Früher "Fetzenschädel", heute Star: Warum NÖ-Influencer sein Leben änderte
Noah verbringt seine Freizeit gerne in der Natur.
Noah Nebosis springt auffällig oft. Rückwärts von Brücken, Klippen und Wasserfällen, auf Skiern über Schneewehen, im Flickflack durch Turnhallen. Und Noah Nebosis fällt auffällig oft. Bäuchlings ins Wasser, kopfüber auf die Piste, mit der Nase voran zu Boden. In zahlreichen Videos hat der Content–Creator seine sportlichen Erfolge wie Misserfolge dokumentiert und teilt die Inhalte seit einem Jahr mit dem Internet.
An diesem Donnerstagvormittag springt und fällt Nebosis nicht. Er sitzt - vor einem Café in der St. Pölter Innenstadt. Die Sonnenbrille auf der Stirn, ein freundliches Lächeln unter dem dichten Schnauzer, auf dem Tisch ein Cappuccino mit Hafermilch. Es ist einer der ersten warmen Tage in der Landeshauptstadt, nur im Schatten fühlt sich der Sommer noch weit entfernt an.
Nebosis hat seinen Geburtstag in Niederösterreich verbracht. Bevor es für den nun 27–Jährigen mit dem Zug zurück nach Innsbruck geht, erzählt er, wieso ihm über 57.000 Menschen auf Instagram folgen. Warum es in seinen Videos eigentlich nicht nur um das Zuschauen, sondern vor allem um das Zuhören geht. Und wie ihm die Auseinandersetzung mit sich selbst zum Influencer gemacht hat. Denn wirklich geplant war sein Karriereweg nicht.
Metamorphose
Es ist 2021 und Nebosis steht vor einer grundlegenden Entscheidung. Er lebt damals in Neulengbach, seinem Heimatort. Hier macht er Matura, spielt Fußball, wächst auf. Zu diesem Zeitpunkt beschreibt sich Nebosis selbst als "saufenden, rauchenden Fetzenschädel". Er sei alles andere als emotional gewesen, einfach nur laut und deppert. Ein hartes Urteil, doch mit seinem Verhalten habe er gut hineingepasst: "Ich habe mich nicht erklären müssen. Ich konnte sagen, was ich will, und es wurde nicht hinterfragt."
Ganz stimmt das nicht. Denn eigentlich ist da in ihm eine Stimme, die es nicht gut findet, wie er sich verhält und wie er spricht, über Frauen, über Minderheiten. Eine Stimme, die ihm sagt: eigentlich sind das nicht deine Werte. Der Wunsch nach Veränderung wächst und Nebosis entscheidet, dass er Abstand braucht, von seinen Freundinnen und Freunden, von der Familie, von allem Bekannten.
Zusammen mit seiner Freundin packt er die Koffer und zieht nach Innsbruck. "Ich war extrem begeistert vom Skifahren, schon immer. Bin ultra gerne in den Bergen gewesen", begründet er die Ortswahl. In Tirol wendet sich Nebosis dem Sport zu, insbesondere Extremsportarten hätten ihn begeistert. Solche, die später ein zentraler Punkt seiner Videos werden. Wirklich glücklich sei er in dieser Zeit dennoch nicht gewesen. Allein die Distanz zu seinem Zuhause reicht für eine nachhaltige Veränderung nicht aus - bis er anfängt, sich mit Hilfe von außen selbst zu hinterfragen. "Und dann hat dieser ganze Prozess gestartet."
Zunächst beschließt Nebosis, keine tierischen Produkte mehr zu essen. Dann beginnt er, seinen Sprachgebrauch zu hinterfragen und sein Kaufverhalten. "Ich glaube, dass ich mich nicht zum Besseren verändert habe", sagt er rückblickend. Er habe einfach zu sich zurückgefunden. "Was ein voll schöner Gedanke ist, meiner Meinung nach." Je länger der 27-Jährige über sich selbst und die Gesellschaft nachdenkt, desto häufiger teilt er seine Entwicklung online. In Videobeiträgen verbinden sich dann Hobbys mit Haltung, Bizeps mit Botschaft gewissermaßen.
Miteinander
Das virtuelle Publikum sieht ihn beim Gewichtestemmen, Katzenstreicheln, Tiefschneefahren, Tofuessen und hört, was er über Veganismus, Homophobie und Sexismus zu sagen hat. Bei vielen kommt das gut an. Grund dafür könnte seine Art sein. Nebosis missioniert nicht. Er kritisiert nicht das Verhalten der anderen, sondern sein eigenes und erzählt, warum er es heute aus seiner Sicht besser weiß, was er anders macht. Wenngleich eine verbale "moralische Watschen" berechtigt sein könne, bei ihm selbst habe sie nie funktioniert. "Deswegen bin ich ein richtig großer Fan davon, Leute da abzuholen, wo sie sind." Eine ausgestreckte statt einer erhobenen Hand.
Mittlerweile verdient Nebosis mit Instagram sein Geld. Ein virales Video brachte ihm den ersten Werbepartner und ließ seine Followerschaft rasch steigen. Sein Account soll eine Einkommensquelle und ein Ort für Kommunikation sein. Für Empathie, Liebe und Verständnis statt Hass, Radikalisierung oder Wut, so das Konzept. Seiner Wahrnehmung nach geht der Plan bereits auf: "In meinem direkten Umfeld ändert sich etwas. Auf Social Media ändert sich etwas. Und ich merke einfach, dass ich das Denken von Menschen ein bisschen verändern kann und irgendwie meinen Teil dazu beitrage, dass die Welt ein bisschen weniger scheiße ist."
Kommentare