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Kampf dem Pflegemangel: Der pakistanische Traum von St. Pölten

Bald sollen 15 Personen von Karatschi nach Österreich übersiedeln. Hier wird Hilfe im Gesundheitswesen gebraucht, umgekehrt hoffen die Teilnehmer auf eine bessere Zukunft.
Agnes Preusser aus Pakistan
Drei medizinische Fachkräfte in weißen Kitteln stehen in einem Krankenhauszimmer des MALC.

„Auf Deutsch“, sagt Sheeraz nicht ohne Stolz auf die (auf Englisch gestellte) Frage, in welcher Sprache er das Interview führen möchte. Er hat in seine Wohnung in Karatschi in Pakistan geladen und will den Besuchern aus Österreich ganz offensichtlich beweisen, dass er es mit seinem Traum ernst meint. Dem Traum von einem Umzug nach St. Pölten.

Der 43-Jährige ist ausgebildeter Intensivkrankenpfleger und eine von 15 Personen, die für ein Pilotprojekt der Caritas ausgewählt wurden. Sie werden in Pakistan fachlich vorbereitet und erhalten eine Intensiv-Ausbildung in deutscher Sprache, Sheeraz selbst spricht bereits auf B1-Niveau.

Anschließend sollen die Pflegekräfte nach Österreich kommen und eben in St. Pölten in den Pflegeeinrichtungen der Caritas mitarbeiten.

Sheeraz, verheiratet und Vater von fünf Kindern, wird alleine nach Österreich kommen – allerdings mit dem Ziel, richtig Fuß zu fassen und seine Familie nachzuholen. Dass das Vorhaben von allen nicht nur mitgetragen, sondern sogar gelebt wird, zeigt sich unter anderem daran, dass die Kinder ebenfalls begonnen haben, Deutsch zu lernen und sich mit dem fremden Land zu beschäftigen. Die beiden Älteren spielen Gitarre und sind fasziniert davon, einmal die Heimat der klassischen Musik besuchen zu können, wie sie erzählen.

Große Unterschiede

Ihre eigene Heimatstadt Karatschi ist mit rund 15 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Der Verkehr auf den Straßen ist nach europäischen Maßstäben horrend.

Ein einheitliches Bild der Stadt ist nicht zu zeichnen. In manchen Straßenvierteln sieht man kaum Frauen oder höchstens verschleierte, in anderen trifft man auch in Führungspositionen Frauen an, und das ohne Kopftuch. Es gibt hier extreme Armut mit bettelnden Kindern und auch absoluten Wohlstand mit schicken Bars am Strand.

Eine sechsköpfige Familie steht gemeinsam in einem Wohnzimmer und lächelt in die Kamera.

Pflegerin Nasreen im Kreis ihrer Familie.

Alles für die Kinder

Sheeraz’ Wohnung ist klein, alle Kinder schlafen in einem Zimmer, das aber auffallend liebevoll gestaltet ist, unter anderem mit einem Bettgestell, das in dem Stil des Pixar-Animationsfilm „Cars“ einem Auto nachempfunden ist.

Den eigenen Kindern eine bessere Zukunft zu bieten, ist für viele das zentrale Motiv, sich dem Abenteuer Österreich zu stellen.

Und es sind nicht nur die Väter, die gehen. „Es ist schwer für mich, ohne meine Kinder nach Österreich zu fliegen. Aber ich mache alles für sie und bin psychisch darauf vorbereitet“, sagt etwa Nasreen, die mit Sheeraz oft gemeinsam Deutsch lernt. Und ihr Mann? „Der freut sich für mich.“

Um die Ecke des Gebäudes, in dem Sheeraz wohnt, gibt es Stände mit Gewürzen, an denen Essen verkauft wird, darunter Fleisch, das bei rund 40 Grad ungekühlt dargeboten wird. Dort hat die Familie aber nicht für die ausländischen Gäste eingekauft, stattdessen gibt es, vielleicht auch aus Rücksicht auf die ungeeichten Mägen der Besucher, Menüs von Kentucky Fried Chicken. Gastfreundschaft ist etwas, das das Land besonders auszeichnet. Ohne einen Chai, in Pakistan besonders milchig und süß zubereitet, getrunken zu haben, verlässt man so gut wie nie einen Raum.

Vorfreude auf christliche Feste

Was auch eine große Rolle spielt, ist Religion. Mehr als 96 Prozent der Stadtbewohner sind Muslime. Lediglich 2,42 Prozent sind Christen, darunter auch Nasreen und Sheeraz. Mit ein Grund, warum sie sich auf Österreich freuen – gemeinsam die kirchlichen Feste zu feiern, steht ganz oben auf der Wunschliste.

Die Idee, Menschen aus Drittstaaten für das heimische Gesundheitssystem zu gewinnen, ist nicht neu. In Österreich gibt es mehrere solcher Initiativen. Die Gründe liegen auf der Hand: Wegen der alternden Gesellschaft und schwacher Geburtenraten schlittert Österreich in eine veritable Pflegekrise. Bis 2030 werden ungefähr 51.000 zusätzliche Pflege- und Betreuungskräfte benötigt, wie es bereits 2023 bei der Gesundheit Österreich GmbH hieß.

Wien plant in den kommenden fünf Jahren bis zu 600 Pflegefachkräfte aus Drittstaaten zu rekrutieren. Allein heuer holt Oberösterreich 100 neue Pflegekräfte – vorwiegend von den Philippinen und aus Kolumbien.

Junge Bevölkerung

Pakistan ist bei der Caritas St. Pölten deswegen im Fokus, weil es mit rund 250 Millionen Einwohnern eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt ist. Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Das Land verfügt also über etwas, das Österreich nicht hat: eine sehr junge und wachsende Bevölkerung.

Das Pflegeprojekt wird übrigens nicht wie andere Caritas-Engagements über Spenden finanziert. „Die Kosten werden aus Mitteln des Pflegebereichs getragen, weil die ausgebildeten Fachkräfte später auch dort tätig sein werden“, sagt Christoph Riedl, Generalsekretär der Caritas St. Pölten (siehe Interview).

Wer spendet, hilft hingegen bei Landwirtschaftsprojekten, Programmen zur Stärkung von Frauen oder anderen Gesundheitsprojekten.

In Österreich sollen Nasreen, Sheeraz und die anderen Pflegekräfte nicht nur arbeiten, sondern sich auch heimisch fühlen. Sie sollen Teil der „Caritas-Familie“ werden und bei der Integration unterstützt werden. Wer sie mir offenen Armen empfängt, wird sicher mit einem gemeinsamen Chai belohnt.

Die Reise wurde zum Teil von der Caritas finanziert.

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