Lawinenunglücke bei „mäßiger Gefahr“: Lage falsch eingeschätzt?

Am Schneeberg wurde ein Alpinist von einem Schneebrett erfasst. Er überlebte den 500-Meter-Absturz
In einschlägigen Foren wird gestritten, ob der Lawinenwarndienst die Lage am Wochenende richtig erkannt hat.

Ein toter und ein schwer verletzter Alpinist bei zwei Lawinenabgängen auf Niederösterreichs Bergen. Und das bei Lawinenwarnstufe „2“ (mäßige Gefahr). Seit den tragischen Ereignissen am vergangenen Wochenende auf dem Göller sowie am Schneeberg gehen in den einschlägigen Bergsteiger- und Skitouren-Foren sowie in den sozialen Netzwerken die Wogen hoch. Bergfexe, Hobbysportler und Vertreter der Bergrettung diskutieren und streiten eifrigst darüber, ob der Lawinenwarndienst die Gefahren falsch eingestuft hat und mit seinem Lagebericht daneben gelegen ist. „Im Nachhinein weiß man es immer besser“, meint Lawinenmelder und Bergretter Karl Tisch. Die beiden Unfälle haben ihn persönlich tief getroffen, aber aus heutiger Sicht würde die Gefahreneinschätzung genau gleich aussehen, heißt es auch beim nö. Lawinenwarndienst auf Nachfrage des KURIER. Beide betroffenen Alpinisten hätten bei extrem schlechter Wetterlage mit orkanartigem Windböen das Restrisiko am Berg falsch eingeschätzt.

Freund und Kamerad

Mit Philipp K. verunglückte am Samstag auf dem 1.766 Meter hohen Göller der Mürzsteger Alpen ein ausgesprochen erfahrener Tourengeher und Kletterer. Der 27-Jährige aus dem Bezirk Baden war auch Bergretter der Ortsstelle Puchberg am Schneeberg und damit Freund und Kamerad von Karl Tisch. Jenem Lawinenmelder, der auch am vergangenen Freitag an der Erstellung des nö. Lawinenlageberichts für den nächsten Tag beteiligt war.

Lawinenunglücke bei „mäßiger Gefahr“: Lage falsch eingeschätzt?

Karl Tisch ist Lawinenmelder und Bergretter in Puchberg am Schneeberg

Etwas Neuschnee und starker Wind hatten die Situation von Freitag weg leicht verschärft. „Wir haben für die Gefahrenbeurteilung verschiedenste Bezugsquellen. Dazu gehören die Lawinenmelder in den jeweiligen Regionen, die auch Schneeprofile anlegen und uns die Daten melden. Außerdem greifen wird auf das Stationsnetz der Zentralanstalt für Meteorologie zurück“, erklärt Gernot Zenkl vom Lawinenwarndienst.

Allerdings werde der Lawinenlagebericht für eine gesamte Region und nicht für einen einzelnen Berg oder Hang hinausgegeben. „Der minimalste Raum für eine Warnung beträgt 100 Quadratkilometer. Wichtig ist es, die Beurteilung und die Prognose im Text des Warnberichts zu lesen“, so Zenkl. In der Warnung für Samstag hieß es: „Hauptproblem Triebschnee – Wind führt zu Verfrachtungen; Erhebliches Gefahrenpotenzial in kammnahen Expositionen; Gefahr von Schneebrettlawinen in Einfahrten zu Rinnen und Mulden“.

Unfallanalysen

„Die Leute sehen nur die Warnstufe 2 und wiegen sich damit in Sicherheit. 25 Prozent der Unfälle passieren aber genau bei einem Zweier, die meisten bei Stufe 3“, erklären Zenkl und Robert Salzer von der Bergrettung Hohenberg.

Die Erhebungen und Unfallanalysen der beiden Unglücke vom Wochenende haben laut Tisch ein eindeutiges Bild ergeben. Beide standen in unmittelbarem Zusammenhang mit starken Windverfrachtungen und Triebschnee. Trotz Sturmböen von bis zu 100 km/h ist ein Extrembergsteiger am Samstag am Schneeberg auf den als Steilrinne mit 50 Grad Gefälle bekannten „Vestenkogel“ geklettert. Trotz der widrigen Wetterverhältnisse hat er es über den Südost-Aufstieg noch ein zweites Mal probiert und dabei selbst ein Schneebrett losgetreten. Dieses hatte ihn 500 Meter weit in die Tiefe gerissen.

Lawinenunglücke bei „mäßiger Gefahr“: Lage falsch eingeschätzt?

Bei dem Schneebrett-Abgang am Schneeberg wirkten enorme Kräfte. Der Ski des Alpinisten brach unter der Wucht der Schneemassen

Und auch Philipp K. hatte es am Göller bei der Einfahrt in eine Rinne erwischt. Obwohl er pro Jahr an die 50 Skitouren ging und vor Kurzem noch am Großglockner war, hatte auch er die Gefahr anscheinend unterschätzt.

Lawinenunglücke bei „mäßiger Gefahr“: Lage falsch eingeschätzt?

Die Bergung des Leichnams am Göller. Philipp K. war eineinhalb Meter tief verschüttet

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