Chronik | Niederösterreich
15.06.2018

Depressionen nach der Geburt: Mutter soll Baby erstochen haben

Der Vater fand die vier Monate alte Tochter leblos in der Wohnung. Die Mutter verletzte sich selbst schwer.

Erklären kann sich die Bluttat niemand, Rita T. wird als äußerst freundlich, lebensfroh und auf ihr Kind fixiert beschrieben. Es sollen Depressionen gewesen sein, die die 41-jährige Ungarin zu einer Wahnsinnstat getrieben haben sollen. Sie soll am Donnerstag in der Wohnung der Familie in Ernstbrunn im Bezirk Korneuburg (NÖ) ihre vier Monate alte Tochter erstochen haben. Als Tatwaffe hat die Polizei ein Küchenmesser und einen langen Inbusschlüssel sichergestellt.

Es war Donnerstagnachmittag, als der Kindsvater Janos T. von seiner Arbeit im Wolfsforschungszentrum Ernstbrunn nach Hause kam. Er entdeckte den Säugling mit schweren Stichverletzungen, auch die Mutter des Kindes wies schwere Verletzungen auf. Der Mann verständigte sofort die Einsatzkräfte. Um keine Zeit zu verlieren, landete der Pilot des ÖAMTC-Rettungshubschraubers direkt auf dem Ernstbrunner Hauptplatz vor der Wohnung des Paares. Doch für das Baby kam jede Hilfe zu spät. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Säuglings feststellen.

Die Polizei geht davon aus, dass bei der tatverdächtigen Mutter eine psychische Beeinträchtigung vorliegt. Die Frau soll bereits Schwierigkeiten wegen Depressionen gehabt haben. Sie hat sich selbst schwere Verletzungen zugefügt, vermutlich mit einem Messer, und musste im Krankenhaus stationär aufgenommen werden. Aufgrund ihres psychischen Zustandes war eine Einvernahme zunächst nicht möglich.

Auch am Tag danach sah man die Spuren der Tat noch im Wohngebäude. Vom obersten Stock zog sich fast durch das gesamte Stiegenhaus eine Blutspur. Die Stimmung rund um den Tatort am Ernstbrunner Hauptplatz war von der Bluttat des Vortages fast gänzlich unbeeindruckt. Nur hin und wieder sah man kleine Gruppen von Leuten über den Vorfall sprechen.

Keine Hilfe

Rita T. ist in Ernstbrunn bekannt. Erika Enzersdorfer, eine Nachbarin des Paares, erzählt: „Ich hatte den Eindruck, dass sie die Kleine wirklich sehr geliebt hat. Sie waren oft auf dem Kinderspielplatz und das Kind war immer bei ihr. Sie hat es nie aus der Hand gegeben.“

Enzersdorfer bat der Mutter selbst oftmals Hilfe oder Gespräche an: „Wir haben noch einen Kinderwagen und Spielzeug zu Hause und das wollte ich ihr schenken. Ich hatte schon den Eindruck, dass sie mit dem Kind überfordert war. Aber sie hat jede Hilfe abgelehnt.“

Ein paar Stunden vor der Tat sah Enzersdorfer Rita T. noch auf der Straße. „Wir haben den Hubschrauber gehört und hatten Vermutungen, dass vielleicht mit einer älteren Person etwas passiert ist. Aber so eine Tat hätten wir nie im Leben vermutet.“

Unter Schock

Die Betroffenheit in der Gemeinde ist groß, wie auch Bürgermeister Horst Gangl erklärt: „Ich kannte sie durch ihre Tätigkeit beim Wolf-Forschungszentrum in Ernstbrunn. Es ist ein tragisches Ereignis für alle Menschen hier im Ort. Sie war immer ein netter und freundlicher Mensch. Dass so etwas passiert, hätte wohl niemand für möglich gehalten.“

Die Mutter wirkte auf den Bürgermeister lebensfroh und glücklich mit ihrem Kind für ihn bleibt vor allem die Frage: "Wie geht es jetzt weiter? Solch ein Vorfall lässt keine Gemeinde kalt."

Regelmäßig sah der Bürgermeister die Mutter mit ihrem Kind auf dem Hauptplatz. Von Problemen der Familie habe er nie etwas bemerkt.

Mütter in der Krise: Vom Babyblues bis zur Psychose

Freudentränen, Euphorie, Glücksgefühle: Der Tag der Geburt soll der schönste im Leben einer Frau sein. Doch was passiert, wenn die Freude übers Baby ausbleibt? Rund 15 Prozent aller Mütter kämpfen nach der Geburt mit psychischen Erkrankungen. Physische und psychische Belastungen und Hormonschwankungen können zu depressiven Verstimmungen führen, die unter dem Begriff postpartale Stimmungskrisen zusammengefasst werden. Je nach Schweregrad werden diese in das postpartale Stimmungstief (Babyblues), die postpartale Depression sowie die postpartale Psychose eingeteilt. Der Babyblues „geht mit einer kurzfristig erhöhten emotionalen Labilität einher und ist normal“, schildert Claudia Reiner-Lawugger, Leiterin der Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie am Wiener Wilhelminenspital

Unabhängig davon kann sich in der Zeit nach der Entbindung auch eine depressive Erkrankung entwickeln. In den meisten Fällen entsteht diese schleichend und über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg. Bei einer postpartalen Psychose leiden Betroffene neben Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit an ganz spezifischen Ängsten. „Letztere münden oft in eine Gedankenspirale, die große Verzweiflung mit sich bringt und im schlimmsten Fall zu Taten im Affekt führen kann“, sagt Reiner-Lawugger.

Schlechte Versorgung

Problematisch sieht die Expertin das mangelnde Wissen und Bewusstsein bei Ärzten und Psychiatern für psychische Erkrankungen, die während der Schwangerschaft, Geburt oder im Wochenbett auftreten. Das führe zum einen dazu, dass postpartale Psychosen lange unentdeckt bleiben. Andererseits bekommen Mütter in schweren psychischen Krisen oft lange nicht die entsprechende Hilfe. Kritik übt die Fachärztin auch an der unzureichenden Versorgung für Betroffene in Österreich. „Es gibt kaum spezialisierte Einrichtungen, an die man sich als Frau wenden kann. Dabei ist eine professionelle Versorgung für betroffene Mütter essenziell.“

Hilfe finden betroffene Mütter unter anderem hier:

- Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie am Wilhelminenspital

Wilhelminenspital, Pavillon 13

Montleartstraße 37

A-1160 Wien

Tel: 0043/1/491/50-8110

 

- Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz

Psychiatrie 2 Station 4

Wagner Jauregg Platz 1

A-8053 Graz

Tel: 0043/316/2191-2521

 

- Mutter-Kind-Ambulanz an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg

Wagner-Jauregg-Weg 15

A-4020 Linz

Tel: 0043/50554/6239154