Chronik | Niederösterreich
30.04.2017

"Schießt sie ab, die Mistviecher"

Ein Team sammelt Daten über Österreichs erstes Wolfsrudel und leistet Naturschutz-Pilotarbeit.

Anonyme Anrufer, die "Schießt sie ab, die Mistviecher!" ins Telefon brüllen, meinen damit die Mitglieder jener Wolfsfamilie, die sich vergangenes Jahr auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig im Waldviertel niedergelassen hat. Die Empörung mancher Menschen ist so groß, dass sie den Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit/Raumnutzung des Übungsplatzes , Christian Kubitschka, als "Wolfzüchter" beschimpfen und sich nicht scheuen, mit unterdrückter Nummer dessen pensionierten Vater anzurufen.

Das steckt Kubitschka weg. Eines ist ihm aber klar: "Mit dem Wolf hat sich alles verändert." Als Herr über Forst und Jagd auf dem größten Truppenübungsplatz Österreichs muss er es wissen. Denn bei dem Heeresmitarbeiter laufen die Fäden eines bundesweit beispielhaften Monitoring-Projektes zusammen. Das helfen soll, ein Modell für ein zukünftiges Zusammenleben mit dem Tier abseits irrationaler Ängste und Klischees zu entwickeln. Die Chance dazu geben die geschützten Bedingungen des 157 Quadratkilometer großen, militärisch überwachten Geländes.

Fakten

Kubitschka, ausgebildeter Förster, bemüht sich, in all der Aufregung Fakten beizutragen. "Das ist Österreich. Man regt sich auf, streitet. Wichtig ist, dass es eine offene Diskussion gibt, dass Fakten auf dem Tisch liegen und man sich am Schluss einigen kann", sagt er gelassen. Zu diesem Zweck arbeitet er – unter Oberhoheit des leitenden Heeresökologen Ottokar Jindrich – mit Christian Eder, Leiter der Abteilung Ökologie/Jagd, und Unteroffizier Josef Kugler zusammen. Ihr Ansprechpartner ist auch der Österreichische Wolfbeauftragte Georg Rauer.

Eder und Kugler leisten einen großen Teil der Basisarbeit im Team. Sie tragen alle Informationen über gerissene Wildtiere zusammen. Beobachten aber auch das Verhalten des Wildes, das unsteter ist als früher. Sie werten Pfotenabdrücke, aufgefundene Exkremente, Beobachtungen von Soldaten und Fotos der Wildkameras aus. Tragen alles in Karten und Tabellen ein. "Wir verfolgen Wölfe bewusst nicht und geben ihnen auch keine Namen. Aber wir haben schon sehr viel Erfahrung. Deshalb werde ich oft zu Vorträgen eingeladen", erzählt Kubitschka.

Dort informiert er offen, hält nichts zurück. Dass er die Menge des vom Rudel verzehrten Wildfleisches für 2017 auf mehr als 13.000 Kilo schätzt, schockt manchen Jäger.

"Hier laufen alle Informationen zusammen. Hier wollen wir auch alle Beteiligten an einen Tisch holen", sind Kubitschka und sein Chef Jindrich einig, der ergänzt: "Ein Meilenstein. Wir haben die Chance auf eine Vorreiterrolle im Naturschutz unter Europas Streitkräften."

Wirtschaft

Gleichzeitig muss Kubitschka gewährleisten, dass der Truppenübungsplatz wie bisher Ertrag abwirft. In Form von Holzernte und Jagd. Die Anwesenheit der Wölfe wirft nämlich auf dem Truppenübungsplatz alle bisherigen Bewirtschaftungspläne über den Haufen. Die hätten zum Ziel gehabt, das Rotwild aus den Wäldern heraus auf Freiflächen zu bringen, um Verbiss-Schäden an Bäumen – den Holzlieferanten – zu vermeiden. Dafür reduzierte man schon die Zahl der Hirsche, bevor der Wolf sich niederließ.

Sicherheit

Dazu kommt, dass erhöhte Sicherheitsstandards das Mähen offener Flächen wegen Blindgänger-Gefahr verhindern. Wo nun Buschwerk aufkommt, finden die Wölfe ideale Deckung für ihre Jagdmethode. So ist von einem mehrere hundert Stück starken Bestand an Mufflons (große Wildschaf-Art) nur eine Handvoll Tiere übrig. Auch der Rotwildbestand schmilzt. "Das hat für Jagdnehmer spürbare Auswirkungen. Die sehen viel weniger Wild, wollen wohl bald über die Pachthöhe nachverhandeln", sagt Kubitschka.

Debatte um die Zahl der Nutztier-Risse

Von Hunderten gerissenen oder in Panik abgestürzten Tieren berichteten Almbewirtschafter bei der jüngsten Jägertagung in der Steiermark vor einem großteils aus Jägern und Grundbesitzern bestehendem Publikum.
Die Frage, wie viele es wirklich bisher waren, sei schwer zu beantworten, meint Österreichs Wolfbeauftragter Georg Rauer (Foto). In vielen Fällen gebe es keine Gelegenheit, eine DNA-Analyse zu erstellen. Außerdem sei ein Zusammenhang kaum nachweisbar, wenn Besitzer vermuten, dass Tiere aus Angst vor dem Räuber abgestürzt seien. Entschädigt wird daher kulanzweise auch, wenn nur die Anwesenheit des Wolfes im gleichen Almgebiet gesichert ist. Der Pauschalsatz in Salzburg beträgt beispielsweise 220 Euro für ein erwachsenes Schaf.
Folgende Zahlen – bezogen auf entschädigte Tiere – hat Rauer bisher erhoben: Seine Liste beginnt im Jahr 2009 mit 83 Rissen, 2010 waren es 117. Die zahl sank 2011 auf 15 und stieg 2012 wieder auf 45. 2013 waren es 23, 2014 mit 28 etwas mehr. Die größte Zahl wurde 2015 mit 158 erreicht. 2016 waren es 35. Im Durchschnitt also 63 gerissenen Tiere jährlich. Zu 90 Prozent sind Schafe betroffen.
Laut Internetseite des Bundesschafzuchtverbandes halten in Österreich 14.400 Betriebe rund 357.000 Schafe, was eine Herdengröße von durchschnittlich 25 Tieren bedeutet.