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Chronik Niederösterreich
04/20/2019

Fragwürdiger "Führer" auf Baustelle der Wiener Linien

Schriftzug auf Lkw bei U2-Baustelle weckt NS-Assoziation. Kritik kommt vom Mauthausen Komitee.

von Katharina Zach

Strafbar ist es nicht. Aber dass gewisse Assoziationen geweckt werden, ist wohl gewollt: Wieder sorgt ein Lkw-Aufkleber ausgerechnet in Frakturschrift für Aufregung – diesmal in Wien, hinter dem Rathaus, auf einer Baustelle im Zusammenhang mit dem U2-Ausbau im Auftrag der Wiener Linien.

Führerhaus. Fahrer spricht deutsch (sic!)“, ist auf dem Baufahrzeug der Firma Brandstätter Baumaschinenverleih aus dem nö. Böheimkirchen zu lesen. Erst im März waren solche Aufkleber auf Baumaschinen einer Firma aus Mannersdorf (Bezirk Bruck/Leitha) bekannt geworden.

Dazu muss man wissen, dass Frakturschrift bis 1941 von den Nationalsozialisten verwendet wurde, ehe sie verboten wurde. Dennoch wird sie heute gerne in der Neonazi-Szene genutzt.

„Patriotismus“

Bei der betreffenden Firma kann Chef Andreas Brandstätter die Kritik nicht nachvollziehen. Das Führerhaus heiße nun mal Führerhaus, wie der Führerschein Führerschein heiße. „Das hat nichts mit Nationalsozialismus zu tun, sondern mit Patriotismus“, meint er.

Er sei stolz darauf, dass er einen österreichischen Fahrer habe. „In Wien ist es nicht mehr selbstverständlich, dass der Fahrer Deutsch spricht.“

Und warum Frakturschrift und nicht etwa Arial gewählt wurde? Das sei so aus dem Drucker gekommen. „Was ist daran verboten?“ Man könne doch nach 80 Jahren nicht immer mit dem Nationalsozialismus kommen.

"Kein schlechtes Gewissen mehr"

Das sieht Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich, anders. „Im Sinne der Menschen, die damals ermordet wurden, mit dem Wort Führerhaus zu spielen, ist pietätlos“, sagt er zum KURIER.

Statt nur daran zu denken, dass jemand Deutsch spreche, solle man überlegen, wie viele Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus aus ihren Vierteln geholt wurden, die ebenfalls Deutsch sprachen. „Das waren Juden, Homosexuelle, Gewerkschafter.“

Generell bekäme das Mauthausen Komitee immer wieder Meldungen über derartige Aufkleber – etwa vier bis fünf pro Monat. Zwar habe es zuletzt keine Zunahme gegeben – „aber was in letzter Zeit zugenommen hat, ist, dass die Leute kein schlechtes Gewissen haben“, sagt Mernyi. „Wie das ein jüdischer Mitbürger sieht, ist wurscht.“

Wort und Schrift seien bewusst gewählt worden. Und natürlich sei das nicht strafbar, aber: „Das ist genau der Punkt, wo wir jetzt sind: Wo alles, was nicht verboten ist, richtig sein muss.“

"Haben dafür kein Verständnis"

Die Wiener Linien distanzieren sich auf KURIER-Anfrage von dem Aufkleber. „Dafür haben wir kein Verständnis“, wird betont. Allerdings wisse man noch nicht, ob das ein eigener Lieferant sei oder ein Subunternehmer. Man könne nicht jeden Lkw auf einer Baustelle überprüfen. Man wolle der Sache jedenfalls nachgehen. Unklar sei auch, ob man im konkreten Fall über eine rechtliche Handhabe verfüge.

Tatsächlich gibt es laut Interessensvertretung keine Regeln, welche privaten Aufkleber an Lkw angebracht werden dürfen. Online findet sich ein reiches Angebot an Aufklebern mit derartigen Sprüchen. Frakturschrift ist dabei sehr beliebt. Zudem gibt es im Internet zahlreiche Angebote für Aufkleber in Form des Eisernen Kreuzes.

Reaktionen: Sima und Firmenchef melden sich zu Wort