Hauptsaison: Massen schieben sich durch die engen Gassen.

© KURIER/Gilbert Weisbier

Konzept regt auf
08/08/2016

Tourismus-Aufstand in der Wachau

Scharfe Kritik an Papier, das Betrieben unter anderem nahelegt, ganzjährig offen zu halten.

von Gilbert Weisbier, Matthias Hofer

Seit das neue Tourismuskonzept für den österreichischen Donauraum vorgelegt wurde, reißt die Kritik vor allem in der Wachau nicht mehr ab. Regionale Hoteliers und Wirte beklagen vor allem die steigende Zahl der Schiffstouristen. Diese brächten zwar Frequenz, aber kaum Umsatz, da sie kulinarisch zum Großteil auf den großen Hotelschiffen versorgt würden.

Wie berichtet, sieht das "Tourismuskonzept für den österreichischen Donauraum 2016–2026" Maßnahmen vor, um mehr Gäste anzusprechen und diese länger in der Region zu halten. Ein zentraler Punkt: Betriebe sollen danach trachten, das ganze Jahr offen zu haben. Aktuell läuft in der Wachau vor allem das Saisongeschäft.

"Interessant, dass die ,Tourismus Experten‘ immer wissen, was wir tun sollen und was die Gäste brauchen", schreibt Hans Altmann vom Weingut Jamek in Joching, das Restaurant und Gästezimmer betreibt, dem KURIER. "Vielleicht nimmt man einmal Kontakt mit den Gast- und Hotelbetrieben auf, die die Gäste betreuen und deren Wünsche kennen."

Im Tourismuskonzept wird außerdem empfohlen, künftige Hotel-Neubauten nur mehr in gut frequentierten Donau-Gemeinden zu genehmigen. Die Touristiker wünschen sich außerdem Betriebe mit mehr als 50 Zimmern, um Reisegruppen möglichst gesammelt unterbringen zu können.

Unverständlich

Für Altmann unverständlich: "Ziel sollte ein sanfter, nachhaltiger Tourismus sein und nicht durch Vermassung die letzten guten Gäste vertreiben." Er ist nicht der einzige Wachauer, der die Entwicklung skeptisch sieht. Die Stadt Dürnstein ringt seit Jahren mit den Kosten, die die Infrastruktur für unzählige Gäste sicherstellt, die im Verhältnis zu ihrer Zahl aber kaum Geld da lassen. Kreuzfahrt-Passagiere schlafen an Bord und haben dort Vollpension.

Marktfrage

Generell meint Tourismuslandesrätin Petra Bohuslav zum Urlaub in NÖ: "Es muss immer mehr in Richtung Ganzjahres-Tourismus gehen. Der Markt erfordert das. Die Buchungen werden immer kurzfristiger und die Leute suchen Alternativen zum klassischen Skitourismus im Winter, Spätherbst oder im zeitigen Frühjahr."

Gerade die Wachau habe in der Vergangenheit schon Initiativen gesetzt, um die Sommersaison nach vorne ("Gourmetfestival") und hinten ("Wachau in Echtzeit") zu verlängern. Jetzt gelte es, zusätzliche Nischen zu finden, um den Betrieben mehr Geschäft zu bescheren. "Ich sehe da kein Problem", sagt Bohuslav zum KURIER. So würde etwa aktuell an einem Projekt zum Thema "Advent in der Wachau" gearbeitet. Auch Initiativen, wie etwa kostenlose Gästetaxis, seien vorstellbar. "Wichtig ist aber, dass sich Betriebe in der Region zusammenschließen und ihre Produkte vermarkten." Nachsatz: "Es funktioniert nie, wenn man es von oben verordnet."

Die Wachau zählte 2015 mehr als 633.000 Nächtigungen – 320.000 davon entfielen auf Gäste aus dem Ausland.

Die jungen Leute ziehen lieber weg

Alles andere als sanft empfinden Bewohner des 850-Einwohner-Städtchens Dürnstein den Tourismus. Die jährlich steigende Zahl von Kreuzfahrt-Schiffsgästen macht den Alltag für Einheimische seit Jahren zum Geduldsspiel mit Hürdenlauf-Charakter. Selbst an "schwachen" Tagen wälzen sich Menschenkolonnen durch die engen Gassen des mittelalterlichen Stadtkerns.

Die Nachricht, dass die Gästezahl nach dem Willen der Touristiker weiter zunehmen soll, ist für sie eine Hiobsbotschaft. So etwas mag für andere Gemeinden erfreulich sein, für uns ist das ganz anders", sagt Erhard Schneider.

"Pensionisten müssen sich mit dem Einkaufskorb in der Hand mühsam ihren Weg durch Menschenmassen bahnen. Wer seinen Einkauf nicht vor neun Uhr Früh erledigt hat, muss bitten und betteln, dass ihn die Touristengruppen, die sich um Fremdenführer scharen, mit dem Einkaufskorb durchlassen", erzählt der pensionierte Geschichtsprofessor.

"Ich muss den Durchgang mit einem Band absperren, wenn ich die Haustür zum Lüften öffne. Sonst habe ich wieder eine ganze Reisegruppe im Hof stehen, die glaubt, sie hat ein Museum gefunden. Meine Tochter hat schon bereut, dass sie bei uns den Dachboden ausgebaut hat und eingezogen ist. Wenn man Einkäufe mit dem Auto her bringt, klopfen einem verärgerte Touristen aufs Dach. Und wenn einer der drei Bummelzüge entgegen kommt, muss man durch die halbe Stadt zurück schieben", berichtet Hermine Wagner.

Sie hatte früher Gästezimmer. Aber die Stammgäste hielten den Rummel nicht mehr aus. "Jetzt wohnen sie in Weißenkirchen. Die guten Gäste bleiben weg", seufzt Wagner.

Vermarktung

"Alle vermarkten Dürnstein, aber unsere Stadt hat nur Kosten, die wir Bürger tragen", ergänzt Schneider. "Kein Wunder, dass nur noch vier Familien mit jungen Leuten im Zentrum wohnen, die Jungen ziehen lieber weg", sagt Wagner.

Seit Jahren hofft die Gemeinde, eine generelle Abgabe für jeden Gast einzuführen, der an einer Führung teilnimmt. Doch das sei nicht möglich. Dazu wäre erst eine Gesetzesänderung nötig, heißt es dazu von der Landesregierung.

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