© Kevin Kada

Chronik Niederösterreich
08/17/2019

Was der Wienerwald für Mountainbiker bietet

1.250 Kilometer neue Strecken sollen ein zeitgemäßes Angebot bieten und Konflikte verhindern. Der KURIER hat die Routen getestet.

von Katharina Zach, Kevin Kada, Laura Schrettl

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Sie seien rücksichtslose Rüpel, denen es nur um Spaß und Geschwindigkeit gehe. Mit ihren Rädern zerstören sie den Waldboden und verschrecken Wild und Wanderer. Und vor allem: Sie fahren, wo sie wollen - illegal auf Wanderwegen und querfeldein.

Allein, das Image könnte nicht falscher sein. Im Wienerwald haben engagierte Mountainbiker, darunter auch einige Forstwissenschaftler, gemeinsam mit Grundeigentümern und dem Wienerwald Tourismus ein Projekt auf die Beine gestellt, das im Osten des Landes seinesgleichen sucht.

1.250 Kilometer legale Mountainbike-Strecken wurden geschaffen. Denn laut Forstgesetz ist das Radeln im Wald nur auf freigegebenen Strecken erlaubt.

Als Single und gemeinsam

Den Sportlern stehen nun 86 Mountainbike- und Trekking-Strecken zur Verfügung. Allein 20 Singletrails auf Wanderwegen sind dazu gekommen. Die teilen sich die Mountainbiker mit den Wanderern - "Shared Trail" heißt das Konzept, das auf respektvollem Umgang zwischen den verschiedenen Waldnutzern beruht.

Der Asphaltanteil wurde von 40 auf unter 32 Prozent reduziert. "Wie auf der Skipiste wurden die Routen nach blauen (leichten), roten (mittleren) oder schwarzen (schweren) Strecken kategorisiert", erklärt Christoph Vielhaber, Projektleiter und Chef des Wienerwald Tourismus. Die Experten erwarten sich damit eine Entlastung des Naturraums Wald.

"Die Besucherströme nehmen kontinuierlich zu, es tummeln sich immer mehr Freizeitnutzer im Wald. Das gilt insbesondere für Grünräume nahe Ballungszentren wie dem Wienerwald vor den Toren Wiens, wo wir rund 20 Millionen Besuche pro Jahr zählen", erklärt Pia Buchner von den Österreichischen Bundesforsten, Projektpartner und einer der größten Grundeigentümer in der Region.

"Die Besucherströme nehmen kontinuierlich zu, es tummeln sich immer mehr Freizeitnutzer im Wald. Insbesondere vor den Toren Wiens, wo wir rund 20 Millionen Besuche pro Jahr zählen."

Pia Buchner | Österreichische Bundesforste

Zudem ist Mountainbiken längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kinder bis Senioren schwingen sich auf den Sattel.

In Niederösterreich sind 133.000 Menschen am Mountainbike unterwegs, österreichweit sollen es 800.000 sein. Tendenz - dank E-Bike - steigend. Bereits jedes dritte im Vorjahr verkaufte Fahrrad war ein Elektrofahrrad. Und mit E-Mountainbikes kommen immer mehr Menschen weiter in die Wälder hinein.

"Besucherlenkung ist deshalb besonders wichtig, um die Besucherströme in ökologisch verträgliche Bahnen zu lenken", meint auch Buchner. Schließlich müssten auch Natur und Umwelt geschützt werden.

Denn Fakt ist: "Das Streckennetz hat nicht mehr den Anforderungen der Mountainbiker entsprochen", formuliert es Andreas Weiß, seit 1. Juli Direktor des Biospärenpark Wienerwald. "Daher gab es eine konsenslose Nutzung abseits der Strecken." Sprich: Illegale Fahrten.

Mit dem neuen legalen Angebot würden nun Gebiete, in denen Bodenerosion eine Rolle spielt oder die Rückzugsort von Wildtieren sind, ausgespart. "Man kann nun den Sport so ausüben, dass man keinen Schaden an der Natur verursacht", betont Weiß. Etwas, das ja ohnehin niemand wollen würde.

Illegale Nutzung nimmt ab

Tatsächlich zeigt eine Studie der Uni für Bodenkultur am Beispiel des 2016 eröffneten Trailparks Weidlingbach bei Klosterneuburg, dass die Nutzung illegaler Routen bei einem guten und legalen Angebot abnimmt.

Dass neue Streckennetz entstand nicht über Nacht: Zwei Jahre lang wurde verhandelt und geplant. 47 Gemeinden, die Stadt Wien, der Biosphärenpark, der Verein Wienerwald Trails, der Wienerwald Tourismus und die größten Grundeigentümer wie die Österreichischen Bundesforste und das Stift Klosterneuburg waren eingebunden.

  • 1.250 km an Mountainbike-Strecken sind im Zuge des Projekts entstanden. Das alte Netz umfasste 1.100 Kilometer
  • 80 km davon sind als Single Trails angelegt. Im alten Netz gab es 40 km
  • 86 Routen gibt es jetzt, früher waren es 43
  • 20 neue Singletrails wurden geschaffen
  • 6 Single Trails sind ausschließlich für Mountainbiker konzipiert - zwei im Trailpark Weidlingbach, vier in der MTB-Area Anninger
  • 32 Prozent beträgt der Asphaltanteil, im alten Netz waren es 40 Prozent
  • 3.500 Schilder werden zur Orientierung montiert

Netz aus den 90ern

Die Planung des alten Netzes habe aus den 90ern gestammt, erklärt Vielhaber. In den Grundzügen sei es gleich geblieben, allerdings wurden Verbindungswege und alternative Abfahrten geschaffen. So sind nun auch längere Routen möglich, die Trekkingfahrer ansprechen. Denn nicht alle Mountainbiker haben das Können für sportliche Trails.

Die Strecken selbst wurden nicht am Reißbrett geplant. Im Norden von Wien etwa wurden sie vom Verein Wienerwald Trails ausgesucht und auch auf Tauglichkeit und Konfliktpotenzial geprüft, erklärt Vereinsmitglied Saul Ferguson: "Es ist ja in unserem Sinne, dass Konflikte vermieden werden."

Seine Lieblingsstrecke? Der neu entstandene "Dornröschen-Trail" (Siehe Empehlungen unten sowie Karte: Neue Strecken sind rot, verbesserte blau markiert.)

Derzeit werden die neuen Routen ausgeschildert. 3.500 Schilder müssen dafür montiert werden. Das dauert vor allem deshalb länger, weil die Projektmitarbeiter zuletzt erleben mussten, wie neu oder provisorisch angebrachte Schilder über Nacht von Unbekannten wieder abmontiert wurden.

Strecken werden serviciert

Die Strecken selbst werden künftig laufend von einem professionellen Streckenmanagement kontrolliert. 200.000 Euro jährlich werden vom Wienerwald Tourismus dafür veranschlagt. "Derzeit kann das Netz kostenlos genutzt werden, später könnte allerdings über einen finanziellen Beitrag nachgedacht werden", meint Tourismus-Chef Vielhaber.

Mountainbikern steht im Wienerwald ein umfassendes Streckennetz zur Verfügung. Je nach Interesse können unterschiedliche Regionen angefahren werden.

Die MTB-Area Anninger bietet zahlreiche unterschiedliche Streckenabschnitte, die miteinander kombinierbar sind. Darunter auch fünf Single Trails. Die Strecken und Single Trails können gemeinsam zu verschiedenen Anninger-Runden kombiniert werden. Einige Routen sind sogar ausschließlich Mountainbikern vorbehalten. Trotzdem gilt: Auf Sicht und rücksichtsvoll fahren!

In der Trail-Area Wien Nord finden Mountainbiker ein weitreichendes Netz an Single Trails unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade. Sie können beliebig kombiniert werden. Es handelt sich um "Shared Trails" - also Waldwege, die sich die Mountainbiker mit Wanderern teilen.

Der Trailpark Weidlingbach ist seit 2016 Fixpunkt der sportlichen Radfahrer. Dort wurden zwei Downhill-Strecken gebaut, die mit Anliegerkurven, Wellen oder Sprüngen aufwarten.

Das Trailcenter Hohe Wand Wiese bietet vier Downhill Trails ausschließlich für Mountainbiker. Zudem gibt es drei "Shared Trails" und Uphill Trails. Zahlreiche Runden können hier ihren Ausgang nehmen. Zudem gibt es Mountainbike-Kurse sowie einen Radverleih. Achtung: Seit heuer ist das Trailcenter kostenpflichtig.

Die Benützung der Trails ist im August von 7 bis 19 Uhr erlaubt, im September von 8 bis 18 Uhr und im Oktober von 9 bis 17 Uhr. Danach endet die Mountainbike-Saison. Die Fairplay-Regeln müssen eingehalten werden.

Haftungsfrage

Ganz wesentlich bei dem Projekt ist, dass die Frage der Haftung bei etwaigen Unfällen oder Schäden geklärt werden konnte. Gerade dieses Thema hat den Grundeigentümern Bauchschmerzen bereitet. Ihnen ging es um Rechtssicherheit und die ist nun gegeben: Im Wienerwald übernimmt der Wienerwald Tourismus die Wegehalter-Haftpflicht. Notfalls könnte aber auch die Landeshaftpflicht einspringen - das ist seit dem Vorjahr möglich.

Umso wichtiger ist es, sorgsam mit der eigenen Gesundheit aber auch mit den Strecken umzugehen. Etwa auch, was die Fahrweise betrifft. Da nehmen sich die Mountainbiker durchaus selbst an der Nase.

Respekt zwischen Wanderer und Mountainbikern ist auch am Anninger ein Thema. Im Stadtwald von Mödling wird es oft besonders eng.

Herbert Ribarich, Baumeister in Mödling und Mountainbike-Referent im Landesradsportverband weiß, wovon er spricht. "Normal bist du der Baumeister. Aber im Wald, da wirst du schon mal geschimpft", erzählt der passionierte Sportler. Natürlich gebe es auch unter den Radfahrern schwarze Schafe, die bisher illegal auf Wanderwegen unterwegs waren.

"Normal bist du der Baumeister. Aber im Wald, da wirst du schon mal geschimpft"

Herbert Ribarich | Mountainbike-Beauftragter des Landesradsportverbandes

In der Region, die im "Landschaftsschutzgebiet Wienerwald“ und im „Naturpark Föhrenberge“ liegt, hat Ribarich die Strecken mitgeplant. "Das Besondere ist, dass sie in die Natur hineingebaut wurden. Wir haben bewusst keine künstlichen Anlieger gebaut." Vielmehr sei die natürliche Topografie genutzt worden und so Naturtrails entstanden.

Mit diesen soll jetzt "Ordnung" in den Stadtwald gebracht werden.

Unter den neuen und verbesserten Routen gibt es durchaus auch sehr sportliche Abfahrten wie den Husarentempel-Trail oder den Anninger-Trail mit Enduro-Passagen (siehe Empfehlungen unten).

Trail-Areas auch in anderen Regionen

Dass man am Thema Mountainbiken nicht mehr vorbeikommt, hat auch die Politik in Niederösterreich erkannt und im Vorjahr mit der Langstrecken-Mountainbikerin Lisa Ribarich eine eigene MTB-Beauftragte installiert. Derzeit gibt es inklusive der neuen 1.250 Kilometer im Wienerwald rund 5.000 Kilometer an Mountainbike-Strecken im Bundesland Niederösterreich.

Diese Routen werden aktuell auf Verbesserungspotenzial untersucht. Demnächst sollen etwa im Most- und Waldviertel einige Strecken überarbeitet werden. Auch im Raum Krems wird an neuen Trails gearbeitet. "Das große Ziel ist, den Single Trail-Anteil zu erhöhen", sagt Ribarich. Auch Trail-Areas wie auf der Hohen Wand Wiese sollen forciert werden.

Tourismus will mitnaschen

Neben dem Naturschutzgedanken sowie der Entschärfung von Nutzerkonflikten spielt auch der Tourismus bei der Projekt-Umsetzung mit. Laut der Österreichischen Radtourismusanalyse 2018 gibt ein Mountainbiker 1.500 Euro pro Jahr für touristische Angebote aus.

Es sollen daher auch die 14 Bett-&-Bike-Betriebe in der Region sowie die sechs radfreundlichen Gastro-Betriebe profitieren, vor allem von den Genuss-Mountainbikern.

Das Rad wurde in Tirol neu erfunden

Dabei hat man im Wienerwald das Rad nicht neu erfunden. In Tirol setzte man bereits vor 20 Jahren auf das Thema Mountainbike. 2014 wurde das Tiroler Modell überarbeitet. Ziel war es dort seit jeher, möglichst viele Wege und Forststraßen für Biker zu öffnen.

Mittlerweile umfasst das Streckennetz in Tirol 6.000 Kilometer. Auch hier übernehmen die Vertragspartner, meist Tourismusverbände oder Gemeinden, die Haftung und die Routen sind ebenfalls in Schwierigkeitsgraden kategorisiert. Die Grundeigentümer werden finanziell entschädigt.

Im Wienerwald könnten künftig jedenfalls weitere Verbesserungen am Programm stehen.

Info: Auf der Homepage des Wienerwald Tourismus steht eine Übersichtskarte zur Verfügung, auf der alle 86 Strecken verzeichnet sind. Die Routen können auch heruntergeladen werden. Es finden sich alle Angaben wie Streckenkategorie, Schwierigkeitsgrad, Start und Ziel, Höhenmeter, Fahrdauer und Untergrund.

Auch alle radfreundlichen Betriebe sind angeführt

Achtung: Noch sind nicht alle Strecken beschildert oder freigegeben. Vor Fahrtantritt wird empfohlen, sich diesbezüglich zu informieren.

Für den KURIER haben Mountainbiker die Strecken getestet - wir empfehlen folgende vier:

(GoPro-Video der Strecke samt Fazit zum Schluss)