Winzer in Sorge: Invasiver Schädling ist im Vormarsch
So sehen die Blätter eines Weinstocks aus, wenn ihn eine Amerikanische Rebzikade mit der Quarantänekrankheit Flavescence dorée infiziert hat.
Sie ist gerade einmal so groß wie ein Reiskorn, setzt die Winzer des Landes aber unter großen Druck: die Amerikanische Rebzikade. Das kleine Insekt ist Hauptüberträger der Krankheit Flavescence dorée, besser bekannt als Goldgelbe Vergilbung der Rebe. Bricht die Krankheit aus, muss der Rebstock, im schlimmsten Fall sogar der gesamte Weingarten, gerodet werden.
Die Zikade an sich ist nicht das Problem: „Das adulte Tier fliegt von Blatt zu Blatt und saugt daran. Das ist für die Weinrebe, wie wenn uns eine Gelse sticht: unangenehm, aber nicht bedrohlich“, veranschaulicht Reinhard Zöchmann, Weinbaupräsident von Niederösterreich im KURIER-Gespräch. Zum Problem wird es erst, wenn die Amerikanische Rebzikade mit der Krankheit infiziert ist und zum Überträger wird.
Krankheit in NÖ noch nicht ausgebrochen
Wie sieht die Situation derzeit in Niederösterreich aus? Die Zikaden sind da, aber: „In Niederösterreich ist die Krankheit noch nicht ausgebrochen. Das Burgenland und die Steiermark sind ganz stark betroffen“, sagt Gudrun Strauß von der AGES. „Wir haben im Weinviertel Druck von Tschechien und im Raum Carnuntum vom Burgenland“, weiß auch Zöchmann.
Sein Ziel ist es, die Weinbauern, aber auch Privatpersonen zu sensibilisieren und die Augen offen zu halten, um die Krankheit früh zu erkennen und eine Ausbreitung zu verhindern. Ist ein Rebstock befallen, ist dies dem Weinbauberater zu melden.
Leidet der Rebstock an der Goldgelben Vergilbungskrankheit, vertrocknen die Beeren.
Doch die Goldgelbe Vergilbung zu erkennen, ist nicht so einfach, da sie leicht mit einer anderen Vergilbungskrankheit, Stolbur, verwechselt werden kann. Bei der Flavescence dorée können Triebe, Blätter und auch Trauben krankhafte Veränderungen zeigen. Ist die Rebe befallen, treten an den Blättern frühzeitige Herbstfärbungen auf. Bei Weißweinsorten sind die Blätter vergilbt, bei Rotweinsorten leuchtend rot.
Ob Trockenheit, Hitze oder Kälte: die Amerikanische Rebzikade ist unbeeindruckt
Die Amerikanische Rebzikade ist eine invasive Art und hat keine wirklichen Fressfeinde. „Die Hitze und Trockenheit machen ihr nichts aus; auch nicht Kälte im Winter“, erklärt der Weinbaupräsident. Die Larve, die etwa Ende Mai schlüpft, kann bekämpft werden, das adulte Tier nicht mehr. Darum wird auf Prävention gesetzt, um den Worst Case, das Roden, zu vermeiden. Das gilt auch für Private, die etwa in der Laube Rebstöcke angepflanzt haben.
Dort, wo viele Larven gesichtet werden, wird Insektizid gespritzt. Heuer gibt es dazu erstmals eine Verordnung. „In 19 Katastralgemeinden wurde das Spritzen verordnet“, informiert Zöchmann. Im Bezirk Hollabrunn betrifft es das Pulkautal, im Bezirk Mistelbach die Region um Poysdorf und im Bezirk Gänserndorf Gemeinden an der Staatsgrenze. „Das Projekt gibt es jetzt einmal drei Jahre, dann wird evaluiert, wie sinnvoll es ist.“
Schädling erstmals 2015 in Schrattenberg festgestellt
Erste Erfolge sind bereits jetzt erkennbar, wie Gudrun Strauß im KURIER-Gespräch berichtet. Sie leitet die AGES-Arbeitsgruppe für Pflanzengesundheit in Obst- und Weinbau und ist damit für das Monitoring der Amerikanischen Rebzikade zuständig.
Sie kann sich noch genau daran erinnern, als die erste Amerikanische Rebzikade in Niederösterreich festgestellt wurde: „Das hat sich eingeprägt. Es war 2015 in Schrattenberg.“ Fünf Jahre, nachdem die Überwachung in Niederösterreich begonnen hat. Seitdem wurden die Standorte erweitert, heute gibt es 45.
- Die Amerikanische Rebzikade ist ein invasives Insekt, das die Flavescence dorée, die Goldgelbe Vergilbungskrankheit, überträgt.
- Da dies eine Quarantänekrankheit von Weinreben ist, muss sie bei Verdacht dem amtlichen Landespflanzenschutzdienst gemeldet werden.
- Das gilt für Winzer und Privatpersonen, die in ihren Gärten Weinreben haben. Die zuständigen Landespflanzenschutzbehörden
veranlassen bei einem positiven Laborbefund die erforderlichen Maßnahmen zur Tilgung der Krankheit. - In welchen Gebieten die Amerikanische Rebzikade bereits verzeichnet ist, ist beim Pflanzenschutzwarndienst einsehbar: insect-watch.at.
- Das sind Symptome der Flavescence dorée: Zunächst fallen Blüten und junge Beeren ab, später vergilben die Blätter und sie rollen sich ein. Im nächsten Stadium vertrocknen die Beeren. Erkrankte Rebstöcke müssen gerodet werden, um die Infektion einzudämmen.
Das Monitoring beginnt, wenn die Larven Ende Mai oder Anfang Juni aus den Eiern schlüpfen. Dann werden die Überwachungsstandorte wöchentlich überprüft. „In den vergangenen Jahren sind die Zahlen regelrecht explodiert“, nennt die Expertin Drasenhofen im Bezirk Mistelbach als Beispiel für dieses Jahr. „Die Zahl der Larven hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.“
Amerikanische Rebzikade bewegt sich von Weinrebe zu Weinrebe
Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, dafür steht die Abkürzung AGES, hat nicht nur das Monitoring übernommen, es wird auch geforscht. Etwa, welche Faktoren eine Rolle spielen, damit sich der Schädling verbreitet. Eine Erkenntnis der jahrelangen Forschung: „Die Amerikanische Rebzikade ist die einzige, die sich von Weinrebe zu Weinrebe bewegt“, sagt Strauß. Da dies langsam vonstatten gehe, könne man gut vorhersehen, wo sie sich als nächstes ausbreitet.
„Jetzt befinden wir uns in der heiklen Phase“, erklärt Strauß. Die Zikade ist geflügelt und fliegt nun weiter. Das Monitoring beginnt. Konkret mit gelben Klebetafeln. „Damit werden sie bis Ende September überwacht.“ Die Klebetafeln, auf denen das Insekt kleben bleibt, werden in der AGES ausgewertet.
Maßnahmen zeigen bereits Wirkung
Einige sind bereits eingetroffen und stimmen die Expertin froh: „Das Monitoring ist natürlich noch nicht abgeschlossen, aber es zeigt sich, dass die Zahlen viel niedriger sind als im Vorjahr.“ Soll heißen: Viel weniger Amerikanische Rebzikaden kleben auf den gelben Tafeln. Das sei darauf zurückzuführen, dass es heuer erstmals eine Verordnung zur Bekämpfung gegeben hat. Das zeigt für Strauß: „Werden die Maßnahmen umgesetzt, kann man die Zikade managen. Man braucht aber einen langen Atem.“
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