Schatz aus 4.000 Meter Tiefe: Thermalwasser für Energiewende
EVN Projektleiter Richard Scholey, Kurt Decker von der Universität Wien, EVN Wärme Geschäftsführer Gerhard Sacher
Der Krieg im Iran hat die Lage noch deutlich verschärft. In Mitteleuropa sprechen Ökonomen und Politiker offen von einer drohenden Energiekrise. Der Preis für Erdgas, Treibstoff und Strom droht weiter zu steigen.
Vor diesem Hintergrund arbeiten heimische Energieversorger mit Nachdruck daran, unabhängiger vom internationalen Markt und geopolitischen Entwicklungen zu werden. In Niederösterreich führt der Weg in die Energiezukunft mehrere Tausend Meter tief in die Erdkruste. Man sitzt auf einem geologischen Wärmeschatz, heißt es vonseiten der EVN und dem Land Niederösterreich.
Unabhängig werden
Mit einer Tiefen-Geothermieanlage und einem Investment von rund 100 Millionen Euro will man diesen Wärmeschatz demnächst heben. Dem heißen Thermalwasservorkommen entlang der Thermenlinie im Wiener Becken wird nachgesagt, das Potenzial dazu zu haben, die Abhängigkeit von fossiler Energie zu senken.
Um das geothermische Potenzial der Region präzise zu bestimmen, setzen die EVN und die Universität Wien auf eine Kombination aus seismischer Messung und geologischen Bohrungen. Zu diesem Zweck wurden über mehrere Wochen rund 240 seismische Sensoren im südlichen Wiener Becken vergraben – verteilt über eine Fläche von etwa 220 Quadratkilometern, von Achau bis Schwechat. Diese sogenannten Geophone messen das natürliche seismische Grundrauschen der Erde. „Dadurch lassen sich Rückschlüsse auf die Struktur der Gesteinsschichten in mehreren Kilometern Tiefe ziehen. Unterschiedliche Gesteine verändern die Ausbreitung der seismischen Wellen – so entsteht ein erstes geophysikalisches Modell des Untergrunds“, heißt es von der EVN.
Mitarbeiter der Uni Wien mit EVN Geothermie-Programmleiter Gregor Götzl (r.).
Wie der Geothermie-Projektleiter des Energieriesen, Gregor Götzl, erklärt, lassen sich mit der Methode erstmals großflächig und völlig schonend Hinweise darauf gewinnen, wo sich tiefgelegene, wasserführende Gesteinsschichten befinden. Die Daten bilden die Grundlage für die Standortsuche von künftigen Tiefen-Geothermieanlagen.
Probebohrung für Forschungszwecke
Parallel zur seismischen Untersuchung läuft am Sooßer Lindkogel in Bad Vöslau (Bezirk Baden) eine Forschungsbohrung. Die führt in rund 70 Meter Tiefe und hat das Ziel, den Wettersteindolomit zu untersuchen. Das Gestein, das im Wiener Becken normalerweise mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche liegt, tritt am Lindkogel an der Oberfläche auf.
240 seismische Messsonden wurden in NÖ vergraben.
Laborarbeit
Die Bohrkerne werden in den Labors der Universität Wien auf deren geologische Eigenschaften analysiert, insbesondere auf die Durchlässigkeit des Thermalwassers. „Ein entscheidender Faktor für die geothermische Nutzung“, so die EVN. „Die Untersuchungen liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, wie sich das Gestein unter realen Bedingungen verhält“, sagt Kurt Decker von der Universität Wien.
Die Probebohrungen sind Teil des Forschungsprogramms „Geowärme Niederösterreich“. Die EVN verfolgt den Plan, bis 2030 die erste Tiefen-Geothermieanlage in Betrieb zu nehmen; bis 2035 soll eine zweite folgen. Den Prognosen nach könnten damit bis zu zehn Terawattstunden Wärme erzielt werden – genug, um etwa 900.000 Haushalte zu versorgen. In ganz Niederösterreich gibt es rund 765.000 Haushalte.
Probebohrung in Bad Vöslau
Technisch gesehen funktionieren die Anlagen im Tauschprinzip: Eine erste Bohrung entnimmt das heiße Thermalwasser aus einer Tiefe von rund 4.500 Metern. Die Wärme wird danach in einer Geothermieanlage an der Oberfläche in das Fernwärmenetz eingespeist.
Wasser geht zurück in die Tiefe
Das abgekühlte Wasser wird durch eine Injektionsbohrung danach wieder in die Gesteinsformation zurückgefördert – ein geschlossener Kreislauf, wie man betont. „Diese Anlagen werden für eine Lebensdauer von 80 bis 100 Jahren gebaut – wir schaffen hier ein echtes Generationenprojekt“, sagt Götzl.
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