Robert Krimmer plädiert für weniger Angst vor digitalen Lösungen

© Klaus Klebe

Chronik Niederösterreich
09/09/2019

Digitalisierung: Dank Roboter mehr Zeit für Familie

Der Vorarlberger Robert Krimmer, Professor für e-Governance in Tallinn, berät NÖ bei der Digitalisierungsstrategie.

von Caroline Ferstl

Die Esten gelten als Digitalisierungsvorreiter der EU. Sie wählen online, machen ihre Steuererklärung, lassen sich Medikamente verschreiben, geben ihren Kindern einen Namen – alles mit nur wenigen Klicks. Dabei hat das nordische Land weniger Einwohner als Niederösterreich – ein Vergleich bietet sich also an.

Der gebürtige Vorarlberger Robert Krimmer ist seit 2014 Professor für e-Governance an der Technischen Universität in Tallinn. Auch er hat etwas mit Niederösterreich gemein: Krimmer sitzt im 2017 gegründeten Expertenbeirat der NÖ Digitalisierungsstrategie. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt er, was in Österreich gut und was schief läuft.

KURIER: Herr Krimmer, was machen die Esten besser als andere?

Robert Krimmer: Die Esten sind sehr westlich geprägt. Schon während der Sowjetzeit haben sie finnisches Fernsehen empfangen und sich an Deutschland orientiert. Sie sind ein pragmatisches, fleißiges Volk, immer auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung in der westlichen Welt, ohne Abneigung gegenüber digitalen Lösungen.

Könnte das auch in Österreich funktionieren? Oder fürchten wir uns etwa vor der Digitalisierung?

In Estland hat man etwa 1995 mit einer Aktion, genannt „Tigersprung“, den Bürgern Internet und Computer vorgestellt, und 2002, als die verpflichtende elektronische Bürgerkarte eingeführt wurde, kostenlose Einführungskurse angeboten. Heute nutzen das vor allem große Teile der älteren Bevölkerung. Warum sollte das, was hier funktioniert, nicht auch bei uns klappen? Man muss nur die Mentalität der Österreicher ändern.

Wie macht man das am besten?

Indem man zeigt, wie viel Zeit und Aufwand man sich erspart. Man muss eine digitale Anwendung, die man täglich braucht, interessant und einfach genug gestalten. In Estland kann man etwa mit seiner digitalen ID-Karte im Supermarkt seinen Einkauf bestellen und diesen an einen öffentlichen Kühlschrank liefern lassen. Es ist nicht leicht, ein bestehendes System digital aufzurüsten, aber genau deswegen muss es jetzt passieren, nicht irgendwann.

Die Digitalisierung veränderte in Estland also nicht nur Verwaltung und Bürokratie, sondern auch die Arbeitswelt?

In Estland gibt es keine Steuerberater und bald auch keine Buchhalter mehr, das System ist sehr einfach, das macht jeder selber. Dafür gibt es neue Arbeitsplätze. In Österreich könnte man etwa Pendler sinnvoll entlasten, durch die Forcierung von Co-Working-Spaces, Telearbeit und künstlicher Intelligenz. Warum sollte man Roboter nicht als Chance sehen? Kommen tut das so oder so.

Die Leute könnten aber Angst haben, dass soziale Aspekte auf der Strecke bleiben?

Ist das so? Oder hat man nicht erst durch diese Zeitersparnis Kapazitäten für wichtige zwischenmenschliche Beziehungen? Statt sich mit dem Steuerberater auszutauschen, würden viele nicht Zeit mit der Familie vorziehen?

Estland rühmt sich mit seiner e-Residency, mit der jeder Nicht-Este digitaler Bürger des Landes werden und dieselben Vorteile genießen kann. Etwa bei der Gründung eines Unternehmens. Brauchen wir das auch?

Österreich hat eine e-Residency, seit 2004. Sie wird nicht groß beworben, weil unser digitales Ökosystem weniger ausgebaut ist als das estnische. Wir haben viele andere Möglichkeiten, mit denen wir werben können.

Hat Estland von dieser Strategie nicht bald genug?

Im Gegenteil. An unserem Institut arbeiten wir derzeit an einem digitalen Tunnel zwischen Finnland und Estland, dem FinEst Twins Projekt, einem Datennetzwerk zwischen den Ländern. Estland hat erkannt, dass man als Vorreiter in digitalen Lösungen schnell zu einer digitalen Insel werden kann. Dem will man vorgreifen.

Gleichzeitig leiten Sie den EU Piloten des „Once-Only Prinzips“. Worum geht es da?

Wir arbeiten an einer Datenaustauschplattform für Verwaltungsdienste in der EU. Eine x-Road sozusagen, wie sie es schon in Estland gibt. Alle Daten bleiben auf ihren dezentralen Servern gespeichert, und können bei Bedarf überall gesichert aufgerufen werden. So kann man bereits heute ein in Finnland ausgestelltes Arztrezept in jeder Apotheke in Estland einlösen. Ähnliche grenzüberschreitende Lösungen werden ab 2023 verpflichtend für alle EU-Mitgliedsländer mit dem Einheitlichen Zugangstor, dem Single Digital Gateway, eingeführt werden.

Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2019“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramtes, finanziert aus Bundesmitteln.

Robert Krimmer, geboren 1977 in Feldkirch, ist seit 2014 Professor für e-Governance an der Technischen Universität in Tallinn. Vor seiner Berufung  war er seit 2010 als Berater für neue Wahltechnologien im Büro der OSZE für Demokratieinstrumente und Menschenrechte in Warschau tätig. Als e-Voting-Experte organisierte er die ersten beiden e- Voting-Wahltests in Österreich. Im Juni dieses Jahres sprach er beim Europa-Forum Wachau. Derzeit arbeitet er an dem Piloten des „Once-Only Prinzips“, einer Datenaustauschplattform für Verwaltungsdienste in der EU.