Chronik | Niederösterreich
10.01.2018

Pflegeskandal: "Nur die Loisl liegt im Sterben"

Welche Rolle spielten Ärzte bei dem Tod zweier Patienten? Die Exhumierung zweicher Leichen soll bald Aufschlüsse geben.

Maria P. starb am 14. September 2015. Ihren von einer schweren Krebserkrankung geprägten Lebensabend verbrachte sie im Pflegeheim Clementinum in Kirchstetten in Niederösterreich. War das Heim auch Schauplatz sadistischer Handlungen?

Stunden vor P.s Tod war die Pensionistin Thema in einer WhatsApp-Gruppe ihrer Pfleger. Eine Nachricht lautete: "F. hat der P. 4 ml Vendal auf einmal aufgeschrieben, haha". Bei Vendal handelt es sich um ein starkes morphinhaltiges Schmerzmittel, die Dosierung soll von Ärztin F. festgelegt worden sein. Kurz darauf war Maria P. tot.

Am 17. Juli 2017 ging es in der WhatsApp-Gruppe wieder um eine Patientin: Aloisia M., 93 Jahre alt, ebenfalls schwer krank. "Nur die Loisl liegt im Sterben, machmas so wie bei der P., die braucht mehr Vendal, kriegts heut eh". Stunden später schloss auch Aloisia M. für immer ihre Augen.

Diese merkwürdigen Umstände haben im möglichen Pflegeheim-Skandal von Kirchstetten zur Exhumierung der beiden weiblichen Leichen geführt. Der renommierte Gerichtsmediziner Wolfgang Denk soll anhand von Gewebeproben der sterblichen Überreste der Frauen herausfinden, ob die Medikationen der Schmerzmittel in Einklang mit deren Krankengeschichte zu bringen sind. Denk versucht, Rückschlüsse auf die genaue Dosis zu ziehen.

Verfahren

Nachdem bisher vier Pfleger – ein Mann und drei Frauen – als Beschuldigte im Ermittlungsverfahren geführt werden, wird nun erstmals auch die Rolle der Ärzte im Pflegeheim beleuchtet. Denn der diplomierte Krankenpfleger Dominik G. sagte aus, dass die verantwortliche Ärztin bei Maria P. mit 4 ml die doppelte Dosis Vendal als üblich verordnete.

Dies könnte allerdings damit im Zusammenhang stehen, dass man der Sterbenden ihre letzten Stunden völlig schmerzfrei gestalten wollte. Eine penible schriftliche Dokumentation würde jedenfalls beweisen, dass die Pfleger das starke Mittel nicht über die verordnete Menge hinaus verabreicht haben, sagt Anwalt Stefan Gloß.

Allerdings gibt es in dem Fall noch weit mehr Vorwürfe, die zum Teil massiv sind. So sollen Patienten gequält worden sein. Eine Frau soll gezwungen worden sein, ihre Exkremente zu essen. In einem weiteren Fall soll einer Person Haarspray in die Augen gesprayt worden sein. "Die Sadisten von St. Anna", titelte eine Zeitung. Die Pfleger widersprechen dieser Darstellung vehement.

Dem KURIER liegt ein psychiatrisches Gutachten vor, das über den Hauptverdächtigen Dominik G. erstellt wurde. Darin heißt es: "Sollte das Gericht die Tatvorwürfe zum Nachteil der pflegenden BewohnerInnen als erwiesen ansehen, so würden sie aus psychiatrischer Sicht am ehesten eine ausgeprägte arbeitsbezogene Überforderung zum Ausdruck bringen, nicht aber genuin sadistische Persönlichkeitsanteile, da sich diese auch anderswo hätten zeigen müssen".

Rauer Ton

Kritik wird auch an dem rauen Ton geübt, der auf der Station geherrscht haben soll. Zudem sei auf die "chronische Überbelastung" der Pfleger nicht reagiert worden, heißt es. Der WhatsApp-Chatverkehr speziell im Zusammenhang mit dem Medikament Vendal habe dazu gedient, die nicht Diensthabenden auf dem Laufenden zu halten. Für die Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Die Entscheidung über eine Anklage fällt demnächst.