Neuer Kulturverein zieht ins Südbahnhotel
Es war das erste Hotel am Semmering, vor 50 Jahren checkte der letzte Gast aus.
Einst ging hier das Who-is-Who aus Kunst, Literatur und Politik ein und aus. Heute öffnen sich die Türen des Südbahnhotels nur noch, wenn Veranstaltungen stattfinden – etwa im Rahmen der Festspiele Reichenau. Von 3. Juli bis 2. August wird „Krieg und Frieden“ aufgeführt.
Ansonsten sind es Irene Beckmann oder Heike Dobrovolny, die die Tür zum Hotel aufsperren, wenn sie Besucherinnen und Besucher begrüßen, um ihnen davon zu erzählen, wer hier einst zu Gast war. Hinter dem Letzten wurden übrigens vor genau 50 Jahren, 1976, die Türen geschlossen.
Führungen sofort ausgebucht
Die beiden Frauen haben kürzlich den Verein Südbahnbühne Semmering gegründet und vom Eigentümer Christian Zeller das Exklusivrecht erhalten, das Hotel kulturell zu bespielen (die Festspiele Reichenau an der Rax sollen aber auch 2027 bleiben). Derzeit bietet der Verein Führungen an, die auf die Geschichte des Hauses und den Semmering als Sommerfrische-Ort aufmerksam machen.
„Die Führungen sind immer sofort ausgebucht“, erzählt die steirische Kulturhistorikerin Dobrovolny, sie nimmt es als Beleg dafür, dass großes Interesse da ist.
Geschichte
Das „Hotel Semmering“ war das erste Hotel am Semmering. Es wurde von der „K. u. k. Südbahngesellschaft“ in Auftrag gegeben, damit die Region touristisch belebt wird. In den 1850er-Jahren wurde die Südbahnstrecke gebaut, 1882 bis 1884 dann das erste „Südbahnhotel“ – entlang der Strecke von Wien bis Triest gab bzw. gibt es mehrere.
„Ursprünglich hatte es 60 Zimmer, es wurde allerdings immer wieder erweitert. 1903 erstmals und 1930 das letzte Mal, da wurde im Eingangsbereich mit Sichtbeton gearbeitet, das Schwimmbad dazugebaut und im Inneren die ’American Bar’ eingerichtet“, weiß Dobrovolny.
In Führungen erzählen die Vereinsgründerinnen von der schillernden Geschichte des Hotels – und von berühmten Gästen wie Arthur Schnitzler. Dessen Romanfiguren sollen zum Teil vom letzten Portier des Südbahnhotels wiedererkannt worden sein. Oder von Sigmund Freud, Prinzessin Maria von Griechenland, Königin Maria von Rumänien, Gustav und Alma Mahler oder Oskar Kokoschka, die im Luxustempel hoch oben am Semmering gerne zugegen waren.
Umbau
Heute ist der einstige Glanz abhandengekommen. Das grüne Dach, welches in den 1990ern das ursprünglich orange ersetzt hat, glänzt in der Sonne und lässt das Potenzial des Gebäudes erahnen, welches laut Eigentümer Zeller wieder als Hotel betrieben werden soll. Die Planungen für die Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes laufen.
„Was die Südbahn ermöglicht hat – nämlich den Semmering zur Sommerfrische-Destination für alles, was Rang und Namen hatte, zu machen – brach mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Das Hauptklientel – die jüdische Bevölkerung – wurde ermordet. Ab den 1970er-Jahren kam das Fliegen, wer es sich leisten konnte, flog weg“, so Dobrovolny.
Architekturführung
Bei einer Architekturführung berichtet sie, dass die Häuser im typischen Sommerfrischestil – mit Fachwerk und Laubsägen-Ornamenten sowie Balkonen und Türmchen – für ihre Bauzeit (ab den 1880er-Jahren) eigentlich altmodisch und an eine Bauernhaus-Romantik angelehnt seien. Ihre niederösterreichische Kollegin Irene Beckmann ist auch abseits der Vereinstätigkeit am Semmering unterwegs und macht geführte Wanderungen, wo sie etwa die Frauen vom Semmering in den Mittelpunkt stellt.
Im Herbst will der Verein ein umfassendes Kulturprogramm präsentieren: „Im Südbahnhotel wird es Lesungen und Musik geben, außerdem wissenschaftliche Vorträge und Theateraufführungen“, lassen die Vereinsgründerinnen wissen.
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