Chronik | Niederösterreich
29.11.2017

Nachbar schoss Frau in den Bauch

Polizei evakuiert Wohnhaus / Verdächtiger stellt sich / Anschlagsopfer in Lebensgefahr / Motiv unklar.

Seiner Nachbarin, mit der er davor kaum ein Wort gewechselt hatte, lauerte ein 47-Jähriger Mittwoch im Morgengrauen im Stiegenhaus eines Mehrparteienhauses in Traisen, Bezirk Lilienfeld in Niederösterreich, auf. Aus nächster Nähe schoss er mit einer Schrotflinte auf die 48-Jährige, die zur Arbeit gehen wollte, verletzte sie dabei lebensgefährlich. Dann legte Christian S. in seiner Wohnung Feuer und flüchtete.

Albtraum

Ungefähr eine Stunde lang versuchte ihr Lebensgefährte Andres Bachner nach eigenen Angaben die Blutung von Anna T. zu stillen, während Polizisten das ganze Haus nach dem Täter durchsuchten. Die Beamten konnten Feuerwehrleute und Sanitäter nicht ins Gebäude lassen, solange sie annehmen mussten, dass sich der bewaffnete Täter noch darin aufhält. In dieser Zeit dichtete eine Nachbarin die Tür mit nassen Tüchern gegen den Rauch ab. "Wir wären sonst erstickt", erzählt Bachner. Die Polizisten evakuierten insgesamt zwölf Personen, die von Mitarbeitern des Roten Kreuzes im nahe gelegenen Café Jakob betreut wurden.

"Polizisten haben sich Schutzmasken von Feuerwehrleuten geborgt, die Tür zu der brennenden Wohnung aufgebrochen und sie gesichert. So haben sie einen Großbrand verhindert", schildert Polizei-Sprecher Johann Baumschlager.

"Sie ist noch immer nicht außer Lebensgefahr", berichtet Andreas Bachner vom Schicksal seiner Lebensgefährtin. Er hat keine Erklärung für die Tat des Mannes, der sich am Mittwoch kurz nach 8 Uhr auf der Polizeiinspektion Traisen den Beamten stellte, nachdem ein Großaufgebot an Polizisten angerückt war.

"Er lebte zurückgezogen, hat mit niemandem geredet", betont Bachner. Es habe auch keinen Streit gegeben. "Ich habe mit ihm noch kein Wort gewechselt, obwohl er bereits einige Jahre im Haus lebte", ergänzt er und bemüht sich, das Erlebte zu verarbeiten: "Ich habe geschlafen und den Schuss gehört. Dann schrie meine Lebensgefährtin. Ich habe sie in die Wohnung geschleppt. Das war wie in einem Thriller. Nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas erleben muss. Ich hätte mir auch keine Erstmaßnahmen zugetraut. Aber wenn es um die eigene Frau geht, machst du das einfach", ergänzt er.

Geständig

Laut den Mordermittlern ist der Verdächtige geständig. Zum Verbleib der verschwundenen Waffe – sie ist auf ihn registriert – machte er am Mittwoch keine Angaben. Die Einvernahme des Tatverdächtigen zeichnete das Bild eines Mannes mit wirren Gedanken. Der 47–jährige dürfte aber genau gewusst haben, dass Anna T. gegen fünf Uhr Früh ihre Wohnung in Richtung Arbeit verlässt. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter die Frau vor seiner Wohnung erwartet hat, als sie über die Treppe ging. Der Schuss aus der Schrotflinte traf das Opfer in den Oberbauch.

Der Unternehmer Christoph Hickelsberger aus St. Ägyd hatte die Wohnung des Verdächtigen im September gekauft. Der hätte am 30. November ausgezogen sein sollen. Jetzt ist sie verwüstet. "Schon bei der Besichtigung habe ich mich gewundert, dass man so leben kann: Kein Bild an der Wand, kein Fernseher, nichts Schmückendes. Seltsam", erzählt er.