Aus für Notarzt im Weinviertel: „Ein medizinischer Kahlschlag“
Es war nur eine Frage von Minuten, bis die Debatte hochemotional wurde. „Weiß die Expertenkommission eigentlich, dass hinter Hollabrunn noch Menschen leben?“, ließ der ehemalige Bürgermeister von Pulkau , Manfred Marihart , seinem Frust freien Lauf.
Am Donnerstagabend ging es beim Diskussionsformat „Ein Ort am Wort“ in Zellerndorf um den Gesundheitsplan 2040+, im Zuge dessen die drei Landeskliniken Hollabrunn , Stockerau und Korneuburg zu einem neuen Schwerpunktspital in Stockerau zusammengefasst werden. Außerdem soll der Notarztstützpunkt in Retz geschlossen werden, nur jener in Hollabrunn bleibt erhalten. „Was da passiert, ist ein medizinischer Kahlschlag“, kritisierte Marihart – und erhielt dafür Jubelrufe und Applaus.
Die große Angst vieler Bewohnerinnen und Bewohner im Retzerland liegt auf der Hand: Sollte ein Notfall eintreten, ist der Weg weit – sowohl für Betroffene, die künftig eine dreiviertel Stunde ins neue Krankenhaus nach Stockerau fahren müssen, als auch für Notfallmedizinerinnen und -mediziner, die sich erst von Hollabrunn aus ins Retzerland vorkämpfen müssen.
„Es geht um die wohnortnahe Versorgung im Notfall. Und der Wohnort darf künftig nicht über Leben oder Tod entscheiden“, argumentierte Rudolf Preyer , der für die Initiative für den Erhalt des Notarztstützpunktes in Retz sprach. Unterstützung erhielt er dabei auch von Medizinern, die als Notfallärzte gearbeitet haben.
„Ich bin viele Jahre als Notarzt gefahren und auch noch in einer Zeit, als wir vom Hollabrunner Notarztstützpunkt Retz versorgen durften und mussten. Und glauben Sie mir, liebe Experten, es war nicht immer sehr lustig, bis hinter Retz zu fahren, bei schlechtem Wetter oder bei nächtlichen oder nebligen Bedingungen“, schilderte Internist Martin Nigischer seine Erfahrungen.
Werner Fetz (ORF) führte durch den Abend.
Was die Diskussion wiederum auf die Standortwahl für das neue Klinikum lenkte: Hollabrunn hatte ein Grundstück dafür eingereicht, zog jedoch den Kürzeren. „Ich verstehe nicht, warum man gleichzeitig den NEF-Stützpunkt in Retz streicht und das Klinikum Hollabrunn“, sagte Gunther Leeb , Arzt in Hollabrunn. Er ortet eine „Ausdünnung“ der Region, obwohl Stockerau durch die Nähe zu Wien schon jetzt eine bessere Versorgung hätte – sofern der Streit um die Gastpatienten endlich beigelegt werde.
„Keine Einflussnahme“
, Rainer Ernstberger , ärztlicher Direktor der Kliniken Hollabrunn, Stockerau und Korneuburg, brach einmal mehr eine Lanze für ein gemeinsames Schwerpunktklinikum, das dafür am neuesten Stand arbeite. Laut Patientenanwalt Michael Prunbauer würden internationale Studien zeigen, dass die Qualität der Behandlung mit der Fallzahl zunehme; der Ort der Behandlung sei nebensächlich.
Unbeantwortet blieb hingegen – trotz mehrerer Nachfragen – was gegen Hollabrunn als Standort für das neue Weinviertel-Klinikum Süd gesprochen habe. Stockerau wurde von einer Standortfindungskommission ausgewählt, der auch Ernstberger angehört hat. Gegen den Verdacht einer Einflussnahme wehrte er sich entschieden: „Man hat versucht, und zwar nach ganz strengen Spielregeln, ein objektives Verfahren zu führen“, betonte er.
Und auch Christian Fohringer , Geschäftsführer von Notruf NÖ , fand im Hinblick auf das Aus für den Notarztstandort Retz klare Worte: „Es wird nicht schlechter, aber das Gesundheitswesen wird definitiv anders werden.“ Schon jetzt sei es nicht möglich, an allen Klinik-Standorten zu jeder Zeit alle Leistungen anzubieten, da „Personal nicht an den Bäumen wächst.“ Umso wichtiger sei es, jetzt vorauszuplanen. Und er versprach: „Jeder Patient, der vor Ort physisch einen Notarzt benötigt, wird auch einen Notarzt bekommen.“
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