„Für die meisten geht es zu schnell“: Lernen ohne Druck
Tanja Hertlein freut sich immer wieder über den Erfolg ihrer Schützlinge.
„Für die meisten gehen solche Kurse zu schnell“, sagt Tanja Hertlein vom Verein Sprachbrücken. Besonders Menschen, die aus Ländern mit einem anderen Bildungssystem kommen, falle der Wechsel oft schwer. Manche Frauen hätten zudem nie die Möglichkeit gehabt, eine Schule zu besuchen. In ihrem Verein können sie deshalb in ihrem eigenen Tempo lernen. „Ein großer Teil genießt es, dass wir fünfmal dasselbe machen, bis es wirklich abgespeichert ist.“
Genau darin sehen die Gründerinnen den Sinn ihres Angebots: Es gibt keinen Ergebnisdruck und keinen Zwang, ein bestimmtes Niveau innerhalb einer bestimmten Zeit zu erreichen. Mittlerweile hat der Verein 68 Mitglieder, auch wenn nicht mehr alle aktiv dabei sind.
Zeit statt Druck
Das Angebot richtet sich zudem an Kinder. Zwei Lernbegleiter unterstützen Kinder mit Migrationserfahrung bei ihren Hausübungen: ein pensionierter Richter und eine pensionierte Kindergärtnerin. „Manche sind schneller, dann bekommen sie von uns zusätzliches Deutschmaterial und können weiterarbeiten.“
Dass der Verein bewusst einen anderen Weg geht, hat viel mit der eigenen Erfahrung der Gründerinnen zu tun. „Unsere Vergangenheit als Lehrerinnen treibt uns an“, sagt Hertlein. Sie hätten immer wieder erlebt, dass das Tempo klassischer Kurse nicht für alle passe. Deshalb setzt Sprachbrücken auf Zeit statt auf Druck. Ein Beispiel ist ein Einmaleins-Kurs, der sich über mehrere Monate zieht. Die Teilnehmer sollen ausreichend Zeit haben, das Gelernte tatsächlich zu verinnerlichen.
Emotionale Momente
Wie viel das bewirken kann, zeigte sich erst gestern. Eine Teilnehmerin bestand nach drei Anläufen die A3-Prüfung. Sie hatte zuvor noch nie eine Schule besucht. „Das war sehr emotional“, erzählt Tanja Hertlein. Auch ein Bub aus Mexiko sorgte für einen besonderen Erfolg: Er war ebenfalls nicht zur Schule gegangen und hatte im Juli beschlossen, die A2-Prüfung zu machen. Er bestand sie mit Bravour.
„Da wissen wir, dass es sich auszahlt“, sagt Hertlein. Für die Zukunft hofft sie, dass der Verein weiterhin viele Menschen erreicht. Gerade für die weiblichen Teilnehmerinnen sei es wichtig, dass auch die Lehrerinnen Frauen sind: Das schaffe Vertrauen und eine Atmosphäre, in der sie ohne Druck und in ihrem eigenen Tempo lernen können.
Verein: Deutschkurse | Sprachbrücken e. V., Verein für Sprach- und Lernförderung
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