Thomas Müller und eine Kollegin als Wachauer "Hiata"

© KURIER/Gilbert Weisbier

Niederösterreich
10/13/2016

Gästeservice im Graubereich

Hobby-Weingartenführer geben aus Angst vor der Gewerbebehörde auf.

von Gilbert Weisbier

Sie stellen ihre engste Heimat auf persönliche Weise vor und leisten einen wertvollen Beitrag für die Vermittlung eines authentischen Lebensgefühls. Doch über den Hunderten Hobby-Weingarten- und Kellergassen-Führern in Niederösterreich schwebt das Damoklesschwert der Strafe wegen fehlender Gewerbeberechtigung. Obwohl sie meist weit weniger einnehmen, als der obligatorische Gewerbeschein kosten würde. Seit Langem ringt man vergeblich um eine rechtlich saubere Lösung (siehe Zusatzbericht). Immer öfter geben Regionalführer daher auf.

Schlupfloch

"Wir haben eine Ausbildung gemacht, bei der man betont hat, dass es sich bei unserer Wanderbegleitung um eine Grauzone handelt, die nicht ausjudiziert ist", erzählt der Lehrer Thomas Müller aus Krems, der als "Wachau-Hiata" Weingarten-Spaziergänge anbietet. "Dabei betone ich, dass das keine Führung ist, sondern Wissensvermittlung. Denn Unterricht ist frei und nicht an ein Gewerbe gebunden", erklärt er. Die wenigen freiwilligen Spenden, die er erhält, sind nur ein Bruchteil dessen, was ein Gewerbeschein kosten würde. "Es wäre schade, wenn sich die Kollegen nicht mehr trauen würden, das weiter zu machen, weil es eine Bereicherung für die Region ist", findet Müller.

Sorge

Die Wachau-Hiata, deren Bezeichnung sich am Weingarten-Wächter in der Erntezeit orientiert, haben über den Donau-Tourismus eine spezifische, EU-geförderte Ausbildung bekommen. Doch nach anfänglichem Enthusiasmus führt das Angebot ein Mauerblümchendasein: "Ich mache fast keine Termine mehr, andere haben ganz aufgehört", sagt eine Betroffene.

"Neben kulturellen Stadtführungen sind auch begleitete Spaziergänge und Wanderungen in der Natur gefragt. Beide Arten der Wissensvermittlung garantieren meiner Meinung nach ein authentisches Regionserlebnis", bestätigt Peter Sigmund vom Donau-Tourismus. Nachsatz: "Selbstverständlich ist uns wichtig, dass alle Tätigkeiten in dem Zusammenhang nach gesetzlich vorgegebenen Richtlinien ausgeübt werden." Genau hier liegt das Problem: "Wir bemühen uns seit Jahren vergeblich um eine Regelung", sagt Michael Staribacher, für die Ausbildung der mehreren hundert Weinviertler Kellergassenführer zuständig.

Wolfgang Auinger, Sprecher der staatlich geprüften "Austria Guides", sieht kein Problem in wenig touristischen Regionen, wenn Ortsführer im Grünen bleiben. "Aber in der Topregion Wachau kann es schon Probleme geben, wenn sie in die Stadt kommen", sagt er und meint, die müsse das Revier der Profis bleiben. "Agieren die Regionalführer in vernünftigen Grenzen, wird es keine Schwierigkeiten geben", ist Auinger überzeugt.

Auch Besuchsdienst vor Kollaps

Eine bewährtes Service, das in Heimen lebenden Behinderten etwas individuelle Freizeitgestaltung ermöglicht, steht vor dem Aus. Seit die Gewerbebehörde des Niederösterreichischen Bezirks Tulln die Mitglieder eines Betreuungsdienstes ins Visier genommen hat, bröckeln die Mitglieder aus Angst vor Strafen ab.
Viele Privatleute machen mit den Behinderten Ausflüge, gehen mit ihnen ins Café oder bringen sie zum Friseur. Dafür erhalten sie einen kleinen Stundensatz.


Laut Franz Holzschuh aus Traismauer, Bezirk St. Pölten, haben kürzlich die Mitglieder des Besuchsdienstes – er schätzt deren Zahl auf etwa 200 – eine Verwarnung der Bezirkshauptmannschaft erhalten. „So gut wie alle werden aufhören, weil die Einnahmen kaum die Kosten eines Gewerbescheins decken“, sagt Holzschuh, ein Mitglied des Besuchsdienstes.
Traurig ist man auch beim Verein „Vertretungsnetz“, der sich unter anderem um die Interessen besachwalteter Menschen kümmert: „Der Besuchsdienst bietet zu geringen Kosten ein Service, wie es das Heim alleine nicht bieten kann. Die Besucher verdienen im Durchschnitt 700 bis 1000 Euro im Jahr“, erklärt Christian Aigner vom Vertretungsnetz. Das sei weit günstiger, als das Firmen mit Gewerbeschein anbieten könnten. Würde der private Besuchsdienst wegfallen, müssten die betroffenen Behinderten entweder viel mehr zahlen als bisher, „oder ganz darauf verzichten, wenn sie sich das nicht mehr leisten können“, fürchtet Aigner.


Er plant, betroffene Besucher über das Vertretungsnetz juristisch bei einem Einspruch zu unterstützen. „Vielleicht kann das endlich ausjudiziert werden, dazu gibt es nämlich noch keine Gerichtsurteile“, sagt Aigner.

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