© Sophie Seeböck

Chronik Niederösterreich Sankt Pölten
02/08/2021

Verdrängt, aber nicht vergessen: Das jüdische St. Pölten

Martha Keil, die Leiterin des Instituts für Jüdische Geschichte, zeigt die jüdischen Spuren in der Landeshauptstadt.

von Sophie Seeböck

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Fast endlos lange erscheint die städtische Friedhofsmauer entlang der St. Pöltner Karlstettner Straße. Doch kurz bevor die Stadt in Feldern ausläuft, geht die Mauer in einen schmiedeeisernen Zaun über, der ein vergessen anmutendes Areal abtrennt: Den Neuen Jüdischen Friedhof der Landeshauptstadt.

Integration im Tod

Dass die jüdischen Gräber am Rande des städtischen Friedhofes liegen, könnte man als Symbol für die Verdrängung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) an den Rand der Gesellschaft deuten. Für Martha Keil, Leiterin des in St. Pölten befindlichen Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, hat das aber eine andere Bedeutung. „Man könnte es als Integration im Tod sehen, dass der jüdische gleich an den städtischen Friedhof angrenzt“, meint die Historikerin, als sie das rostige Friedhofstor öffnet. 

Dahinter liegt die 1906 erbaute Zeremonienhalle des Friedhofes. Im Jahr 2000 wurde sie renoviert, die 20 Jahre seitdem haben aber wieder Spuren hinterlassen. Die auf die Fassade gemalten deutschen und hebräischen Lettern beginnen langsam abzublättern und auch im Gebäude selbst löst sich die Wandfarbe. 

Da die IKG St. Pölten nicht mehr existiert, ist nun die IKG Wien für den Friedhof zuständig

Die Fenster der Zeremonienhalle sind noch original erhalten

Steintafeln erinnern an die lange jüdische Geschichte St. Pöltens

Im Gebäude befinden sich lediglich zwei Parkbänke und ein Pult. Die kunstvollen Sternen-Fenster sind noch original erhalten und auch Steintafeln weisen auf die lange jüdische Geschichte der Landshauptstadt hin.

Verlassen

Keil nimmt es gelassen: „Es sah hier schon viel schlimmer aus“, erzählt sie. „Ich bin erstaunt, dass der Friedhof heute in einem so guten Zustand ist“. Einen verlassenen, fast verwunschenen Eindruck macht er trotzdem. Morsche Äste hängen von den Bäumen oder liegen abgebrochen auf den Gehwegen. Viele Grabstätten drohen zu überwuchern, einige Grabsteine sind umgekippt.

Zwischen den Gräbern wächst so mancher Strauch

Manche Grabsteine kiptten bereits um

Grabstätten wuchern zu

In Kriegszeiten waren nur wenige Ressourcen für Grabsteine übrig

Ein Grabstein wurde sogar von einem mittlerweile gefällten Baum umgestoßen

Schmiedeeisene Umrandungen der Gräber gibt es kaum mehr, da diese während und nach dem 2. Weltkrieg gestohlen wurden

Manche umgekippten Grabsteine sind sogar zerbrochen

Dieses Grab ist fast komplett zu gewuchert

Das erklärt, warum das Tor zum Friedhof auch aus Sicherheitsgründen versperrt ist. Der Schlüssel dafür kann von der Friedhofsverwaltung abgeholt werden. Da nur mehr wenige Nachkommen der am Friedhof begrabenen Personen in der Nähe leben, ist die Stadt St. Pölten für die Pflege verantwortlich. 

Keine Sanierung geplant

Im Washingtoner Abkommen von 2001 hat sich die Republik Österreich zur Restaurierung und teilweisen Erhaltung der jüdischen Friedhöfe verpflichtet. Laut Keil steht der St. Pöltner Friedhof derzeit aber nicht auf der Liste der Sanierungsvorhaben des Bundes. Zuerst muss die Stadt eine Pflegevereinbarung unterzeichnen.

So vergessen wie der Friedhof auch scheinen mag, ist er aber nicht. So zieren Blumen und, wie in der jüdischen Tradition üblich, kleine Steine etliche Gräber. Auch wenn viele Mitglieder der IKG St. Pölten nicht hier begraben sind bzw. im Holocaust ermordet wurden, wird ihrer mit Tafeln gedacht.  

Auf einem einzigen Grabstein ist ein Foto angebracht. Der hier begrabene russische Kriegsgefangene David Teplitzky starb 1917 im Heeresspital Spratzern.

„Vor Kurzem meldete sich eine Frau aus Frankreich bei mir, die ihn als den verschollenen Bruder ihres Großvaters erkannte“, erzählt die Institutsleiterin über diese berührende Begegnung.

Verschwundene Grabsteine

Etwa 400 Menschen haben auf dem neuen Friedhof ihre letzte und, nach jüdischem Glauben, ewige Ruhe gefunden. „Es gibt aber weit weniger Grabsteine, viele sind während des Krieges verschwunden“, erklärt Keil.

Nicht mehr vorhanden sind die Grabsteine des Alten Jüdischen Friedhofes. Am heutigen Pernerstorferplatz wurden zwischen 1860 und 1904 genau 538 Menschen beerdigt. Heute erinnert nur mehr ein Gedenkstein an diese Begräbnisstätte.

Der letzte Jude St. Pöltens

Eine verschwundene Welt ist auch jene des jüdischen St. Pöltens. 1938 zählte die jüdische Gemeinde 577 Mitglieder, 321 von ihnen wurden in der Shoah ermordet. 214 entkamen, bei 42 ist das Schicksal unbekannt. Nur wenige kehrten zurück. Mittlerweile lebt nur noch ein einziger jüdischer St. Pöltner hier.

Auch die 1913 eröffnete Synagoge der Landeshauptstadt wird heute nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Der Jugendstilbau ist ein Schmuckstück in der Dr. Karl Renner-Promenade, doch bevor sie 1980 renoviert werden sollte, stand sie schon kurz vor dem Abbruch. 

Heute nutzt nicht nur das Institut für Jüdische Geschichte Österreichs die Räumlichkeiten der Synagoge, sondern wird auch als Raum für kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt.

Seit sich das Institut für Jüdische Geschichte Österreich 1988 in St. Pölten ansiedelte, rückt das Erinnern an diesen oft vergessenen Teil der Stadt immer mehr ins Zentrum. 

Gedenken

So wird mit einer großen Tafel, auf der alle Namen der St. Pöltner Shoah-Opfer zu lesen sind, vor der Synagoge gedacht.

Die jüdische Vergangenheit rückt aber seit zwei Jahren noch intensiver in das Bewusstsein der St. Pöltner Bevölkerung. Anlässlich des 30. Bestandsjubiläums des Instituts wurden im Jahr 2018, in Kooperation mit der Stadt St. Pölten für die St. Pöltner IKG Mitglieder Steine der Erinnerung gesetzt.

Die 18x18 cm großen Messingplatten enthalten Namen - bei Frauen auch den Geburtsnamen - das Geburtsdatum, das Datum der Deportation und, falls eruierbar, auch das Todesdatum. Am Gehsteig vor der letzten freiwilligen Wohnadresse werden diese eingelassen.

Keine Entschuldigungen

"Keiner der heutigen Hausbesitzer hat sich je negativ gegenüber dieser Steine ausgesprochen", erzählt Keil. "Oft kamen Entschuldigungen, diese brauche ich aber nicht. Man kann die Taten der Vorfahren nicht mehr ungeschehen machen, aber man darf nicht vergessen."

Anlässlich des Holocaust Gedenktages am 27. Jänner wurden bei den Gedenksteinen weiße Rosen und Kerzen niedergelegt. 

Wer aufmerksam durch die St. Pöltner Innenstadt geht, kann viele Steine der Erinnerung entdecken.

Zwei Steine befinden sich sogar am Rathausplatz.

Bisher wurden in St. Pölten bereits 32 Steine der Erinnerungen für 68 Personen an 26 Adressen gesetzt. Das Ziel, Steine an allen etwa 80 St. Pöltner Adressen und weitere in allen Wohnorten des Einzugsgebiets der früheren Kultusgemeinde zu finden, wird auch 2021 noch weiter verfolgt. Im Oktober diesen Jahres werden wieder neue Steine im Beisein von Nachfahren gesetzt, erstmals auch außerhalb der Landeshauptstadt in Wilhelmsburg. 

Das Institut für Jüdische Geschichte hat in ihrem digitalen Memorbuch Informationen zur Geschichte der Kultusgemeinde, ihren Einrichtungen und vor allem über ihre Mitglieder gesammelt.

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