Aus für gefährliche Nazi-Stollen in Amstetten
Bohrgerät in der Retibauernsiedlung hat Arbeit aufgenommen.
Nur noch etliche Monate und dann hat das mulmige Gefühl bei den Bewohnern zweier zentrumsnaher Siedlungen in Amstetten ein Ende. Große Bohrgeräte und Bagger sind in den engen Gassen der Reitbauernsiedlung aufgefahren. Von oben wird ein tief im Berg liegendes Stollensystem aus der NS-Zeit angebohrt, um es ab nächster Woche mit stabilem Material zu befüllen.
So werden weitere Tunneleinbrüche und womöglich auch der Einbruch von Häusern oder Gartenflächen verhindert.
Die zwei insgesamt fast zwei Kilometer langen Luftschutzstollen, die in der Kriegszeit tief in den Reitbauernberg und in den Kreuzberg gegraben wurden, werden auf Kosten der Republik verfüllt. Damit bekommen die Siedlungen mit 40 bis 50 betroffenen Liegenschaften auf den beiden Hügeln Sicherheit.
Baufirma hat Arbeit in der Siedlung gestratet.
„Wir sind froh, dass das nun passiert. Im Tunnel ist bereits ein ordentliches Stück eingebrochen, man weiß nie, ob sich der Bruch nicht bis an die Oberfläche fortsetzt“, sind Erwin und Silvia Kern, die ein Einfamilienhaus in der Reitbauernsiedlung bewohnen, froh. Früher hatte man über verdeckte Einstiege noch Zugang zu den Stollen gehabt.
Familie Kern ist froh, dass die Stollen verfüllt werden.
Mit der zunehmenden Einsturzgefahr habe die Stadtgemeinde alles verschlossen, erinnert sich das Paar.
Wichtiges Gerichtsurteil
Das ungewollte bauliche Erbe aus der Nazizeit hatte Verantwortungsträgern im Amstettner Rathaus in den vergangenen Jahrzehnten angesichts enormer Sanierungskosten die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. In den Luftschutzstollen, die bis zu 37 Meter unter der Erde liegen, haben einst bei Fliegerangriffen im Zweiten Weltkrieg bis zu 11.000 Menschen Zuflucht gefunden.
Vor zwölf Jahren fällte dann der Oberste Gerichtshof ein allgemein maßgebliches und für die Amstettner erlösendes Urteil. Am Gerichtsweg war geklärt worden, dass für das Bauwerk aus der NS-Zeit der Staat Sorge zu tragen habe.
Nach umfangreichen Tunnel-Scans, Begehungen, geologischen Untersuchungen und Info-Veranstaltungen für die Anrainer sowie die Öffentlichkeit wurde nun unter Aufsicht der Burghauptmannschaft Österreich (BHÖ) die Verfüllung gestartet.
Sicherheit garantieren
Man habe die Situation in Amstetten gründlich analysiert, die Sicherheit der Anrainer habe absolute Priorität, erklärte Burghauptmann Reinhold Sahl bereits im Frühjahr den Entschluss, die Luftschutzstollen völlig zu verfüllen.
Gefährlicher Tunnel unter der Reitbauernsiedlung.
Die in den Berg gegrabenen Röhren werden mit einem hochwertigen Verfüllstoff auf Zementbasis von oben gefüllt. Der ausgehärtete Baustoff wird sich in der Konsistenz dem umgebenden Gestein anpassen, damit es später zu keinen geologischen Reaktionen kommt.
Polier Markus Grabner vor der Mischanlage am Reitbauernhof.
Mit dem Bohren der für die Reitbauernsiedlung vorausberechneten 55 Bohrlöcher habe man nun begonnen, „nächste Woche startet die Verfüllung“, sagt Polier Markus Grabner. Er hat mit seinem Team am Areal des unbewohnten Reitbauernhofs die Mischanlage samt den Materialsilos eingerichtet.
Rohrlager vor dem Reitbauernhof, dem Namensspender für die gesamte Siedlung.
Jedes bis zum Stollen gebohrte Loch werde mit einer Kamera kontrolliert und dokumentiert. Ins Bohrloch wird ein spezielles Rohr eingezogen. Berechnet wurde, dass für beide Stollen rund 10.000 Kubikmeter Verfüllstoff ins Berginnere gepumpt werden müssen.
Privatgärten müssen herhalten
Die meisten Löcher werden von öffentlichen Flächen aus gebohrt. Etliche Hauseigentümer müssen der Baufirma aber auch ihre Gärten zur Verfügung stellen, schildert der Polier. „Aber es gibt niemanden, der sich hier querlegt. Alle sind froh, dass sie nach der Baustelle in ein paar Wochen viel sicherer leben werden als vorher“, sagt Grabner.
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