Chronik | Niederösterreich
11.03.2018

Schicksalstag nach tödlichem Stich ins Herz

Am Mittwoch muss sich der 19-jährige Johannes S. am Landesgericht Korneuburg für den Tod seines Vaters vor Gericht verantworten.

Es ist seit Wochen ein banges Warten. Am kommenden Mittwoch entscheidet sich im Landesgericht Korneuburg das Schicksal des 19-jährigen Johannes S.. Der HTL-Schüler hat den Tod seines Vaters verursacht, damit muss er für immer leben. Aber muss er dafür auch ins Gefängnis? Es sind die Umstände, die diesen Fall so einzigartig machen. Johannes hatte sich vergangenen August in Ebergassing (NÖ), wie berichtet, im Zuge eines heftigen Streits gegen die Schläge seines Vaters gewehrt und ihm einen tödlichen Bruststich mit einem Messer zugefügt. Wie die Ermittlungen zu Tage brachten, hatte die gesamte Familie jahrelang unter der tyrannischen Herrschaft des Vaters gelitten.

Ein jahrelanger Druck, der sich in der Tropenhitze des 4. August 2017 entlud. Auch an diesem Tag hatte Gerhard S. seinen Sohn wegen einer Lappalie beschimpft und mit Fäusten attackiert. Die Anklage lautet deshalb auch nicht auf Mord, sondern auf Körperverletzung mit tödlichem Ausgang. Das Strafmaß dafür beträgt bis zu 15 Jahre Haft. "Ich habe von Anfang an die Meinung vertreten, dass es Notwehr war", sagt Anwalt Martin Preslmayr. Das sieht auch die Staatsanwaltschaft so, wenngleich sie einen Notwehr-Exzess sieht. Das heißt: "Die Tat sei nicht das richtige Mittel, um den Angriff abzuwehren", erklärt Preslmayr. Johannes war allerdings in Todesangst. "Er hat wirklich geglaubt, ihm schlägt die letzte Stunde. Für mich steht der Mensch im Vordergrund. Das Leben eines jungen Mannes, der vom Leben bisher ohnehin nicht begünstigt war. Und der niemanden töten wollte." Er habe sich nur verteidigen wollen.

Positives Gefühl

Aber wie geht es dem 19-Jährigen in dieser Ausnahmesituation? Johannes geht seit seiner Enthaftung im Herbst wieder in die Schule. Vor dem Prozess ist er zuversichtlich. "Ich meine, ich werde mit einem positiven Gefühl reingehen und wir denken, ich gehe da auch wieder raus."

Die Familie ist mit der Aufarbeitung des Traumas beschäftigt. Johannes leidet unter Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen. "Ich bin in Therapie", erzählt der 19-Jährige. "Im Moment schiebe ich das aber zur Seite." Johannes’ 22 Jahre alter Bruder übernimmt den Bauernhof der Familie. "Meine Mutter hat anfangs gedacht, dass es nicht schaffbar ist, aber es geht ganz gut. Mein Vater hat ihr immer eingeredet, dass sie nichts kann. Wenn du das jahrelang eingetrichtert bekommst, glaubst du es auch irgendwann. Und nun merkt sie, dass das nicht stimmt."

Der Vater sei immer schon hochgradig aggressiv und gewalttätig gewesen. "Die Mutter wurde mehrmals verletzt. Das wird auch bei der Hauptverhandlung dargelegt werden", so Preslmayr. Johannes erinnert sich gut an den Unglückstag: "Mein Vater ist generell leicht reizbar gewesen. An dem Tag war es sehr heiß. Meine Mutter glaubt, dass die Hitze noch mal einen kleinen Push gegeben hat." In WhatsApp-Nachrichten ist dokumentiert, dass die jüngere Schwester aus Angst vor dem Vater sogar alle Messer versteckte.

Vermisst er seinen Vater manchmal? "Wenn ich im Zug sitze und ein Kind spielt mit seinem Vater, dann werde ich ein bisschen neidisch. Jedes Kind wünscht sich, so einen Vater zu haben. Aber wenn es nicht so ist, ist es nicht so. Meine Mutter ist eh recht g’schmeidig drauf, mit der habe ich echt ein Glück."