Verdurstete Kitze, verbrannte Wälder: Wild gerät unter Druck
Flammen haben Lebensraum für Wildtiere zerstört.
Das Gefühl, in einem verbrannten Wald zu stehen, das sei für Gottfried Pinkl schwer zu beschreiben. Der Jäger zögert, denkt einen Augenblick über die Frage nach. Einen zweiten. „Es ist im Prinzip, wie wenn man auf einem Friedhof steht“, sagt er schließlich. Da erfasse einen die Demut, in diesem plötzlich so leeren, so schwarzen Raum. „Es ist erschreckend, das zu sehen. Und es dauert auch eine Weile, bis das persönlich aufgearbeitet ist und auch für die Natur, sich zurechtzufinden.“
Pinkl hat vor über 20 Jahren seine Jagdausbildung abgeschlossen. Heute ist er Bezirksjägermeister-Stellvertreter im Bezirk Neunkirchen und Hegeringleiter in jenen Föhrenwäldern, die im August gebrannt haben. Auch als Mitglied der Feuerwehr hat Pinkl bereits erlebt, was Flammen für das Ökosystem und seine tierischen Bewohner bedeuten. „Größere Wildarten, wie Rehe, kommen Gott sei Dank relativ gut davon“, erzählt er. Diese würden meist intuitiv flüchten. Schwer haben es hingegen kleinere Wildtiere, die in Erdbauten leben und Schutz suchen, wie Füchse, Marder oder Dachse. „Die haben dann fast keine Chance.“ Gleichzeitig verlieren alle Deckung und Nahrung in den Flammen. „Und das muss auch kompensiert werden.“
Quellen versiegt, Grünfutter vertrocknet
Ein Waldbrand, sagt Pinkl, das sei immer ein totaler Supergau. Doch das heimische Wild leidet nicht erst, wenn es brennt. Die Dürre und Hitze setzten den Tieren bereits seit Wochen zu, auch in den Revieren am Steinfeld. „Wir haben aufgrund der schlechten Böden fast keine Speicherkapazitäten von der Erde her“, sagt der Jäger. Bestehende Quellen seien versiegt, alle paar Tage müssen Wasserstellen befüllt werden. Parallel dazu fehle es an Grünfutter, das vielen Tieren ebenfalls Flüssigkeit liefert, und an hohen Kulturpflanzen, die Schutz vor der Sonne bieten.
Eine der wichtigsten Maßnahmen ist die laufende Betreuung von Wasserstellen sowie das Befüllen von Suhlen, Tränken, Kübeln und Wannen.
Nicht nur im Bezirk Neunkirchen haben Mensch und Tier zu kämpfen. Die Auswirkungen des Klimawandels seien allgemein in heimischen Revieren spürbar, so Leopold Obermair, Geschäftsführer des NÖ Jagdverbands. Unter anderem würden sich Vegetationsperioden verschieben, Baumgrenzen wandern, Pflanzen früher austreiben oder vertrocknen. „Dadurch verändert sich das Nahrungsangebot für Pflanzenfresser und zahlreiche Insektenarten, wovon in der Folge das junge Federwild betroffen ist“, so Obermair. Insbesondere Arten mit hohen Ansprüchen an ihren Lebensraum würden so zunehmend unter Druck geraten.
„Finanzielle, zeitliche und organisatorische Belastung“
Um die Tiere zu unterstützen, errichten, reinigen und befüllen Jägerinnen und Jäger vielerorts Wasserstellen, teils auch erstmals in Bergrevieren, so Obermair. In Niederwildrevieren werden zusätzlich Rüben ausgebracht, um Flüssigkeit für Feldhasen bereitzustellen. Je nach Reviergröße, geologischen Gegebenheiten und Zugänglichkeit könne sich die Wasserversorgung zu einer ressourcenintensiven Aufgabe entwickeln. „Diese Arbeiten passieren aber ehrenamtlich und können für Jägerinnen und Jäger eine zusätzliche finanzielle, zeitliche und organisatorische Belastung darstellen“, so der Geschäftsführer.
Im Revier von Gottfried Pinkl hat die lange Trockenperiode insbesondere bei den Rehen Spuren hinterlassen. „Was mir schon aufgefallen ist: Wir haben verdurstete Kitze“, erzählt er. Das fehlende Wasser wirke sich hier auf die Milchproduktion der Muttertiere aus. Wie viele Tiere aufgrund von Flüssigkeitsmangel verenden, lasse sich laut Obermair erst nach der Bewertung der Fallwildzahlen sagen. „Es ist aber anzunehmen, dass die Zahlen heuer flächendeckend höher sind als in den vergangenen Jahren“, sagt der Berufsjäger. Das gelte auch für Tiere, die verhungert oder aufgrund von Hitzestress gestorben sind.
Wild braucht Raum - und Ruhe
Was es braucht, damit das Wild mit Hitze und Trockenperioden besser zurechtkommt? „Veränderungen, die bereits passieren“, so Obermair und meint neben akuten Maßnahmen die bewusste Gestaltung von strukturreichen Lebensräumen. In Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft werde etwa Randstreifen, Hecken, Sträucher, Gebüsche und weitere benötigte Flächen bepflanzt. Auch Feuchtbiotope und Wildäsungsflächen seien von Bedeutung. Langfristig brauche es eine gemeinsame Strategie zur Schaffung klimafitter Wälder, die Jagd, Forst und Landwirtschaft miteinschließt.
Auch jeder und jede Einzelne könne dabei helfen, Wildtiere zu entlasten, wie die beiden Jäger betonen. Bei Besuchen im Wald sollten die markierten Wege genutzt, Hunde an der Leine geführt und Lärm vermieden werden, um die Tiere nicht zusätzlichem Stress auszusetzen.
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