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Chronik Niederösterreich
10/26/2019

Das Rätsel um den verschollenen Wolf im Waldviertel

Im Vorjahr gab es landesweit rund 130 Tierrisse, heuer nur drei. Ein „Problemtier“ könnte illegal erlegt worden sein.

von Jürgen Zahrl

Mehrmals wöchentlich meldeten Landwirte Schafsrisse in ihren Herden, Fotos angeblicher Wolfssichtungen machten die Runde, zwei Mal mussten die Behörden im Waldviertel Vergrämungsmaßnahmen durch Gummigeschoße erlauben. 2018 schien der Wolf allgegenwärtig. Doch dann setzte Ruhe ein. Was ist passiert? Wo sind die Wölfe? Womöglich illegal erlegt worden? Fachleute und Behördenvertreter rätseln und können nur Vermutungen anstellen. Faktum ist, dass heuer laut Auskunft des Landes Niederösterreich bis dato nur drei Tierrisse registriert wurden. Im Vorjahr waren es rund 130.

Während seit dem Sommer zwei besenderte Wölfe auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig wichtige Erkenntnisse im Verhalten gegenüber dem Rotwild liefern und man dank der GPS-Überwachung weiß, wo sie unterwegs sind, ist der Aufenthaltsort der anderen Wölfe im Waldviertel ungewiss. Insgesamt drei Rudel sind auf Basis von Spuren nachgewiesen. Ein Rätsel gibt die Tatsache auf, dass heuer landesweit nur drei Tierrisse – alle waren südlich der Donau – gemeldet wurden. Von einem „Problemwolf“, der im Vorjahr zwischen Langschlag und Bad Großpertholz viele Risse verursachte, fehlt jede Spur.

Keine Hinweise

„Von dieser Wölfin finden wir keine Hinweise mehr. Es wird immer wahrscheinlicher, dass sie weg ist“, sagt Wolfsbeauftrager Georg Rauer. Ob das Tier abgewandert oder umgekommen ist, sei unklar. Oder gar illegal erlegt? „Das ist reine Spekulation. Altersschwäche können wir ausschließen. Sie war erst zwei bis drei Jahre alt“, sagt Rauer. Im Sommer ging er noch davon aus, dass die Wolfsmütter ab dem Herbst wieder stärker jagen würden, damit sie den ersten Appetit ihres Nachwuchs auf Fleisch stillen können. Nichts passierte. „Dafür ist jetzt Tirol und Salzburg ein Hotspot“, betont Rauer.

Präsentierteller

Schafzüchter Erwin Holl aus Bruderndorf bei Langschlag hat seine Erklärung, warum die Wölfe nicht mehr zu seiner Herde kommen. „Wir lassen die Schafe nur mehr morgens bis abends auf die Weide. Daher servieren wir nichts mehr auf dem Präsentierteller“, sagt Holl, der aber die doppelte Arbeit beklagt.

Auch Martin Artner, Bio-Bauer aus Bad Großpertholz bestätigt, dass man sich mit dem Wolf besser arrangiert hätte. „Seit wir einen elektrischen Zaun dazu gemacht haben, ist es ruhig“, sagt Artner.

Als mögliche Ursache für das Verschwinden des Wolfs nennt Stefan Grusch, Bezirkshauptmann von Gmünd, die „stressige Situation“. Durch den starken Borkenkäferbefall seien viele Maschinen in den Wäldern unterwegs, weshalb die geschützten Raubtiere nicht mehr ungestört leben könnten, sagt Grusch. Dass der Wolf deswegen abgewandert ist, glaubt Artner nicht: „So viel Schadholz haben wir in unserer Gegend nicht.“

Bessere Schutzmaßnahmen

Zwettls Bezirkshauptmann Michael Widermann geht davon aus, dass bessere Schutzmaßnahmen der Tierhalter dafür verantwortlich sind, dass die Wölfe weitergezogen sein könnten.

Besorgt reagiert WWF-Experte Christian Pichler: „Das erinnert mich an das Problem mit den Luchsen. Von denen sind auch plötzlich welche verschwunden, aber woanders nicht mehr aufgetaucht“, sagt Pichler. Deswegen wolle der WWF jetzt einen Schwerpunkt auf Wildtierkriminalität legen. „Dabei geht es um bessere Kommunikation mit der Jägerschaft, um stärkere Bewusstseinsbildung und um Appelle an die Bürger, Auffälligkeiten der Organisation zu melden“, sagt Pichler.