Renaturierung: Warum Schutzgebiete allein nicht reichen
In der Ybbs wurden natürliche Flussufer geschaffen, Fischaufstiege gebaut und Totholz eingebracht.
Heute tauchen in der Ybbs bei Allersdorf in Amstetten Gänsesäger nach Nahrung, am Ufer lassen sich mit etwas Glück Biber beobachten, Schwäne ziehen gemächlich ihre Bahnen. Die Ybbs darf sich wieder winden, Schlingen bilden und so natürliche Lebensräume bieten.
Vor zehn Jahren war der Fluss noch begradigt und bot wenigen Arten ein Zuhause. Von 2009 bis 2014 fuhren Bagger ins Flussbett, rissen alte Ufer ab, schufen ursprüngliche Lebensräume und damit ein neues Naherholungsgebiet auch für Menschen.
Wiederherstellung verpflichtend
Solche Projekte sollen in den kommenden Jahren europaweit an Bedeutung gewinnen. Anlass ist die EU-Renaturierungsverordnung, die Mitgliedstaaten verpflichtet, geschädigte Ökosysteme schrittweise wiederherzustellen.
Österreich muss dazu bis September seinen nationalen Wiederherstellungsplan an die Europäische Kommission übermitteln. Nach Angaben des Umweltministeriums befindet sich der Entwurf in einem weit fortgeschrittenen Stadium und wird gemeinsam mit den Bundesländern finalisiert.
„Gut aufgestellt“
Niederösterreich sieht sich dabei gut aufgestellt. Rund 32 Prozent der Landesfläche stehen unter Schutz. Doch wo Naturschutzgebiet draufsteht, ist nicht automatisch Naturschutz drin. So finden sich in Niederösterreich zwar einige sehr hochrangige Naturräume, wie der Biosphärenpark Wienerwald oder das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal. Die Natura‑2000‑Areale würden im Grunde jedoch vorwiegend auf dem Papier existieren, erzählt Umweltschützer Matthias Schickhofer.
Seit dem EU-Beitritt ist Österreich verpflichtet, die europäische Naturschutzgesetzgebung umzusetzen - insbesondere die Vogelschutzrichtlinie und die Fauna–Flora-Habitat-Richtlinie. „Das ist damals sehr schnell über die Bühne gegangen, auch mit wenig Information an die Bevölkerung“, erinnert sich Schickhofer.
Die Ybbs darf hier wieder Schlingen bilden. Das Projekt wurde 2014 finalisiert.
„Sehr vage Literatur“
Eigentlich müssten seither schützenswerte Gebiete benannt, Managementpläne erstellt und entsprechende Schritte zum Erhalt oder zur Aufwertung der Ökosysteme gesetzt werden. Passiert sei das laut dem Umweltschützer kaum.
Bei den bestehenden Managementplänen handle es sich laut Schickhofer um „sehr vage Literatur“. Zudem würden etwaige Verstöße in den Europaschutzgebieten kaum exekutiert.
Joschka Brangs von der Umweltorganisation WWF weist zudem darauf hin, dass die mangelhafte Umsetzung des Natura‑2000‑Schutzgebietsnetzwerks kein niederösterreichisches, sondern ein österreichweites Problem sei. Seit einigen Jahren laufe deshalb bereits ein Vertragsverletzungsverfahren. Denn: „Allein zu sagen, wir haben auf dem Papier viele Flächen unter Schutz, reicht nicht.“
„Jeden noch so kleinen Cent im Naturschutz, den ich aufbringen kann, stecke ich in Renaturierungsmaßnahmen, ist das Projekt auch noch so klein“
Landesrätin für Naturschutz (FPÖ)
Was wichtig wäre
Wichtig wäre, naturnahe Flächen zu identifizieren und zu kartieren - womit auch bereits begonnen worden sei – und mit den Grundbesitzenden in Verhandlung zu treten. „Aber dafür bräuchte es auch ein Budget. Und das ist das nächste Problem“, sagt der Umweltschützer.
Seinen Schätzungen zufolge würden derzeit lediglich 0,1 Prozent des Landesbudgets in Naturschutzflächen fließen. Das Land NÖ will diese Zahl nicht bestätigen. Die für Naturschutz zuständige Landesrätin Susanne Rosenkranz (FPÖ) beteuert: „Jeden noch so kleinen Cent, den ich aufbringen kann, stecke ich in Renaturierungsmaßnahmen“.
Je nach Region
Rosenkranz verweist zudem auf das Naturschutzkonzept des Landes. Darin sind unter anderem der Schutz und die Verbesserung wertvoller Lebensräume, eine bessere Vernetzung bestehender Schutzgebiete sowie der Erhalt naturnaher Landschaften vorgesehen. Je nach Region brauche es unterschiedliche Schwerpunkte. Auch Vertragsnaturschutz, Forschung und Umweltbildung möchte das Land stärken.
Irmgard Greilhuber, Leiterin des Biodiversitätsrates, sieht die Bemühungen des Landes. Dennoch nimmt sie einen hohen Nachholbedarf wahr. „Es gibt so viele Flächen, wo man sich denkt ohje.“ Im Naturschutz müsse man vor allem großflächiger denken, geschützte Gebiete sollte man verbinden. Als Beispiel nennt sie die Untere Lobau. „Am besten man verbindet das Gebiet mit March und Thaya. Das wäre für viele Arten wichtig.“
Die NGOs sowie der Biodiversitätsrat begrüßen die Renaturierungsverordnung. Es komme jedoch auf die Umsetzung an. Greilhuber sagt dazu: „Österreich hat die Bevölkerung in den Erstellungsprozess gar nicht einbezogen. Das birgt die Gefahr, dass Zahlen verdreht werden, um besser dazustehen.“ Die Ybbs zeigt, wie Renaturierung gelingen kann. Ob künftig noch mehr Flüsse mäandern, wird davon abhängen, ob den Zielen der EU auch konkrete Maßnahmen folgen.
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