Millionär in Mödling exhumiert: Warum der Mordverdacht vom Tisch ist
Die Gruft des verstorbenen Millionärs. Die Grabstelle wurde jahrelang von Regenwasser geflutet. Auch das beeinträchtigte die Laborergebnisse.
Am 19. Dezember des Vorjahres rückten Mordermittler und Tatortspezialisten des Landeskriminalamts Niederösterreich (LKA) auf den Mödlinger Friedhof aus. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt wurde die Leiche des 2021 verstorbenen Millionärs Günter B. (86) aus der Gruft geholt und exhumiert.
Die Kriminalisten gingen dem Verdacht nach, dass seine 43-jährige Pflegerin und Erbin des Millionenvermögens beim Tod des wohlhabenden Pensionisten nachgeholfen haben könnte.
Es ging um den Verdacht des Mordes, bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, Erich Habitzl. Ins Visier war die Frau geraten, weil sie überhaupt erst durch eine perfide Testamentsfälschung und schweren Betrug an das Vermögen des Mannes aus Hinterbrühl (Bezirk Mödling) gekommen sein soll.
Monatelang in U-Haft
Die 43-Jährige sitzt seit Monaten in Wiener Neustadt in Untersuchungshaft. Knapp vier Monate haben der Gerichtsmediziner, Toxikologen und Chemiker versucht, in den Überresten des Leichnams von Günter B. Hinweise auf eine Vergiftung oder ein anderes Fremdverschulden festzustellen – allerdings ohne Ergebnis. Die Mordermittlungen wurden deshalb fallen gelassen und „das Verfahren gegen die Beschuldigte wegen § 75 StGB am 16. März eingestellt“, erklärt Habitzl.
Schwerer Betrug, Diebstahl, etc.
Dafür sei die Beweislage im Fall der Testamentsfälschung erdrückend: Deshalb wird der Frau demnächst am Landesgericht Wiener Neustadt der Prozess gemacht. Wie Habitzl bestätigt, „wurde gegen die Beschuldigte und zwei weitere Personen eine Anklageschrift wegen Paragraf 127, 146 und 147 StGB eingebracht.“
Die Anklage lautet demnach auf schweren Betrug, Betrug und Diebstahl. Die 43-Jährige hatte 2017 über Inserate als eine Art Pflegerin bei Günter B. angeheuert. Zuvor soll sie in eher zwielichtigen Kreisen ihr Geld verdient haben, so Kriminalisten. Auf Fotos in sozialen Netzwerken posierte die 43-Jährige gerne in den teuren Sportwagen ihres Gönners.
Er hatte mit diversen Handelsfirmen und Vermietungen ab den 1990er-Jahren ein Vermögen angehäuft. Als sich sein Gesundheitszustand 2020 verschlechterte, soll die Frau auf Zuruf eines mutmaßlichen Drahtziehers – im Verdacht steht ein Arzt – die Idee geboren haben, das Testament des Unternehmers zu fälschen.
Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, Erich Habitzl
Verärgerter Häftling brachte Stein ins Rollen
Ein Häftling hatte im Sommer des Vorjahres ausgepackt, er belastet die 43-Jährige schwer. Sie soll den Mann um seine versprochene Gage gebracht haben, deshalb nahm er Rache. Der Häftling behauptet, im Auftrag der Frau eine Art Doppelgänger für den Millionär aufgetrieben zu haben. Dieser soll sich beim Notar als der reiche Unternehmer Günter B. ausgegeben haben. Bei dem Termin wurde die Pflegerin als Alleinerbin eingesetzt.
Das grafologische Schriftgutachten eines Sachverständigen ergab, dass die am Testament getätigten Unterschriften nicht jene des reichen Unternehmers waren. Nur wenige Monate nach der Testamentsunterzeichnung war der 86-Jährige tot. Die Pflegerin streifte das Millionenerbe ein.
Feine Villa am Wiener Stadtrand
Die Pflegerin übernahm im April bzw. Mai 2023 die Leitung diverser Gesellschaften. Immobilien des Unternehmers – beispielsweise eine 330 Quadratmeter große Villa nahe Wien – werden auf diversen Plattformen zur Miete angeboten.
Die Anwältin der Beschuldigten, Astrid Wagner, hat eine Haftbeschwerde gegen die U-Haft ihrer 43-jährigen Klientin eingelegt. Bei den Vorwürfen gegen die Pflegerin würde es sich um „eine Intrige in einem gewissen Milieu“ handeln, meint Wagner. Anwalt Sascha Flatz vertritt den mutmaßlichen Drahtzieher, der ebenfalls jegliche Beteiligung an dem Fall bestreitet.
Frage nach der Zuständigkeit
Geprüft wird aktuell noch ob der Prozess am Landesgericht Wiener Neustadt stattfinden wird. Wegen der Tatörtlichkeit - in Bezug auf die Testamentsfälschung bei einem Notar im Bezirk Lilienfeld - könnte es auch sein, dass das Verfahren an das örtlich zuständige Gericht in St. Pölten abgetreten wird.
Kommentare