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Chronik | Niederösterreich
12/14/2018

Ilse Helbich (95): „Man lernt noch immer etwas Neues“

Mit 80 Jahren veröffentlichte Ilse Helbich ihr erstes Buch, mit 95 erhielt sie nun den Kulturpreis des Landes NÖ.

15 Jahre nachdem Ilse Helbich ihr erstes Buch veröffentlicht hatte, erhielt sie nun  den Kulturpreis des Landes NÖ für Literatur. Mit dem KURIER spricht Helbich darüber, dass man nie auslernt und auch mit 95 Jahren noch ein „bisserl kindisch ist“.

KURIER: Ihr Buch „Im Gehen“ wurde im Vorjahr veröffentlicht. Sie haben gesagt, dass es das letzte sein wird. Bleiben Sie dabei?

Ilse Helbich: Ja, ich selbst werde nichts mehr veröffentlichen. Aber ich habe meinen Vorlass in St. Pölten liegen (Anm.: Das nö. Literaturarchiv hat ihn erworben) und da wird im nächsten Jahr ein Art Würdigungsband erscheinen mit uralten Texten von mir, die ich in den Siebzigern in der „Presse“ publiziert habe und außerdem einigen unveröffentlichten Texten. Die Herausgeber sind nett genug, um mich als Autorin dabei noch mitreden zu lassen.

Sie haben mit 80 Jahren Ihr erstes Buch veröffentlicht.

Ja, das erste Buch. Es geht die Legende, dass ich überhaupt dann erst zu schreiben begonnen habe, das ist nicht wahr. Ich habe in der „Presse“ publiziert und ich hatte eine große Wittgenstein-Zeit. Ich habe ein Drehbuch für den WDR geschrieben, für eine Wittgenstein-Biografie. Durch mich wurde die Welle um ihn in Österreich erst ausgelöst. Später habe ich noch im ORF einige Sendungen für „Diagonal“ gestalten dürfen. Erst dann kam das Buch.

Haben Sie vorher nie daran gedacht, ein Buch zu schreiben?

Ein Buch nicht, aber ich hatte schon früher Manuskripte von längeren Texten in meiner Schublade, Autobiografisches, das ich aufgeschrieben habe, weil ich dachte, das könnte einmal meine Kinder interessieren – die habe ich dann später gerne in meinen Büchern verwendet. Es sind Bestandsaufnahmen aus dem Leben eines sehr alten Menschen. Versuche, die Vergangenheit zu deuten, Versuche, das innere Erleben festzuhalten. Und da habe ich für mich die sehr schöne Erfahrung gemacht, dass ich dadurch, dass ich meine eigene Erfahrungen ausdrücken kann, anderen Menschen – den Alten als direktes Erlebnis, den Jungen als Lebensmöglichkeit – etwas bisher Unbewusstes, bewusst machen kann. Mich haben alte Leute angerufen und gesagt: „Was Sie da beschreiben, erlebe ich auch, aber ich habe nicht gewusst, dass ich es erlebe.“

Es gibt nicht viele in Ihrem Alter, die das so beschreiben können, wie Sie das machen.

Ich glaube, das ist das was ich kann. Und wissen Sie, ich wundere mich, dass ich so gar nicht mehr den Drang weiter zu schreiben habe, denn es geht ja jetzt sowohl noch das äußere Leben wie das innere Erleben immer weiter, aber ich habe einfach keine Lust mehr zu schreiben.

Gäbe es noch Themen über die Sie gerne geschrieben hätten?

Ich habe ein Kinderbuch liegen, zu dem ich einen kleinen Text gemacht habe und eine sehr begabte Enkelin hat dazu Illustrationen gemacht, das Manuskript liegt noch als Projekt herum. Da müsste ich den Grundtext ein bisschen umstellen und dazu bin ich jetzt nicht motiviert genug, dabei wünsche ich mir doch sehr, dass dieses Kinderbuch publiziert würde. Und nach den Gedichten ist als letztes ein bibliophiles Bändchen erschienen in der Edition Thurnhof, da habe ich Band Nr.100 – worauf ich sehr stolz bin – man ist nämlich schon sehr kindisch (lacht). Es heißt „Zwei Geschichten vom Glück“.

Sind Sie jetzt zufrieden? Eine Bekannte hat neulich von sich gesagt: „Ich bin jetzt bei 100 Prozent“. Dieses 100 Prozent hat zu meinem jetzigen Leben gepasst. Es stimmt irgendwie so wie ich lebe, es kann sich freilich auch alles ändern, und es heißt nicht, dass man auch jetzt nicht manchmal Schwierigkeiten hätte. Nach außen plage ich mich furchtbar, weil ich natürlich meine körperlichen Einbußen jetzt merke – mit 95 darf man das. Ich habe nur eine Bitte: Machen Sie Ihren Bericht nicht zu lobpreisend. Es war jemand da von einem Magazin und das war dann so unangenehm, nämlich so dick aufgetragen, aber ich finde etwas sachlicher wirkt es genauso, dann denken sich die Leute: „Hm, das könnte eine interessante Frau sein“ und stehen dann vor meiner Tür.

Hätten Sie gerne, dass jemand vor Ihrer Tür steht?

Um Gottes Willen, nein. Aber neulich stand tatsächlich eine Frau da und hat mit meinem Gedichtband gewachelt. Es stellte sich heraus, dass diese Frau meine Gedichte für eine Moskauer Literaturzeitschrift übersetzen soll. Zuerst unterhielten wir uns über Grammatik, aber dann auch über den Inhalt der einzelnen Gedichte und sie hat mich gezwungen, ihr die Bedeutung meiner Gedichte, die ich einfach hingeschrieben habe, zu erklären und Hinweise zu geben. Das war für mich sehr wichtig, weil ich einen rationaleren Zugang zu meinen eigenen Gedichten bekommen habe. Dabei habe ich gelernt, dass sich ein gutes Gedicht, außer in einer transzendenten Dimension, mit den Mitteln des Verstandes auslegen lassen muss und dass dies ein Kriterium für ein gelungenes Gedicht ist. Man lernt also noch immer etwas Neues, das ist das Erstaunliche.

Zur Person

Ilse Helbich wurde 1923 in Wien geboren. Seit 30 Jahren lebt sie in Schönberg am Kamp. Sie studierte Germanistik und  lernte „Verlagskaufmann“ (Anm.: damalige Bezeichnung). Später war sie als Journalistin und Publizistin tätig. Ihr erster Roman „Schwalbenschrift“ erschien 2009. Sie ist Mutter von fünf Kindern.