Chronik | Niederösterreich
05.08.2017

Dem Mythos Wolf auf der Fährte

Die Rückkehr der großen Jäger hat einen wilden Streit zwischen Fans und Gegnern ausgelöst.

Seit 2015 leben Wölfe dauerhaft in Österreich. Neben einzelnen Tieren, die in unregelmäßigen Abständen durch das Bundesgebiet streifen, gibt es eine Wolfsfamilie im Norden Niederösterreichs. Das Rudel hat inzwischen zum zweiten Mal Nachwuchs bekommen. Weidetierhalter befürchten, dass ihre Wirtschaftsform die Lebensgrundlage verliert, wenn sich die Raubtiere weiter vermehren. Viele Menschen sorgen sich um die eigene Sicherheit und die ihrer Haustiere. Welche Auswirkungen hat die Anwesenheit von "Meister Isegrim", wie ihn die Sage nennt? Welche Ängste sind berechtigt, welche unbegründet? Ein Faktencheck.

Die Jägerschaft erhebt Vorwürfe gegen Umweltaktivisten und fragt regelmäßig: Sind Wölfe gezielt ausgesetzt worden? Dazu gibt es keine überprüfbaren Hinweise. Die Naturschutzorganisation WWF weist diese Vorwürfe jedenfalls entschieden zurück.

Derzeit leben auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig laut Bundesheer zehn Wölfe im Familienverband. Wie wird sich ihre Zahl entwickeln?Meist im zweiten Herbst ihres Lebens werden Jungtiere von den Eltern vertrieben. Bei ausreichendem Futterangebot kann man mit etwa fünf Welpen pro Jahr rechnen. Daher ist in den kommenden Jahren ein Wachstum der Population in Österreich zu erwarten. Gerüchte über ein zweites Rudel in NÖ entbehren laut Wolsbeauftragtem Georg Rauer jeder Grundlage. In Deutschland wurden 2015 noch 31 Rudel gezählt, 2016 waren es bereits 46.

Wovon ernähren sich die Wölfe hauptsächlich? Rotten sie Wildtiere aus?Laut einer deutschen Studie fressen Wölfe vorwiegend Rehe (55 Prozent), Rotwild (21 Prozent) und Wildschweine (18 Prozent). Nutztiere als Beute wurden in der Analyse von 3000 Kotproben zu einem Prozent nachgewiesen. Allerdings gilt der Wolf als Opportunist bei der Nahrungssuche: Wenn Nutztiere wie Schafe und Ziegen leicht erreichbar sind, wird er vermehrt diese jagen, weil sie leichter zu erlegen sind.

Auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig erlegt das Rudel laut Bundesheer bis zu 90 Prozent Rotwild (Hirsche). Die Forstverwaltung rechnet nach bisherigen Erfahrungen damit, dass zehn Wölfe etwa 13.000 Kilo Wildfleisch im Jahr benötigen. Die Anwesenheit bewirkt überall eine gesundheitliche Verbesserung der Wildbestände. Die Wolfsdichte wird über die verfügbare Beute reguliert. Sie töten einander auch bei Revierkämpfen. Das vom Truppenübungsplatz Waldviertel praktisch verschwundene Muffelwild stammt aus Korsika und ist in Mitteleuropa nicht heimisch.

Frisst der Wolf nur kranke und schwache Tiere?Nicht nur, er erwischt auch trächtige Tiere, weil die langsamer sind, hat aber ein gutes Gespür für geschwächtes Wild, das er leichter erlegen kann.

Haben die Waldviertler Wölfe auch schon Nutztiere gerissen?Bisher nicht. Sieben tote Schafe in Bad Traunstein gehen auf Konto eines streunenden Einzeltieres. Wolfsrisse gab es heuer vereinzelt auch in Tirol, der Steiermark und Oberösterreich. Bundesweit wurden im Vorjahr 35 tote Schafe dem Wolf zugeordnet, 2015 waren es 158. In den fünf Jahren davor zwischen 23 und 117. In Österreich werden insgesamt etwa 350.000 Schafe gehalten.

Machen Wölfe die Weidehaltung unmöglich beziehungsweise unwirtschaftlich?Vor der Ankunft der Wölfe verlor man auf Schweizer Almen etwa 10.000 Tiere im Jahr durch Abstürze, Blitzschläge, etc. Nun leben dort fünf Rudel. Die nötigen Schutzmaßnahmen reduzierten den Verlust auf 5000 Schafe plus etwa 500, die an die Wölfe gehen. Während es in der Schweiz intensive Herdenschutzmaßnahmen gibt, hinkt Österreich hinterher. Ein Pilotprojekt in Osttirol steht auf der Kippe. Kosten für ein landesweites Schutzprogramm sind noch nicht seriös schätzbar.

Ist der Wolf gefährlich für Menschen?Menschen passen normalerweise nicht ins Beuteschema des Wolfs, vereinzelt kommen Angriffe auf Menschen jedoch vor.