Chronik | Niederösterreich
02.03.2016

Aus für viele Kellergassenfeste

Bürokratiefrust hält immer mehr Winzer von der Teilnahme ab, Touristiker sind besorgt.

Lengenfeld: "Abgesagt". Feuersbrunn: "Abgesagt". Mittelberg, Zöbing, Schiltern, Wagram, Höbenbach und Etsdorf: "Durchführung fraglich". Den beliebten Kellergassenfesten geht es – nicht nur in Niederösterreich – an den Kragen. In anderen Bundesländern sieht es kaum besser aus.

Finanzprüfungen, Anzeigen, neue Auflagen wie Registrierkasse oder Meldepflicht von Helfern – es ist die Summe neuer Belastungen, die Winzer dazu bringen, ihre Heurigen einzustellen. Jetzt ist auch die Kultur der Kellergassenfeste bedroht: Der Frust der Winzer lässt den Kalender 2016 auf einen Bruchteil der üblichen Termine schmelzen.

Pessimismus unter Veranstaltern

Von neun in Niederösterreich abgefragten Festen in den Weinbaugebieten Kamptal, Kremstal, Wagram und Traisental sind laut KURIER-Recherche 2016 nur zwei fix, nämlich Stratzing und Rohrendorf. Die Organisatoren der anderen Veranstaltungen klingen meist pessimistisch.

"Viele glauben, so ein Fest ist das große Geschäft. Aber es bleibt nicht viel übrig. Kellereiinspektor- und Finanzprüfungen haben dazu beigetragen, dass nicht mehr genug Betriebe mitmachen. Leider", schildert Hubert Tremmel, Organisator des Kellergassenfestes in Lengenfeld, Bezirk Krems.

"Fünf Stunden lang sind wir beisammen gesessen und haben dann für heuer eine Pause beschlossen", sagt Winzer Erhard Mörwald, der das Kellergassenfest Feuersbrunn, Bezirk Tulln, organisierte. "Es ist nicht die Registrierkasse, aber alles wird komplizierter, bis zum Anmelden der freiwilligen Helfer", klagt Mörwald.

Langenlois und Rohrendorf unter Zugzwang

Wenig besser sieht es in Langenlois aus: Die Weinstadt hofft, dass die touristisch bedeutenden Veranstaltungen stattfinden. Doch die Weinbau-Vereinsobleute der Katastralgemeinden Mittelberg, Zöbing und Schiltern zögern. Der Langenloiser Tourismus-Geschäftsführer Wolfgang Schwarz sagt: "Vielleicht gibt es ja eine Rückbesinnung. Der Wein stand oft nicht mehr im Mittelpunkt. Früher hat bei jedem Fest ein Wirt die warmen Speisen angeboten, während Winzer kalte Kleinigkeiten servieren."

Die Gemeinde Rohrendorf bei Krems steht touristisch ebenfalls unter Zugzwang: "Früher haben wir damit geworben, dass an 360 Tagen im Jahr ein Heuriger bei uns geöffnet ist. Aber die werden ständig weniger, jetzt sind wir bei 324 Tagen. Unser Kellergassenfest ist extrem wichtig, auch für Zulieferer. Es sorgt für rund tausend Nächtigungen in der Region, Leute kommen extra aus Deutschland", erläutert Organisator Christian Krappel. Die Großveranstaltung soll wieder stattfinden. Obwohl man nach Anzeigen der Wirtschaftskammer das beliebte Angebot warmer Speisen – zum Ärger von Gästen – auf ein Minimum reduzieren musste.

"Wer soll die alten Keller erhalten, wenn man sie nicht mehr für die Feste benötigt?", fragen Winzer, deren Arbeit längst in modernen Neubauten stattfindet. Christoph Madl, Chef der NÖ-Werbung: "Kellergassenfeste sind Möglichkeiten, die Weinkultur in NÖ authentisch zu erleben. Sie bilden Urlaubs- und Ausflugsmotive für Gäste aus dem In- und Ausland. Das derzeitige in Frage stellen von regional und lokal bedeutsamen Weinfesten ist bedauerlich."

Schwarzgeld

Mario Pulker, Bundesfachgruppenobmann der Gastronomie, versteht die Aufregung nicht, beurteilt viele Argumente als Ausrede. Vereine hätten auf Kosten der Gastronomie in den vergangenen Jahren gute Umsätze erwirtschaftet (siehe Interview). Mario Pulker ist Bundesobmann der Fachgruppe Gastronomie. Im Interview mit dem KURIER spricht er über die abgesagten Kellergassenfeste. Er kann die Aufregung nicht nachvollziehen.

KURIER: Haben Sie als Vertreter der österreichischen Gastronomie ihr Ziel erreicht?
Pulker: Ich bin nicht froh über die Fest-Absagen. Aber ich sehe es als Ausrede, wenn die Vereine jetzt die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen und die Registrierkassenpflicht als Gründe nennen. Es trifft uns genauso. Der einzige Unterschied ist, dass viele Vereine in den vergangenen Jahren illegal einen guten Schwarzumsatz erwirtschaften konnten.

Das heißt, es wäre unfair, wenn die Vereine eine neuerliche Änderung erwirken könnten?
Es ist lachhaft, das gültige Gesetz zu reparieren. Jahrelang haben zahlreiche Vereinsverantwortliche schwarz kassiert und Helfer illegal beschäftigt. Es ist nicht einzusehen, dass sich einzelne Funktionäre auf Kosten der Gastronomie bereichern. Jetzt gelten die Bestimmungen sowohl für die Vereine als auch für die Gastronomie.

Wie kann die Zukunft der Vereinsfeste aussehen?
Die Winzer können nach wie vor ihre Weine ausschenken und kalte Speisen anbieten. Wenn es warme Spezialitäten geben soll, kann man einen Gastwirt dazunehmen.

Wie lässt sich das Registrierkassen-Problem lösen?
Man braucht kein eigenes, teures Gerät für ein mehrtägiges Fest anzuschaffen. Es gibt inzwischen auch einfache Online-Kassen, die man beispielsweise über die A1-Telekom tageweise mieten kann.

Pauschalabgabe

Sascha Krikler, Gründer der Initiative „Rettet die Vereinsfeste“, skizziert ein dunkles Szenario: „Neue Bestimmungen und die Anzeigenflut der Wirtschaftskammer bringen Organisatoren in Bedrängnis“, sagt Krikler. Auch im Burgenland, weiß er, werden mehrere Events nicht mehr stattfinden.
Krikler: „Jeder, der einmal bei einem Vereinsfest mitgeholfen hat, weiß, dass eine Registrierkasse zeitraubend ist.“ Die Einschulung sei viel zu aufwendig. „Zahlreiche Freiwillige helfen vielleicht ein bis zwei Mal im Jahr. Die können nie Routine für das Gerät entwickeln“, sagt Krikler. „Sinnvoll wäre eine Pauschalabgabe bei Vereinsfesten anstelle einer Registrierkasse“, fordert Krikler, der schon 7000 Unterschriften gesammelt hat und bundesweit auf Unterstützung durch Betroffene hofft.
Auswirkungen wird es auch auf Mostproduzenten geben. „Mit der Fülle an Anforderungen wird es für Betriebe viel schwerer in die Ab Hof-Szene einzusteigen“, sagt Hans Hiebl aus Haag, Obmann des Obstbauverbandes. Spürbare Einschränkungen drohen bei der Ab Hof-Messe Wieselburg, die kommenden Freitag startet. „Heuer sind wir noch dabei, nächstes Jahr nicht mehr. Ein zweites Kassensystem, um dort ausschenken zu können, werde ich nicht anschaffen“, schilderte etwa Heurigenbauer Toni Distelberger aus Amstetten.