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Chronik Niederösterreich
10/28/2021

Polizei vermutet illegales Lagerfeuer als Auslöser für Waldbrand

Der Einsatz in Reichenau an der Rax ist noch lange nicht beendet. Die Feuerwehr hofft auf Regen statt Wind.

von Stefan Jedlicka

Auf den ersten Blick scheint der Kampf gewonnen in Reichenau an der Rax. Der Brand, der seit Montag auf mehr als 100 Hektar Fläche wütet, scheint fast gelöscht. Keine Flammen lodern am Donnerstag mehr auf dem Bergkamm oberhalb der Ortschaft Hirschwang im Bezirk Neunkirchen, nur vereinzelt steigen noch Rauchschwaden auf. Doch in der Einsatzzentrale der Feuerwehr am Eingang zum Höllental herrscht nach wie vor Hochspannung. Im Minutentakt fliegen die Hubschrauber des Bundesheers und des Innenministeriums zu, lassen ihre Wassertanks neu befüllen und steigen wieder auf, um ihre Fracht über den Baumwipfeln abzuwerfen.

Warten auf Regen

Dass dieser Kampf noch lange nicht gewonnen ist, macht auch Einsatzleiter Josef Huber, Bezirksfeuerwehrkommandant von Neunkirchen, klar. „Brand aus gebe ich hier erst, wenn es zwei Tage geregnet hat“, sagt er mit einem Blick auf den Hang. Seit Montag ist Huber täglich von 5.30 bis 21 Uhr vor Ort, nur nachts lässt er sich vertreten. Rund 500 Feuerwehrmänner unter seinem Kommando sind jeweils von 7 bis 19 Uhr im Einsatz. Und dieser Einsatz werde angesichts der Schönwetter-Prognose für die nächsten Tage ohne Regen wohl noch bis in die kommende Woche hinein andauern, rechnet der Kommandant.

Immerhin Teilerfolge kann er vermelden. An der Ostflanke des Berges sind die Glutnester unter Kontrolle. Sorge bereitet Huber nach wie vor der westliche Teil des Einsatzgebietes im Höllental zwischen Rax und Schneeberg. Dort könnte der Wind die Flammen jederzeit neu entfachen. Für das Wochenende ist Föhn mit bis zu 50 oder 60 Stundenkilometern vorhergesagt. Seit Mittwoch stehen daher Wasserwerfer bereit, um einen Funkenflug in Richtung Rax zu verhindern. Mehr als 200 Feuerwehrleute haben über Nacht aufflammende Glutnester durch herunterfallendes Wurzelwerk gelöscht.

„Ich habe schon viele Waldbrände erlebt“, erzählt Huber, der auch acht Tage lang Einsatzleiter beim großen Waldbrand in Nordmazedonien im August war. „Ich hätte nicht gedacht, dass es da noch eine Steigerung gibt.“ Rund 500 Einsatzkräfte der Feuerwehr, Bergrettung sowie von Polizei und Bundesheer sind aktuell aufgeboten, davon alleine 250 aus dem Bezirk Neunkirchen.

Wenige Stunden Schlaf

Aufgrund des steilen Geländes ist ein Löschangriff am Boden nur schwer möglich. Große Bedeutung kommt daher dem Flugdienst zu, dessen Leiter Sigmund Spitzer seit Montag kaum Schlaf fand. „Maximal drei bis vier Stunden pro Tag“, sagt er auf KURIER-Nachfrage. Ab 5 Uhr beginnen täglich die Planungen für den Einsatz, um 7.30 Uhr treffen die Hubschrauber ein, die bis zum Einbruch der Dunkelheit Wasser auf den Berg bringen.

„Spätestens mit der Dämmerung beginnen wir dann mit Aufklärungsflügen“, schildert Spitzer. Flugzeuge oder Drohnen mit Wärmebildkameras suchen das Gebiet nach Glutnestern ab. „Das ist sehr wichtig, weil viele dieser Nester mit freiem Auge nicht sichtbar sind.“

Dass die enormen Dimensionen des Brandes zunächst nicht erkennbar waren, erzählt Feuerwehrmann Daniel Steiner, der seit Montag im Einsatz war. "Es hat auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Waldbrand in unwegsamem Gelände ausgesehen, bei Einbruch der Dunkelheit ist dann aber schon klar geworden, dass die Situation schlimmer wird", erinnert er sich. "Am nächsten Morgen hatte sich die Lage massiv zugespitzt. Das Ganze hat ein Ausmaß überschritten, mit dem anfangs niemand gerechnet hätte."

Freiwillige Helfer

Dankbar ist Bezirkskommandant Huber für das Entgegenkommen zahlreicher Dienstnehmer bei der Freistellung der freiwilligen Helfer. Mitunter opfern diese aber sogar Urlaubstage, um vor Ort sein zu können. "Sehr geholfen hat uns in diesem Fall, dass der Dienstag ein Feiertag war und daher viele den Fenstertag am Montag auch frei genommen hatten", weiß Daniel Steiner. "In einer normalen Arbeitswoche wäre alles noch wesentlich schwieriger geworden."

Unterstützt wird die Feuerwehr durch vier Hubschrauber der Flugpolizei, die durch ein spezielles Lasthakensystem bis zu 680 Liter Wasser pro Flug transportieren können. Alleine am Montag und Dienstag absolvierten sie 282 Löschflüge. 

Bergrettung hilft mit

Die Bergrettung stand am Donnerstag mit rund 50 Mann aus ganz Niederösterreich sowie 7 Kraftfahrzeugen im Einsatz. "Nochmal so viele sind aus den Gebieten Süd, Mitte und West in Reservebereitschaft", betonte Landesleiter Matthias Cernusca. Der Unterstützungseinsatz reicht von der Sicherung im Steilgelände, über die Wegfindung, Gelände- und Glutnestererkundung bis hin zu Rettungstruppen im Falle einer Verletztenbergung im Felsen. "Außerdem wird auf die Erfahrung, Einschätzung und Geländekenntnis der Bergrettung vertraut“, so die Einsatzleitung in Reichenau. "Besondere Vorsicht ist auf die Hitzeunbeständigkeit des Bergematerials zu legen."

Illegales Lagerfeuer

Spekulationen gibt es mittlerweile zur Brandursache: Ein Lagerfeuer unterhalb eines Jägersteiges, der von Wanderern verwendet wird, werde laut Polizei vermutet. Offenes Feuer ist in diesem Bereich jedoch verboten. Die genaue Brandursache soll das Landeskriminalamt klären. Hinweise aus der Bevölkerung würden überprüft, außerdem werde erhoben, wer in den vergangenen Tagen in umliegenden Hütten zu Gast war.

Seilbahn in Betrieb

Die Rax-Seilbahn sei vom Brand nicht betroffen und nach wie vor in Betrieb“, ließ Geschäftsführer Bernd Scharfegger am Donnerstag wissen. „Die kürzlich errichtete Absperrung der Einsatzkräfte wurde nach der Talstation der Seilbahn aufgebaut.“

Ein Bild von der Lage machten sich am Donnerstag auch Bundeskanzler Alexander Schallenberg, Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Landeshauptfrau-Stv. Stephan Pernkopf (alle ÖVP). „Das Engagement der vielen Freiwilligen, die sich extra Urlaub nehmen, ringt mir höchsten Respekt ab“, sagte Schallenberg. Man werde „Niederösterreich nicht im Stich lassen. Sei es jetzt beim Einsatz oder dann, wenn es darum gehen wird, die verbrannten Flächen wieder aufzuforsten“, so der Kanzler.

„Das Ausmaß dieses Waldbrandes ist gewaltig, es sind mehr als 120 Hektar betroffen, das ist die dreifache Fläche an Waldbrandereignissen, die wir normalerweise in einem ganzen Jahr in Österreich haben“, sagte Köstinger. „Es handelt sich zum größten Teil um Schutzwald, der das Höllental, die Straße und auch Siedlungsräume schützt“, so die Ministerin.

"Seite an Seite"

„Um die zahlreichen Brandherde zu löschen, braucht es ein gutes Zusammenspiel der Einsatzkräfte“, hielt Tanner fest. Es werde „Seite an Seite“ vorgegangen.

Pernkopf wies darauf hin, dass ein Übersprung der Flammen auf die Rax bisher verhindert worden sei. Der Einsatz werde noch viele Stunden und Tage andauern müssen, weshalb die Helfer regelmäßig von frischen Kräften aus allen Landesteilen abgelöst würden.

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