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Mordprozess
09/20/2013

Fall Kührer: Viele Puzzlesteine, viele Fragen

Gleich sechs Gutachter kamen zu Wort. Den endgültigen Beweis konnten auch sie nicht liefern.

von Michaela Reibenwein

Der sechste Tag im Prozess rund um den Tod der 16-jährigen Julia Kührer aus Pulkau ist nichts für schwache Nerven. Gleich sechs Gutachter sind im Landesgericht Korneuburg am Wort – das macht den Aufwand, der rund um die Klärung des Todes der 16-Jährigen betrieben wurde, sichtbar. Ehemalige Autos des Angeklagten wurden in Litauen gesucht und gefunden – in der Hoffnung auf DNA-Spuren von Kührer.

Ein Erdkeller wurde nachgebaut, um den Brand darin entsprechend simulieren zu können. Insektenreste wurden analysiert, um die Liegedauer von Julias Leiche zu bestimmen. Der Schlüsselsatz fällt gleich zu Beginn der Verhandlung: „Die Todesursache ist nicht feststellbar. Aber die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen, natürlichen Todes ist gleich null“, erklärt Gerichtsmediziner Wolfgang Denk. Das größte Problem: Julias sterbliche Überreste wurden erst fünf Jahre nach ihrem Verschwinden gefunden. Ihr Körper war zu dem Zeitpunkt fast komplett skelettiert. Und ihr Körper wurde in Brand gesetzt. Für die Experten ein worst case. Exakte Antworten sind kaum möglich.

Denk grenzt ein: "Ein Angriff auf den Hals, Stichwunden, etc. sind als Todesursache wahrscheinlicher als ein natürlicher Tod.“ Und in diesem Punkt beruft er sich auch auf die Statistik. 44 Frauen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren sterben jährlich in Österreich, 20 davon sterben eines natürlichen Todes – mit Vorerkrankungen. „Der Tod aus scheinbarem Wohlbefinden (also ohne Krankheit,Anm.) ist in dem Alter extrem selten. Das kommt nur alle paar Jahre einmal vor.“

Feuer brannte lang

Klar ist: Julia starb kurz nach ihrem Verschwinden. Und ihre Leiche wurde mehrmals bewegt. In der Nähe des Stiegenabgangs des Kellers wurde ihr Körper mit Diesel überschüttet und angezündet. „Das muss erheblich gebrannt und gerußt haben“, erklärt Denk. Die Brandsachverständigen Christian Tisch und Walter Vycudilik bringen das auf den Punk: Bei einem Experiment mit Keller-Nachbau und einem Schweine-Kadaver brannte es zwei Stunden und 13 Minuten. „In den ersten drei Minuten kam es zu einer extremen Rauch- und Ruß-Entwicklung“, sagt Tisch. Nachdem das Feuer erloschen war, konnte der Körper des Mädchens nicht gleich in den hinteren Teil des Kellers gebracht werden. Denn dort stauten sich das Kohlenmonoxid und der Rauch. Optimistische Schätzung der Experten: „Das war frühestens drei bis vier Stunden danach möglich.“

Die Zeitspanne zwischen dem Tod und dem Anzünden der 16-Jährigen versucht Gerichtsmediziner Christian Reiter anhand gefundener Insekten-Reste zu klären. Denn: Am und rund um den Leichnam wurden Fliegenpuppen gefunden. Und Fliegen legen ihre Eier nicht auf einem verkohlten Leichnam ab. „ Das geschah frühestens nach zwei Tagen, kann aber auch bis zu zwei Wochen gedauert haben.“

Auf Kollitschs Grundstück fanden sich auch Kanister mit Diesel und eine Scheibtruhe mit geschmolzenen Griffen. Damit dürfte Julias Leichnam transportiert worden sein.

Gewicht hat auch das DNA-Gutachten von Christa Nussbaumer. Sie fand DNA des Angeklagten auf der blauen Decke, die mit Julia verbrannt worden war. Das ist ein kleines Wunder. „Im Lauf der Zeit wird DNA abgebaut. Probleme macht vor allem die Feuchtigkeit im Keller.“ Dass sich dennoch Kollitschs DNA darauf fand, erklärt sie so: „Es ist anzunehmen, dass einiges von seiner DNA auf der Decke drauf war.“

Chemiker und Toxikologe Günter Gmeiner konnte außerdem bei Julia Rückstände von Crystal Meth feststellen. Und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. „Damit ist der Konsum mit hoher Wahrscheinlich nachgewiesen“, sagt er – und beantwortet so eine der brennenden Fragen.

Dennoch: Vieles bleibt offen. Beweise gegen den Angeklagten gibt es noch immer nicht.

Urteil: am kommenden Dienstag.

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