Größte Zivilschutz-Crew steht im Weinviertel auf Posten: Gemeinderat Leopold Volnhals ist stets für den Notfall gerüstet und zeigt dem KURIER sein Lager.

© /NÖZSV

Sicherheit
10/31/2016

Der Appetit auf Selbstschutz steigt

Zivilschutzverband verzeichnet starken Zulauf / Experten raten zu Vorbereitung mit Hausverstand.

von Matthias Hofer

Vormittag in Rußbach in Niederösterreich. Etwa 1400 Menschen leben hier inmitten der Hügel des südlichen Weinviertels. An der malerischen Hauptstraße stehen die Streckhöfe in der Herbstsonne Spalier. Doch hinter dem Bühnenbild dieser unberührten Landidylle herrschen Planung, Struktur und Organisation. In Rußbach steht Österreichs größte Zivilschutz-Crew auf Posten.

Mehr als 20 Vereine zählt die kleinen Gemeinde. Einer der beliebtesten ist die Zivilschutz-Ortsgruppe unter ihrem Chef Günter Haschka. "Aktuell haben wir 25 Mitglieder", erzählt er im Gespräch mit dem KURIER. Bei der Gründungsversammlung vor fast 20 Jahren stand er nahezu allein da. Heute ist sein Ortsverband der einzige in ganz Österreich, der ein eigenes Zivilschutz-Haus betreibt. "Wir haben es von einem Privaten übernommen. Ich bin zu ihm und hab’ gesagt, ich will das Haus, aber es darf nix kosten", erzählt Haschka und grinst spitzbübisch. Man einigte sich darauf, dass die Zivilschützer nur die Fixkosten übernehmen.

Haschka und seine Mannen waren auch die Ersten, die Zivilschutz-Montur anfertigen ließen. Lange vor dem Landsverband schlüpften sie in die blitzblauen Jacken – natürlich mit Ortslogo. Gute Kontakte zu Sponsoren komplettierten nach und nach die Ausrüstung: Großraumzelt, Tische, Bänke, Geschirr und Tausende Sandsäcke für den Ernstfall.

Einige Zivilschützer sind oder waren bei der Feuerwehr aktiv. Das Verhältnis zu den drei (!) Wehren der Gemeinde ist bestens. Haschka: "Es gibt nur ein Miteinander. Wir werden große Katastrophen nur durch Zusammenarbeit meistern."

Das Engagement der Zivilschützer trägt Früchte: Regelmäßig wird mit Volksschule und Kindergarten geübt. Insgesamt fünf Stromaggregate gibt es bereits für die drei zur Gemeinde zählenden Ortschaften. Das neue Gemeindezentrum wird gerade gebaut. "Es bekommt einen Außenanschluss, damit es von dort im Notfall mit Strom versorgt werden kann", sagt Bürgermeister Hermann Pöschl. Er ist stolz, dass so viele Zivilschützer da sind: "Man schläft besser als Bürgermeister."

Selbsthilfe

"Das Verständnis in der Bevölkerung ist sicher größer geworden", bilanziert Haschka. "Aber man darf die Leute nicht überfahren und Ängste schüren. Sie müssen nur gezeigt bekommen, wie sie sich selber helfen können." Das "Atomthema" etwa sei "für die Menschen weit weg". Als aber im Einkaufszentrum im nahen Großweikersdorf zwei Mal hintereinander der Strom für längere Zeit ausfiel, "haben plötzlich alle verstanden, was das Thema Blackout bedeutet".

Man könne nicht zwingend davon ausgehen, dass im Fall überregionaler Katastrophen sofort Hilfskräfte vor der Tür stehen, sagt Zivilschutz-Regionsleiter Gerhard Haitzer. "Umso wichtiger ist ein Vorrat an Lebensmitteln oder, dass man seine wichtigsten Dokumente beisammen hat." (siehe auch Tipps unten) Zur Vorbereitung genüge oft, "wenn man mit offenen Augen und Hausverstand ein Mal ums eigene Haus geht." Auch dass jeder in der Familie wisse, wo Wasser- oder Gas-Absperrhahn sind, sei hilfreich.

Uschi Nocchieri ist beim ZSV Ansprechpartnerin für die ehrenamtlichen Helfer. Sie ortet Aufbruchsstimmung: 1480 Ehrenamtliche engagieren sich im nö. Zivilschutz – "seit Februar sind es 110 Mitglieder mehr". Man habe zuletzt das Kursangebot für alle Privatpersonen geöffnet. Obwohl 30 Teilnehmer pro Kurs Platz finden, habe man zuletzt Leute auf kommende Termine vertrösten müssen – "der Informationsbedarf steigt gewaltig".

Auch in Rußbach heißt man gerne weiterhin neue Mitglieder willkommen: "Jeder, der helfen will, ist bei uns gut aufgehoben." Die Werbung beginnt jedenfalls bei den Kleinsten: Jede Familie im Ort, in der ein Kind zur Welt kommt, wird von Haschka und seinen Leuten mit einem Rauchmelder – "fürs Kinderzimmer" – beschenkt.

Die wichtigsten Tipps im Fall der Fälle

Was tun, wenn etwas passiert? Wichtige Tipps zur Vorbereitung (www.zivilschutzverband.at).
Wasser Trinkwasser einlagern: Pro Tag sind 1,5 Liter Wasser pro Person zu kalkulieren. Im Katastrophenfall Wasser zur Hygiene und zum Kochen vorbereiten: rechtzeitig die Badewanne füllen.
Nahrung Haltbare Lebensmittel einlagern: 2500 Kalorien pro Tag und Person.
Kochen Stromunabhängige Kochgelegenheit bereithalten: z. B. Gaskocher, aber auch ein Gartengriller eignet sich.
Hygiene Hygieneartikel einlagern. Dazu auch Müllbeutel, Plastikteller und -besteck.
Medizin Hausapotheke und Verbandskasten regelmäßig kontrollieren.
Geld Bargeld gut versteckt bzw. versperrt aufbewahren.
Papiere Dokumentenmappe griffbereit, im Idealfall wasserdicht verpackt.
Information Im Fall der Fälle sofort Informationen einholen: Wenn kein Strom fließt, Kurbelradio oder Autoradio.
Hilfe Nachbarschaftshilfe und unbedingter Zusammenhalt.

„Empfehlungen wurden wenig ernst genommen“

Die internationale Sicherheitslage rückt den Zivilschutz weltweit wieder mehr ins Zentrum. Erst Anfang Oktober führte etwa Russland die größte Zivilschutzübung in der Geschichte des Landes durch – mit rund 200.000 Einsatzkräften und 40 Millionen betroffenen Bürgern.

Das Katastrophenschutzmanagement in Österreich fußt auf fünf Säulen – Behörden, Einsatzorganisationen, Wissenschaft, Wirtschaft und Bürger. Für Letztere ist der Zivilschutzverband (ZSV) mit seinen neun Landesverbänden verantwortlich.

Durch den Paragraf 12, der im Juli im Katastrophenschutzgesetz des Landes ergänzt wurde, sticht NÖ hervor. Er regelt, dass das Land „für die Vermittlung von Kenntnissen [...] im Selbstschutz der Bevölkerung [...] und Anleitungen zum Schutz vor Personen- und Sachschäden“ den Zivilschutzverband einsetzt. Eine Regelung, die die Organisation aufwertet.

Zu tun gibt es noch genug. Der ZSV geht davon aus, dass zwei Drittel der Haushalte nicht optimal auf Ausnahmesituationen vorbereitet sind. Vor allem in der Vorratshaltung mangelt es. Die Empfehlung lautet: Jeder Haushalt sollte eine Woche ohne Einkauf und Strom auskommen. Christoph Kainz, seit Jänner 2016 neuer Präsident des NÖZSV: „Bis vor Kurzem wurden unsere Empfehlungen wenig ernst genommen. Das hat sich aber massiv gebessert, die Ortsgruppen wachsen und derzeit gehen die Bürger auf uns zu. Wir kommen mit den aktuellen Vortragsanfragen kaum nach.“

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