Prozess gegen Wiener Banker.

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Stiefbruder erschossen?
03/21/2017

Tag der Gutachter im Mordprozess gegen Wiener Banker

Am zweiten Verhandlungstag waren die Sachverständigen am Wort.

von Ricardo Peyerl

Nach der vermutlich entlastenden Aussage seiner Ex-Frau – einer Staatsanwältin – bekam der Wiener Banker Andreas S. am zweiten Tag im Mordprozess weitere Schützenhilfe. Die Kronzeugin war am Montagabend unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Zeugenstand getreten, sie dürfte das von der Anklage angenommene Eifersuchtsmotiv erschüttert und die Unfallversion ihres Ex-Mannes gestärkt haben.

Am Dienstag kamen die Sachverständigen zu Wort, darunter der Gerichtspsychiater Werner Brosch. Er hatte untersucht, ob ein Greifreflex des Angeklagten zum tödlichen Kopfschuss auf seinen Stiefbruder geführt haben könnte. Andreas S. behauptet ja, seine Pistole sei plötzlich losgegangen, als er sie Eric J. gezeigt habe. Er will die Waffe in der linken Hand gehalten und in einer Drehbewegung mit der rechten Hand nach einem Gegenstand auf dem Küchentresen gegriffen haben. In seinem Gutachten kommt Brosch zum Ergebnis, dass sich „die gesamte, alkoholbedingt ohnedies bereits erschwerte Aufmerksamkeit des Beschuldigten auf die Drehbewegung des Oberkörpers, Greifbewegung der rechten Hand und Aufrechterhaltung des Gleichgewichts verschoben hat.“ Eine „unwillkürliche Mitbewegung der linken Hand, ein unwillkürlicher Faustschluss, damit auch eine Beugung des am Abzug befindlichen Zeigefingers“ erscheine dadurch „sogar wahrscheinlich.“

Strittige Position

Die deutsche Sachverständige für Blutspurenmuster-Analyse, Silke Brodbeck, kommt der Unfallversion des Bankers hingegen weniger entgegen. Sie hält eine „gezielte Schussabgabe“ für wahrscheinlich, wobei sie den Angaben des Angeklagten zu seiner Position nicht glaubt. Andreas S. will auf einem Barhocker vor der Küchentheke seinem Stiefbruder direkt gegenüber gesessen sein. Laut Brodbeck sprechen die Blutspuren und der Auffindungsort der Patronenhülse zwingend dagegen. Der Angeklagte müsse hinter der Küchentheke gestanden und Eric J. von dort aus ins Visier genommen haben.

Dem widersprachen jedoch der Schießsachverständige Ingo Wieser und der Chemiker Reinhard Binder. Letzterer hält es anhand der Schmauchspuren für wahrscheinlicher, dass der Schütze vor der Küchentheke positioniert war. Und Wieser erklärte, von der Lage der Patronenhülse sei ein Schluss auf den Ort der Schussabgabe „nicht möglich.“ Auch Gerichtsmediziner Christian Reiter stützt die Unfallversion.

Das Urteil ergeht am Mittwoch.

Prozessregie für eine Staatsanwältin

"Die Optik erklärt sich von selbst", sagt Sektionschef Christian Pilnacek vom Justizministerium. Und sie ist verheerend, auch wenn man derzeit keinen disziplinären Handlungsbedarf sieht. Eine Staatsanwältin, die als mögliche Motivquelle in einen Mordprozess verstrickt ist, verweigert vor Ermittlern ihre Aussage. Das ist als Ex-Gattin des Angeklagten ihr Recht. Zwei Tage vor Prozessbeginn bricht sie aber im Interview mit einem Magazin ihr Schweigen – und eine Lanze für ihren Ex. Sie breitet aus, was das Gericht – schau ma mal – vielleicht offiziell auch noch erfahren wird. Die Prozessregie des Gerichts ist dann (zur Verwirrung der Geschworenen) darauf abgestellt, der Kollegin für ihren Zeugenauftritt Publikum inklusive Reporter zu ersparen: Ihre Aussage findet erst am Abend statt – und bleibt zur Wahrung ihres "höchstpersönlichen Lebensbereiches" geheim. Was für ein Theater!

Von Ricardo Peyerl

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