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Chronik Niederösterreich
05/21/2020

Todesfall im Basistunnel: Infopolitik der ÖBB am Pranger

Neuralgische Stelle ist ein Jahr nach dem Einsturz noch immer nicht saniert. Es gibt Komplikationen.

Nach dem missglückten Versuch, im vergangenen Jahr eine Pannenserie im Semmering-Basistunnel nicht publik werden zu lassen, hat die ÖBB in Sachen Informationspolitik Besserung gelobt. Es wurde ein regelmäßiger Newsletter über Ereignisse beim Bau ins Leben gerufen. Im aktuellen Postwurf, der an Tausende Haushalte und alle betroffenen Gemeinden erging und auch online zu finden ist, ist der jüngste tödliche Unfall im Tunnel aber mit keiner Silbe erwähnt. Die Bürgerinitiative BISS spricht von einem „Rückfall in alte Muster“. Es spreche von geringer Wertschätzung gegenüber den hart arbeitenden Mineuren, ein solches Unglück völlig unerwähnt zu lassen, so die BISS.

Ende April ist der 53-jährige Kärntner Mineur Josef F., wie berichtet, beim Bau eines Quertunnels zwischen den beiden Tunnelröhren von herab stürzenden Erd- und Betonmassen lebendig begraben worden. Die Mineure waren dabei, die Tunneldecke mit Spritzbeton zu verkleiden und mit Sicherungsankern zu versehen. Obwohl der Verschüttete von Kollegen noch mit bloßen Händen ausgebuddelt wurde, kam für ihn jede Hilfe zu spät. Das Unglück ereignete sich just in jenem Abschnitt des Tunnels (3,5 Kilometer vom Tunnelportal Gloggnitz ins Berginnere), in dem es zu Ostern 2019 zu einem massiven Einsturz kam. Die Folge war eine Kraterbildung im Wald über den beiden Röhren – so groß, dass ein Einfamilienhaus in den zehn Meter tiefen Krater gepasst hätte.

Obwohl die ÖBB beteuerten, dass der Vorfall mit den problematischen, inhomogenen Gesteinsschichten in dem Abschnitt zu tun habe, schließt man einen Zusammenhang mit dem tödlichen Arbeitsunfall Ende April definitiv aus. "Die Sachen haben nichts miteinander zu tun, vor allem nicht aus geologischer Sicht", sagt der Projektleiter des Semmering-Basistunnel, Gerhard Gobiet.

Der Unfall wird von Polizei und dem Arbeitsinspektorrat untersucht. Demnach könnte es ein Problem beim Einsatz mit dem Spritzbeton gegeben haben. "Der Tunnelbau ist leider sehr gefährlich. Wir hatten viele Jahre Glück und eine unfallfreie Zeit und jetzt ist leider etwas passiert", so Gobiet. Ausschließen lasse sich so etwas leider nie.

Dass das tödliche Unglück mit keinem Wort im Bau-Newsletter Niederschlag findet, liegt laut ÖBB-Sprecherin Juliane Pamme an der zeitlichen Überschneidung. "Für den Druck und Versand bedarf es einer entsprechenden Vorlaufzeit", so Pamme. Allerdings wurde das Unglück auch nicht in der Online-Version berücksichtigt, und diese ist erst seit Mittwoch auf der ÖBB-Seite zu finden. Der Vorfall werde aber natürlich in der folgenden Ausgabe berücksichtigt, sagt Pamme.

Was den Einsturz vor einem Jahr betrifft, so haben die Tunnelbauer die neuralgische Stelle immer noch nicht passiert. Der Abschnitt muss erst über einen Interventionsstollen mit horizontalen Pfählen stabilisiert werden. Erst danach kann der Bagger- und Sprengvortrieb auf Gleis 1 weitergehen. In der anderen Tunnelröhre (Gleis 2) finden die Arbeiten unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen statt. Der Tunnel muss dort mit Querverstrebungen gesichert werden. Die Probleme haben Auswirkungen auf den Zeitplan. Der Bau wird frühestens 2027 fertig sein, ein Jahr später als geplant.