rad und und laufe nur neun Kilometer. Aber es sind auch drei Stunden.

Da Sie dabei unglaublich viele Kalorien verbrennen, müssen Sie entsprechend essen.

Vor einigen Jahren habe ich sehr auf das Gewicht geachtet. Jetzt bin ich in einer internationalen Trainingsgruppe mit dem Vizeweltmeister, einem Spanier aus Mallorca, und dem WM-Vierten, einem Südafrikaner aus Kapstadt. Wir treffen uns zu Trainingslehrgängen und trainieren gemeinsam. Unser Trainier ist Joel Filliol, ein Kanadier. Er schreibt meine Trainingspläne. Das läuft über eMail oder Whatsapp. Er betreut insgesamt zehn Athleten. Er war Nationalmannschaftstrainer in England und in Kanada.

Wie oft trefft Ihr Euch?

Schon sehr oft. Im Dezember und im Jänner waren wir jeweils drei Wochen in Fuerteventura, im Februar vier Wochen auf Mallorca. Dann sind wir gemeinsam nach Australien zu den Wettkämpfen. Nun sind wir im Höhentrainingslager Font Romeu in den französischen Pyrenäen.

Warum hat sich Filliol für Sie entschieden?

Ich habe einfach angefragt,obwohl alle gesagt haben, er wird dich nicht nehmen. Er hat mich gleich genommen, weil er das Potenzial sieht. Das hat er von Anfang an gesagt. Ich bin durch meinen Unfall zurückgeworfen worden. Nach dem ersten Jahr war er sehr begeistert und er hat gesagt, es ist noch viel mehr möglich. Er ist ein absolut leistungsorientierter Mensch. Er ist noch immer sehr hungrig. Er ordnet alles dem Erfolg unter. Er hat einen sehr guten Namen, deshalb hat er sehr gute Athleten und die pushen sich gegenseitig.

Um zurück zur Ernährung zu kommen. Wenn man zwei, drei Kilogramm weniger hat, läuft man viel schneller. Man hat das Gefühl man fliegt. Fillol lehnt aber das Abnehmen ab. Er meint, ich brauche die Substanz für das viele Training. Ernährung ist Essen, Essen, Essen. Es ist wirklich besser. Man ist weniger krank und weniger verletzt. Wenn ich heute Kuchen esse, esse ich Kuchen. Früher habe ich mich gegeißelt, keine Kohlenhydrate und nur Eiweiß gegessen. Ich habe nur auf das Gewicht geachtet.

Wie schwer sind Sie?

72 Kilogramm bei einer Größe von 184 Zentimeter. Früher hatte ich 68, 69 Kilogramm. Das war schon an der Grenze. Ich fühlte mich oft schwach. Es ist ein schmaler Grad zwischen dem Sich-stark- und Sich-schwach-Fühlen. Fillol achtet darauf, was wir essen. Er sagt, ein Omelett am Abend ist wenig.

Wie viele Kalorien verbrennen Sie an einem Trainingstag?

5000 bis 6000 Kilokalorien.

Sie trainieren hauptsächlich für die Olympische Distanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren, 10 km Laufen)?

Ja, aber der Unterschied zum Ironman (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen) ist nicht groß. Der Trainingsumfang ist der gleiche, aber wir trainieren ein bisschen anders. Ich trainiere sieben Tage Schwimmen, der Ironman-Athlet schwimmt zwei bis drei Mal die Woche, da Schwimmen nicht so entscheidend ist. Er trainiert dafür mehr Radfahren. Aber von den Trainingsstunden her ist kein Unterschied. Bei uns ist Schwimmen viel stärker vorentscheidend. Denn wenn ich beim Schwimmen nicht dabei bin, ist die Radgruppe weg. Da fahre ich nie wieder ran.

Beim Ironman macht Schwimmen 50 Minuten aus und er dauert insgesamt acht Stunden. Beim Schwimmen drei, vier Minuten zu verlieren, ist nicht dramatisch, das kann ich beim Radfahren aufholen. Bei der Olympischen Distanz ist das unmöglich.

Als Achter beim Weltcup (Einzelwettkampf) haben mir sieben Sekunden zum dritten Platz gefehlt.

Die Leistungsdichte ist derart hoch?

Das ist nicht mehr normal, das ist ein Wahnsinn. Der österreichische Meister lief die 10.000 Meter auf der Bahn in 30:30 Minuten. Im Triathlon laufen das weltweit locker 25 Athleten. Ich will deren Leistung nicht schmälern. Aber ich glaube österreichische Meistertitel wären für mich machbar.

Was fasziniert Sie so am Triathlon?

Man ist den ganzen Tag draußen in der Natur. Das ist herrlich. Ich bin auch gelernter Heilmasseur. Ich habe damals im Krankenhaus acht Stunden im Keller gearbeitet. Jetzt arbeite ich nur für mich. Wenn ich mehr investiere, bekomme ich auch mehr raus und bekomme auch mehr zurück.

Sie hatten 2010 in der Türkei einen schweren Unfall mit dem Rad. Was ist Ihnen damals zugestoßen?

Mir ist einer hinten ins Rad reingefahren. Wir hatten da 60 km/h drauf. Ich wollte eigentlich wieder aufs Rad springen und habe dann gemerkt, dass mein Bein runterhängt. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ins Krankenhaus gekommen bin. Wenn der Oberschenkelkopf nicht innerhalb von sechs bis acht Stunden versorgt wird, stirbt er ab. Ich bin dann in der Nacht notoperiert worden. Die ganze Geschichte war einfach ein Wahnsinn. Ich habe im Krankenhaus kein Essen bekommen, meine Freundin, die aus Salzburg eingeflogen ist, hat mich versorgt. Ein Jahr später musste ich in Deutschland nochmals operiert werden. Das Material, mit dem meine Brüche zusammengeschraubt worden waren, wurden ausgetauscht. Mein erster Wettkampf war dann 2013 in Kitzbühel. Ich bin damals bei der Weltmeisterschaft siebenter geworden. Bei der Fahrt aufs Kitzbüheler Horn hatte ich große Schmerzen, weil ich noch die Nägel in den Knochen hatte. 2015 war ich Dritter beim Weltcup. Jetzt geht es erst richtig los. Ich bin jetzt da, wo ich einmal war, aber die Leistungsdichte hat sich unglaublich weiterentwickelt. Wenn man zehn Sekunden schneller ist, kann man statt auf dem 15. auf dem dritten Platz landen.

Was ist Ihre Stärke?

Radfahren und Laufen. Wer nicht schnell laufen kann, wird nie gewinnen, denn es ist die Enddisziplin. Für die zehn Kilometer brauche ich rund 30 Minuten. Beim Radfahren wird mit 50 bis 60 km/h gefahren. Es gibt immer wieder enorme Antritte, denn jeder, der müde ist, fällt zurück.

Der Qualifikationsmodus für die Olympiade ist enorm anspruchsvoll. Es zählt die Summe der Ergebnisse der acht Weltcup-Wettkämpfe und der WM-Serie, die ebenfalls aus acht Rennen besteht. Das sind 16 Wettkämpfe im Jahr. Wie viele dürfen in Rio starten?

55. Bei der WM-Serie gibt es nur 65 Startplätze. Man muss unter den 65 der Weltrangliste sein, denn sonst kommt man nur rein, wenn einer krank ist oder nicht starten kann. Es ist ein komplizierter Modus, der sich über zwei Jahre hinzieht. Von den 32 Starts in den zwei Jahren zählen die besten 14 Resultate.

Die Wettkämpfe finden in der ganzen Welt statt. Das bedeutet auch einen großen Reiseaufwandund Reisestress.

Von März bis Mai waren acht Wettkämpfe. In Abu Dhabi, eine Woche später war Australien, dann waren drei Wochen Training, es folgte Neuseeland, eine Woche später wieder Australien, eine Woche später China, sieben Tage darauf Südafrika, eine Woche frei, dann Mexiko, und ein Wochenende später Japan. In sieben Wochen sechs Wettkämpfe. Das Problem dabei ist, dass man zwischendurch trainieren muss. Denn die Form ist sehr schnell weg. Dazu kommt die Gefahr von Krankheit bzw. Verkühlungen.

Wie können Sie diesen Aufwand finanzieren?

Es ist extrem schwierig. Der Triathlon-Verband unterstützt mich gut. Weiters das Sportland OÖ, Sponsoren und Partner. Im Projektteam Rio des Ministeriums bin ich leider nicht drinnen. Wenn das anders wäre, hätte ich keine Probleme. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft ändert. Denn die Wahrnehmung wird durch meine Olympia-Teilnahme eine ganz andere. Ich habe die Vision, dass sich durch einen Riesenerfolg einfach mehr Türen öffnen.

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