© Miriam Steiner

Porträt
04/06/2021

"Weiß nicht mehr, wie das weitergehen soll": Aus dem Alltag eines Corona-Intensivpflegers

In den Isolationszimmern am Uni-Klinikum St. Pölten liegen, genesen und sterben seit einem Jahr Covid-19-Patienten. Ein Porträt über einen Mann, der sie pflegt.

von Miriam Steiner

 

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Markus Gamsjäger ist müde. Seit knapp zwölf Stunden ist der Intensivkrankenpfleger auf den Beinen, jetzt neigt sich sein Dienst dem Ende zu und der Tag tut es auch. Im mintgrünen Kasack steht er vor den schweren, verschlossenen Glastüren eines Patientenzimmers. Sein Blick fällt auf einen 60-jährigen Mann dahinter, der sediert und beatmet im Bett liegt. Allein die Schutzausrüstung der beiden Pfleger an dessen Seite verrät, was den Patienten hierher gebracht hat.

"Vor drei Tagen konnte er noch mit uns reden", erzählt Markus Gamsjäger. "Jetzt hat sich sein Zustand rapide verschlechtert". Ob er es schafft, werde man sehen.

Gamsjäger selbst stand heute stundenlang in diesem Zimmer, trug Schutzoverall, Visier, FFP3-Maske und drei Paar Gummihandschuhe. "Man schwitzt, man hört schlechter und denkt langsamer. Wenn man da drin ist, läuft alles ein bisschen ruhiger ab", sagt er.

Wenn man sieht, wie jemand Schritt für Schritt verfällt, ist das nicht leicht. Teilweise kenne ich Geschichten aus deren Leben, die sie sonst niemandem erzählen. Aber mit mir und in dieser Situation reden sie darüber.

Mit Covid-Patienten verbringe man sehr viel Zeit, dadurch habe man auch einen sehr engen Bezug zu ihnen. "Vor allem zu Beginn, wenn sie noch sprechen können, da erzählen viele von sich, man lernt sie gut kennen", schildert Markus Gamsjäger. "Wenn man dann sieht, wie jemand Schritt für Schritt verfällt, ist das nicht leicht. Teilweise kenne ich ja Geschichten aus deren Leben, die sie sonst niemandem erzählen. Aber mit mir und in dieser Situation reden sie darüber."

Wer in die freundlichen, blauen Augen über der weißen Maske blickt, kann das gut nachvollziehen. Markus Gamsjäger ist ein Mann Anfang dreißig, der mit ruhiger Stimme spricht und vor der Kamera schüchtern wird. Einer, der sich mit allen im Team gut verträgt und seinen Ausgleich auf Berggipfeln findet. Die dunkelblonden Haare trägt er kurz und nach vorne gekämmt, den Bart stoppelig.

Er wirkt wie einer, der auch in schwierigen Situationen sowohl Ruhe als auch Schmäh bewahrt. Gamsjäger ist Vater von zwei Söhnen und lebt in Pöchlarn, zur Arbeit nach St. Pölten reist er mit dem Zug an. Seit 2012 arbeitet er hier auf der Intensivstation 3 des Universitätsklinikums.

Seit Ausbruch der Pandemie übernimmt der Pfleger viele Zusatzdienste, macht einige Überstunden. "Ich mag meine Arbeit, aber sie ist auch anstrengend und vor allem seit dem Vorjahr sehr viel schwieriger geworden. Abends nach dem Dienst bin ich wirklich sehr, sehr müde", sagt er.

Vom Elektriker zum Krankenpfleger

Eigentlich hatte Markus Gamsjäger Elektriker gelernt und auch ein paar Jahre als solcher gearbeitet. Mit 23 Jahren entschied er sich dann aber für die Umschulung und ließ sich zum Intensivkrankenpfleger ausbilden. "Manchmal frage ich mich schon, ob das so eine gute Idee war", scherzt der Pfleger und lacht. Es gebe "ganz schreckliche Tage", sagt er und wird wieder ernst, "da geht es wirklich rund." Doch es gibt auch die schönen Momente: "Wenn was weitergeht und man sieht, dass sich der Zustand eines Patienten bessert, dann ist das auch für mich eine große Freude. Dann weiß ich wieder, warum ich diese Arbeit mache". Aus der Dankbarkeit, die ihm genesene Patienten und deren Angehörige entgegenbringen, kann Markus Gamsjäger Kraft schöpfen.

Wir halten die Hände der Patienten, während sie sterben. Die Angehörigen stehen auf der anderen Seite der Scheibe und können nichts tun

Es ist ruhig geworden auf der Intensivstation 3 des UK St. Pölten. Die meisten Pflegerinnen und Pfleger befinden sich in den Patientenzimmern, die Gänge mit den blau und orange gestrichenen Wänden sind leer. Markus Gamsjäger hat in einem Nebenzimmer Platz genommen, hinter ihm stapeln sich Kisten voll von Schutzanzügen fast bis zur Decke. Der 33-Jährige schenkt sich ein Glas Wasser ein und als er die Maske kurz abnimmt, um einen Schluck zu trinken, sieht man die Druckstellen der Riemchen auf seinen Wangen. Er spricht jetzt von den Angehörigen und davon, dass lange Zeit kein Besuch auf der Station erlaubt war.

Abschied nehmen durch eine Glaswand

"Da ging vieles über Videotelefonie. Das ist aber nicht dasselbe", sagt Gamsjäger. Jetzt lässt man die Angehörigen von Covid-Patienten zwar auf die Intensivstation kommen, sie dürfen dann aber meist nur vor den Glaswänden stehen und den Patienten "zuwinken", schildert der Pfleger.

Das wird auch dann so gemacht, wenn die Menschen Abschied nehmen müssen: "Wir sind diejenigen, die dann drinnen sind, hinter den Glaswänden. Wir halten die Hände der Patienten, während sie sterben. Die Angehörigen stehen auf der anderen Seite der Scheibe und können nichts tun". Was man auf einer Intensivstation erlebt, das könne man sich als Außenstehender nicht vorstellen, sagt Gamsjäger. "Meine Kolleginnen und Kollegen sind die einzigen, die all das hier wirklich verstehen."

Die Arbeit als Intensivkrankenpfleger hat Gamsjäger verändert. In vielen Situationen reagiere er jetzt sehr abgebrüht, meint er: "Ein gebrochenes Bein oder eine blutende Wunde an der Stirn, das bringt mich nicht mehr aus der Ruhe. Da bin ich ein bisschen abgestumpft. Ob das nun gut oder schlecht ist, weiß ich nicht". Andere Dinge im Leben nehme er hingegen nicht mehr so locker wie früher, sagt der Intensivkrankenpfleger.

Er denke viel über den Tod nach, sowohl den eigenen als auch jenen anderer, und bei einigen Dingen sei er sehr vorsichtig geworden. "Wenn ich jetzt den fünften Mopedfahrer hier liegen habe, denke ich natürlich zweimal drüber nach, ob einer meiner Söhne mal den Mopedführerschein machen soll oder nicht. Da bin ich ängstlicher geworden."

"Weiß nicht mehr, wie das weitergehen soll"

Angst bereitet ihm auch die aktuelle Entwicklung der Covid-19-Infektionen. "Wir haben erst heute gesehen, wie viele Stunden ein einziger Covid-19-Patient beanspruchen kann. Wenn es noch viel mehr Patienten in so einem Zustand werden, dann weiß ich nicht mehr, wie das weitergehen soll", sorgt sich der Pfleger. Auf der Intensivstation 3 des UK St. Pölten sind derzeit noch zwei Betten frei. Für die gibt es, strenggenommen, auch kein Personal – denn das ist auf der neu errichteten Intensivstation 4 im Einsatz. "Heute Früh kam aber die Info, dass auch diese beiden Betten bei uns bald belegt werden sollen", sagt Markus Gamsjäger.

Von Freunden und Bekannten werde der Pfleger derzeit immer wieder gefragt, ob denn wirklich so viel los sei bei ihm in der Arbeit. "Einige hinterfragen die Infektionszahlen, manche sind skeptisch und unsicher", sagt er. Markus Gamsjäger hingegen weiß, was sich hinter den dicken Glaswänden abspielt: "Ich sehe diese Patienten. Ich weiß, dass es sie wirklich gibt. Und ich weiß auch, dass viele vor Kurzem noch mitten im Leben standen."

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