„Sphinx ohne Rätsel“: Warum das neue Spital in Stockerau liegen wird
Noch ist alles Zukunftsmusik. Bis das neue Weinviertel-Klinikum Süd in Stockerau errichtet wird, sollen rund15 Jahre vergehen. Kritik an dem gewählten Standort gibt es aber schon jetzt – und das nicht zu knapp.
Denn das neue Krankenhaus wird in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums liegen, in der Alten Au, wo derzeit noch Sportanlagen untergebracht sind. Lärm ist für viele Bewohnerinnen und Bewohner damit vorprogrammiert. Und auch die Tatsache, dass Teile des Areals beim Hochwasser 2024 unter Wasser standen, sorgt für Verunsicherung. Die Landes-Grünen forderten daher Einblicke, wie diese Risikofaktoren in die Entscheidung für den Standort eingeflossen sind.
100 Jahre im Blick
„Der gewählte Standort ist eine Sphinx ohne Rätsel“, erklärt Raumplaner Thomas Knoll gegenüber dem KURIER. Er war Teil jener Kommission, die im Auftrag des Landes den besten Standort für das neue Klinikum finden sollte. Diese setzte sich aus Expertinnen und Experten mehrerer Fachrichtungen zusammen, die die eingereichten Grundstücke anhand eines Bewertungssystems beurteilten. Die Alte Au ging dabei haushoch als bester Standort hervor.
„Da die Umsetzung und die Betriebsdauer einen Horizont von 100 Jahren umfasst, waren alle Fragen von besonderer Bedeutung, die unveränderlich sind“, gibt Knoll Einblicke in die Herangehensweise. Dazu zählen die Siedlungsdichte im Einzugsgebiet, die Anbindung an Straßen und öffentliche Verkehrsmittel, die gute Erreichbarkeit für Blaulichtorganisationen und auch für Personal aus Wien sowie ein urbanes Umfeld. Allesamt Faktoren, bei denen Stockerau und die „Alte Au“ punkten konnten.
Außerdem war die Geografie ein entscheidender Faktor – vor allem da das neue Klinikum eine sinnvolle Ergänzung zum Mistelbacher Spital (zukünftig Weinviertel-Klinikum Nord) sein soll. Auf der Achse Langenzersdorf-Korneuburg-Stockerau sei der Versorgungsbedarf für Patientinnen und Patienten besonders hoch, gleichzeitig musste aber auch Hollabrunn gut vom neuen Standort aus erreichbar sein. „Dies spricht schon alleine von der geografischen Lage für Stockerau“, sagt Knoll.
Die Alte Au ist demnach der Standort, an dem „Patientinnen und Patienten bestmöglich mit Ärztinnen und Ärzten sowie mit Pflegepersonal zusammenfinden“, so Knoll. Was aber nicht heißt, dass die Umsetzung des neuen Spitals nicht auch mit Herausforderungen verbunden ist.
In erster Linie betrifft das die Stadt selbst, die auf dem gewählten Areal ihre – bereits in die Jahre gekommenen – Sportstätten betreibt. Für diese müssen neue Adressen im Stadtgebiet gefunden werden. Und auch in Sachen Verkehr wird wohl Handlungsbedarf bestehen; auch dann, wenn es von der Alten Au bis zur A22 nur ein kurzer Weg ist. „Solche Planungen weisen naturgemäß auch Anforderungen an ein urbanes Verkehrskonzept auf, welches in weiteren Planungen erstellt werden muss“, macht Knoll bewusst.
„Es wäre absurd, einen Standort wegen HQ300 auszuscheiden.“
Raumplaner
Sorgen um eine Lärmentwicklung, vor allem durch Rettungshubschrauber, kann Knoll jedoch relativieren. „Der Standort hat vergleichsweise günstige Voraussetzungen für den Anflug durch Helikopter, da der Schutzbedarf sich im Wesentlichen im Norden konzentriert.“ Dieser sei gesetzlich geregelt und werde durch ein Bewilligungsverfahren gewährleistet. Ausnahme bildet die Alte Au hier keine; auch bei allen anderen Standorten hätte es in Sachen Lärmschutz Planungsbedarf gegeben, so der Experte.
Dennoch sei die Nähe zur Innenstadt ein entscheidender Vorteil – auch für Stockerau. „Der Standort soll in die Stadtentwicklung bestens eingegliedert werden und einen wichtigen Beitrag zur Belebung der Innenstadt leisten.“
Und wie verhält es sich in Sachen Hochwasser? Hier verweist Knoll auf die Einstufung des Areals als „HQ300“, also als ein Gebiet, in dem ein Hochwasser statistisch gesehen durchschnittlich einmal in dreihundert Jahren auftritt. Zum Vergleich: Für Bauland gilt der Grenzwert HQ100.
„Der Wert HQ300 ist keinesfalls ein Grund, einen Standort auszuscheiden“, will Knoll klarstellen. Dieser müsse lediglich in der Planung der Gebäude berücksichtigt werden, was jedoch gängiger Praxis entspreche. „Spätere Generationen werden uns Planer nicht fragen, ob wir eine einfache technische Frage gelöst haben, sondern ob der Standort für die Versorgung der Patientinnen und Patienten sowie dem Personal langfristig der beste ist.“
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