Chronik | Niederösterreich
25.08.2018

Wachau zwischen Moderne und Welterbe-Schiffbruch

In einer der schönsten Landschaften Europas tobt ein Streit um zeitgenössische Neubauten.

Die Wachau ist eine der schönsten Kulturlandschaften Europas. Nicht umsonst genießt das Donautal zwischen Melk und Krems seit dem Jahr 2000 UNESCO-Welterbe-Status. Der besondere Schutz ist Segen und Fluch zugleich – einerseits schätzen jährlich Millionen Besucher die Bemühungen, die Region ursprünglich zu halten. Andererseits stellt sich permanent die Frage, in welchem Ausmaß die Wachau moderne Ansätze verträgt. Besonders deutlich wird dies bei Neubauten im Welterbe-Gebiet. Aktuell erhitzt vor allem der mächtige Rohbau der Landesgalerie in Krems-Stein die Gemüter. Das markante, in sich gedrehte Gebäude, das mit Tausenden Metallplatten verkleidet ist, soll ab 2019 die Schätze der landeseigenen Kunstsammlungen – rund 60.000 Werke – beherbergen. Aber auch andere Bauvorhaben beschäftigen die Wachauer. Und zwar so sehr, dass gar der Rechtsstaat infrage gestellt wird, zeigt der KURIER-Lokalaugenschein.

„Das Welterbe geht unter“, skizziert Anwalt Christian Hirtzberger, Obmann des Arbeitskreises Weltkulturerbe Wachau, ein düsteres Zukunftsbild. Für ihn geht es aber nicht darum, ob Gebäude als schön gelten oder „im brutalen Stealth-Bomber-Stil“ daherkommen. „Manche Bauten sind schlichtweg gesetzwidrig“, sagt Hirtzberger. „Landschaftsschutz und Weltkulturerbe sind Fragen des Rechtsstaats. Es geht um die Einhaltung von Gesetzen und ich klage an, dass genau das nicht passiert.“ Neben der Landesgalerie hat er eine Vielzahl an Gebäuden in der Wachau dokumentiert, die seiner Auffassung nach dem Schutz des Ortsbildes zuwider laufen. Darunter eine Reihe moderner Einfamilienhäuser und auch Weinkeller, zum Teil in Sichtbeton-Optik, die in den vergangenen Jahren errichtet wurden.

Bauordnung

Der Anwalt zitiert die nö. Bauordnung, die verlangt, dass „bau- und kulturhistorisch wertvolle [...] Ortsbereiche und insbesondere designierte [...] Welterbestätten“ berücksichtigt werden müssen, wenn es um Bauform und Volumen sowie Farbgebung bei Neubauten geht. Aktuell ist Hirtzberger etwa ein entstehender Supermarkt in seiner Heimatgemeinde Spitz ein besonderer Dorn im Auge. Seine Kritik richtet sich vor allem an die von Amtswegen zuständigen Stellen in Bezirk und Land, die mitunter Grenzwertiges durchwinken würden. „Da wird offenbar daran gearbeitet, dass die Wachau austauschbar wird. Diese Entwicklung bedroht die Zukunft unserer Kinder“, ist Hirtzberger überzeugt.

Der von der UNESCO eingesetzte oberste Wachauer Welterbe-Schützer Wilfried Posch sieht das ähnlich. Moderne Bauten seien austauschbar, die Wachau aber in der geschützten Form einzigartig. Im Fall der Landesgalerie seien Grenzen überschritten worden.

Ganz anders ein Gutachten, das in der Planungsphase der Landesgalerie Auswirkungen des Baus untersucht hat: Autor Michael Kloos, Stadtplaner aus Aachen, kommt zum Ergebnis, „dass das geplante Gebäude in typischen Stadtansichten zum Teil zwar deutlich sichtbar sein wird, jedoch die mittelalterliche Stadt-Struktur hierdurch keine wesentlichen Beeinträchtigungen erfährt“. Kloos erwartet deshalb „keine gravierend nachteiligen Auswirkungen“ auf den außergewöhnlichen Wert der Welterbestätte Wachau.

Bleibt die Frage, ob Architekten bewusst nach Konfrontation suchen. Nein, glaubt Martina Barth-Sedelmayer, Vorstandsvorsitzende des nö. Architekturnetzwerkes „orte“. Als Gesellschafterin bei „syntax architektur“ kennt sie die Praxis: „Architekten wollen Orte verbessern. Und je mehr sich ändert, umso mehr hängen Menschen am Althergebrachten. Das erleben wir öfter.“ Sensible Regionen wie die Wachau bräuchten zwar strikte Bebauungspläne. „Aber die müssen inhaltlich orientiert sein und nicht formal. Es hat keinen Sinn, Bauelemente oder Bauformen vorzuschreiben.“ Vielmehr müsse definiert sein, welche Nutzung der jeweilige Ort haben soll. Und im Fall der Kremser Kunstmeile sei die Landesgalerie genau am richtigen Platz.

Zur Optik des Baus sagt Barth-Sedelmayer: „Das kann man beurteilen, wenn es fertig und eine Zeit da gestanden ist. Es wird sich einwachsen“. Sie betont: „Es geht hier ja nicht um ein Privathaus, sondern um ein Museum, eine Landmark. Angepasst sein und verstecken ist hier nicht das Ziel.“ Darüber hinaus würden erst die Besucher der Kunstmeile das Werk abrunden: „Wo sich viele Leute treffen und einen Platz nutzen, gibt es Leben.“

Schmetterling

Diese Vision treibt auch Christian Bauer an, den künstlerischen Leiter der Landesgalerie, die „ein echter Treffpunkt“ für die Region werden soll. Er bezeichnet die Architektur als „Maßanzug für diesen Standort, der nur hierher passt“. Das Projekt sei Ergebnis eines langen Entscheidungsprozesses und exakt „für diesen Platz, wo die Kunstmeile auf die Donau trifft, konzipiert“. Bauer im Rückblick auf den Rohbau: „Es hat Phasen gegeben, da war es nicht so einfach, die Schönheit und die herausragende Qualität dieses Baus zu erklären. Jetzt haben wir eine Entwicklung erreicht, wo die Raupe zum Schmetterling wird.“ Das „tanzende Haus von Krems“ verneige sich vor der mittelalterlichen Architektur der angrenzenden Steiner Altstadt.