Chronik | Niederösterreich
05/21/2014

Verwesungsgeruch aus der Zelle: Ministerium prüft disziplinäre Schritte

Der Fall eines vernachlässigten Insassen in Krems-Stein stellt Maßnahmen-Vollzug in Frage. Justizminister: "Das ist eine Katastrophe."

Die Zehennägel rollen sich bereits ein, so lang sind sie. Die Füße sind komplett verkrustet von Geschwüren. Dazu mischt sich intensiver Verwesungsgeruch. Doch der Mann, dem diese Füße gehören, ist nicht tot. Er saß im Maßnahmenvollzug in der Justizanstalt Krems-Stein – der Falter deckt in seiner aktuellen Ausgabe den Fall von Wilhelm S. auf.

Der 74-Jährige, der seine Strafe wegen versuchten Mordes schon längst verbüßt hat, ist ein schwieriger Insasse. Er hat schwere psychische Probleme, ist ein Pflegefall und verweigert die Behandlung – Gründe dafür, dass er im Maßnahmenvollzug in Stein sitzt.

Doch monatelang dürfte sich keiner um den Zustand des Mannes gekümmert haben. Erst der starke Verwesungsgeruch fiel auf. Justizminister Wolfgang Brandstetter sagt im Falter: "Das ist eine Katastrophe, so etwas darf nicht passieren."

Sektionschef: "Furchtbarer Vorfall"

Der zuständige Sektionschef im Justizministerium, Michael Schwanda, zeigte sich im Ö1-Morgenjournal betroffen. Der Vorfall sei "furchtbar". Man habe Anzeige erstattet und prüfe disziplinäre Schritte, der Häftling werde nun medizinisch versorgt. Was den "Maßnahmenvollzug" generell betrifft, werde der nun "evaluiert", so Schwanda.

Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion, ist sicher: "Dieser Fall wird einiges bewegen." Doch er nimmt auch die Kollegen in Schutz: "Der Mann hatte die Füße immer mit Bandagen eingebunden." Über Schmerzen habe er nie geklagt. Erst durch den starken Geruch sei die Sache aufgeflogen. "Hygienische Probleme sind grundsätzlich nicht selten", sagt Prechtl. Erst als die Bandagen abgenommen wurden, habe man das "schreckliche Ergebnis" gesehen.

Ermittlungen

Doch passiert ist wenig. Die Staatsanwaltschaft Krems ermittelt wegen Vernachlässigung. Die Wunden von S. sind verheilt, er liegt noch auf der Sonderkrankenanstalt und wird voraussichtlich Ende Mai in eine "andere, kleine Einheit" verlegt.

"Er hat sich nicht gemeldet, er hätte nur in die Krankenstation gehen müssen", sagt Anstaltsleiter Bruno Sladek. Doch das Problem ist ein grundsätzliches: Zu viele psychisch Kranke sind in den Justizanstalten untergebracht. In Krems-Stein gibt es gesamt 820 Insassen, 115 davon sind geistig abnorme Rechtsbrecher. "Wir haben leider sehr viele, extrem schwierige Gefangene. Bei Vollbelegung können wir nicht jedem hinterher sein", beschreibt Sladek. "Das ist eine hohe Belastung für das Personal. Das Bemühen ist groß. Aber die Versorgung ist nicht optimal", sagt Prechtl. Und auch die Zahl der älteren Häftlinge steigt stetig.

Die Vollzugsdirektion prüft den Fall. "Gibt es den Verdacht, dass Dienstpflichten nicht erfüllt wurden, gibt es Konsequenzen", so Prechtl.