Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Offene Fragen zum neuen Weinviertel-Klinikum: Das sagen die Experten

Der Standort Stockerau sorgt für Zweifel und Unmut. Der KURIER bat zwei Mitglieder der Standortfindungskommission zum Gespräch.
Ein Chirurg operiert mit Handschuhen und Instrumenten unter hellem Licht.

Viele Argumente wurden bereits gegen das neue Weinviertel-Klinikum in Stockerau vorgebracht. Der KURIER stellte Rainer Ernstberger, Ärztlicher Direktor der Kliniken Korneuburg, Stockerau und Hollabrunn, und Thomas Knoll, Raumplaner, jene Fragen, die aktuell im Raum stehen. Zudem sollen alle Ergebnisse zu den eingereichten Standorten sollen vom Land NÖ veröffentlicht werden.

  • Warum braucht es ein weiteres Schwerpunktklinikum im Weinviertel? 

Weil die Eigenversorgungsquote für klinisch-stationäre Behandlungen in jeder Region mindestens 90 Prozent betragen soll. Derzeit deckt das Weinviertel gerade einmal 64 Prozent ab, in Zukunft sollen es aber 92 Prozent werden. „Wenn jemand keine Behandlung bei einem Schlaganfall kriegt oder sein Kind im Weinviertel nicht untersuchen lassen kann, ist das eine Schande“, sagt Rainer Ernstberger. Die restlichen 8 Prozent betreffen vor allem spezialisierte Behandlungen. Zum Beispiel: Transplantationen werden im AKH durchgeführt, dort ist man darauf spezialisiert.

  • Ist das Weinviertel denn aktuell gut medizinisch versorgt?

Nicht auf die Einwohnerzahl gerechnet. Zum Vergleich: Der Zentralraum hat 410.000 Einwohner, das Weinviertel 330.000. Dennoch gibt es große Unterschiede im Angebot: Der Zentralraum hat drei neurologische Abteilungen, das Weinviertel eine. Ebenso gibt es im Zentralraum drei Kinderheilkundeabteilungen, im Weinviertel nur eine. Bei der Kardiologie und der Pathologie ist das Verhältnis jeweils 2:1. „Das sind Planungsfehler, die in der Vergangenheit passiert sind“, so Ernstberger.

  • Warum sind dann zwei Spitäler besser als vier?

Hier argumentierten die Experten mit Fallzahlen: „Wenn nicht genügend Fälle behandelt werden, kann ich in diesem medizinischen Bereich keine Qualität liefern. Das führt auch dazu, dass gute Medizinerinnen und Mediziner das Klinikum verlassen“, erklärt Thomas Knoll.

  • Wieso hat Stockerau gegenüber Hollabrunn den Vorzug erhalten?

Aus Sicht der Raumplanung wurde deduktiv vorgegangen. Grundvoraussetzung war, dass aufgrund der Einwohnerzahlen zwei Schwerpunktkliniken geplant werden, und Mistelbach gibt es bereits. Das neue Klinikum muss also die Spitäler in Korneuburg, Stockerau und Hollabrunn ersetzen. Würde es jedoch in Hollabrunn gebaut, wäre der bevölkerungsstärkste Teil des Weinviertels, von Langenzersdorf bis Stetteldorf am Wagram, nicht ausreichend versorgt. Außerdem wird es in Gänserndorf und Hollabrunn zwei Ambulatorien geben, die die beiden Spitäler ergänzen.

Und auch von den Fahrzeiten her sei Stockerau die sinnvollste Wahl für die gesamte Region. Lediglich im unteren Marchfeld und oberhalb von Retz ist das neue Klinikum nicht innerhalb von 45 Minuten erreichbar. Hier wird bereits jetzt auf Horn und Hainburg ausgewichen.

Grafik, die die Fahrzeiten zu den neuen Schwerpunktspitälern anzeigt.
  • Welche Argumente sprechen gegen Stockerau?

„Bisher gibt es kein substanzielles Argument, das gegen diese Wahl spricht“, so Knoll. Er ist überzeugt: „Jeder, der die Situation objektiv analysiert, wird zum gleichen Ergebnis kommen.“

  • Ist es nicht widersinnig, ein Spital in einer Region zu errichten, die so nahe an Wien liegt? 

Wien spielt für die Eigenversorgungsquote keine Rolle, Tulln übrigens ebenso wenig. Es gehe darum, die Menschen vor Ort gut zu versorgen, so die Experten.

  • Ein Gedankenspiel: Was passiert, wenn ein Bewohner aus Zellerndorf (Bezirk Hollabrunn) im Jahre 2041 einen Schlaganfall erleidet?

Ernstberger: „Er wird ins Ambulatorium Hollabrunn gebracht und sofort untersucht und therapiert. Die Befunde gehen direkt nach Stockerau, da dort mit demselben Computersystem gearbeitet wird. Da sich ein Notarztwagen am Stützpunkt befindet, kann der Patient innerhalb von 20 Minuten auf die Stroke Unit in Stockerau gebracht werden. Wir gewinnen also Zeit, können dem Patienten deutlich schneller helfen.“

  • Stockerau wurde auch als Standort gewählt, weil man durch die Nähe zu Wien für Fachpersonal aus der Bundeshauptstadt attraktiv sein möchte. Wäre es nicht klüger, selbst eine bessere Ausbildung anzubieten?

Für Knoll ein rein politisches Argument. Denn die individuelle Entscheidung, wo man sich ausbilden lässt, hängt nicht nur mit dem Angebot zusammen. Aber: „Wir haben ein großes Reservoir an Leuten in Wien, die für Medizinberufe geeignet sind. Es wäre dumm, wenn wir dieses Potenzial nicht nützen würden“, macht er klar.

Expertengespräch mit Rainer Ernstberger und Thomas Knoll

Rainer Ernstberger (re.), Thomas Knoll

  • Wäre es nicht wirtschaftlicher, ein Spital auf einer bereits versiegelten Fläche wie in Hollabrunn zu bauen, als dafür, wie in Stockerau, ein Sportzentrum verlegen zu müssen?

„Ein Spital am falschen Standort ist immer unwirtschaftlich“, so Knoll. Gelder wie für die Erschließung würden bei einem Großprojekt wie dem neuen Spital lediglich unter Nebenkosten fallen. „Kein Mensch baut eine Investition von derzeit ein bis zwei Milliarden Euro am falschen Standort, nur weil die Nebenkosten geringer sind.“

  • Das neue Spital wird in einem Gebiet liegen, in dem statistisch gesehen alle 300 Jahre ein Hochwasser auftreten kann. Aber gilt dieser Maßstab auch für eine kritische Infrastruktur?

Für Knoll ein klares Ja. „Ich kann ein Krankenhaus alleine schon aufgrund der Investitionskosten viel besser schützen als ein Einfamilienhaus.“

  • Die A22 läuft direkt am neuen Standort vorbei. Lässt sich dieser, angesichts der Einflüsse auf die Luftqualität, als „gesund“ bezeichnen?

Die Luftqualität im Klinikum sei eine Frage der technischen Umsetzung. Aus raumplanerischer Sicht sei die gute öffentliche Anbindung des neuen Standorts sowie kurze Verkehrswege ein Argument gegen Luftverschmutzung. Außerdem sei damit zu rechnen, dass die E-Mobilität deutlich zulege.

  • Ist der neue Standort – im Hinblick auf die A22 und die Lärmbelastung – als Hubschrauberlandeplatz geeignet? 

Die Autobahn sei laut Knoll kein Problem, die Lärmbelastung sei jedoch bei jedem Standort ein zentraler Punkt gewesen. Es werde Schutzmaßnahmen brauchen, jedoch hat Stockerau den Vorteil, dass nur auf einer Seite des neuen Klinikums bewohntes Gebiet liege.

  • Die beiden Unterführungen, die zum Klinikum führen, taugen nicht für große Lkw. Wurde das bedacht? 

Hier brauche es laut Knoll eine Verbreiterung bzw. eine Sicherung gegen Hochwasser. „Das wird technisch zu lösen sein.“

  • Thema Unabhängigkeit: Wie ist das Expertengremium zustande gekommen? 

Es wurde vom Gruppenleiter für Gesundheit und Soziales zusammengestellt.

  • Gab es Interventionen im Bezug auf den Standort? 

Die Experten versichern: „Nein“.

Kommentare