Aufatmen in Amstetten: Gefährliche Nazi-Stollen werden verfüllt

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Einsturzgefährdete Luftschutztunnel werden auf Staatskosten entschärft. Urteil des Obersten Gerichtshofs verpflichtet die Republik. Siedlungen über den Stollen bekommen Sicherheit.

Fast nicht wahrnehmbare, aber gefährliche Baurelikte aus der Nazi-Zeit werden in Amstetten nun entschärft. Zwei insgesamt zwei Kilometer lange Luftschutzstollen, die in der Kriegszeit tief in den zentrumsnahen Reitbauernberg sowie in den Kreuzberg gegraben wurden, werden auf Kosten der Republik verfüllt. Damit wird auch die Einsturzgefahr für die Siedlungen auf den beiden Hügeln gebannt.

Die Republik komme damit ihrer Verantwortung nach, denn sofort, nachdem feststand, dass der Bund für die Stollen zuständig sei, habe man mit den Sicherungsarbeiten begonnen, berichtete der von Wien nach Amstetten gereiste Burghauptmann Reinhold Sahl.

Höchstgericht

Er rief damit ein richtungsweisendes Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2014 in Erinnerung. Die damalige Bürgermeisterin Ursula Puchebner (SPÖ) konnte damals erleichtert mitteilen, dass ein jahrelanger Rechtsstreit gegen die Finanzprokuratur zugunsten der Stadt Amstetten entschieden worden war.

Burghauptmann Reinhold Sahl, Bürgermeister Christian Haberhauer, Ombudsfrau Karin Wiesinger, Projektleiter Martin Scheiber (v.l.).

Burghauptmann Reinhold Sahl, Bürgermeister Christian Haberhauer, Ombudsfrau Karin Wiesinger, Projektleiter Martin Scheiber (v.l.). 

An der Rechtssicherheit über die Verantwortung für die Tunnel gebe es keinen Zweifel, worüber man auch sehr froh sei, sagte Amstettens Bürgermeister Christian Haberhauer (ÖVP). Im Prinzip würden die Zuständigkeiten für alle Baulichkeiten aus dem Besitz der NSDAP oder des Dritten Reichs auf die Republik übergehen, sagte Sahl.

Jeder Fall müsse aber rechtlich geprüft werden. Man habe die Situation in Amstetten jedenfalls gründlich geprüft und analysiert, die Sicherheit der Anrainer habe absolute Priorität, erklärte der Burghauptmann den Entschluss, die Luftschutzstollen zu verfüllen.

Anrainer informiert

Donnerstagabend wurden in Amstetten rund 15 Grundeigentümer über das recht aufwendige Projekt informiert. In ihren Gärten müssen Bohrgeräte aufgestellt werden, um dann über 150 rund 180 Millimeter große Bohrlöcher in die Tunnel vorzudringen. An die 10.000 Kubikmeter hochwertigen Verfüllstoff wird man in die Stollen, zu denen alle Zugänge versperrt sind, einlassen.

Der ausgehärtete Baustoff passe sich in der Härte dem umgebenden Gestein an, damit es später zu keinen geologischen Reaktionen kommen könne, schilderte der Sachverständige und Projektleiter Martin Scheiber von der Firma S Consult GmbH. Mittels persönlicher Begehungen und Hightech-Scannern wurden absolut valide Daten zu den Röhren erstellt.

Insgesamt finden sich 40 bis 50 Liegenschaften über den teils in 37 Metern Tiefe gegrabenen recht verzweigten Stollen, die im Zweiten Weltkrieg bis zu 11.000 Menschen Schutz bei Fliegerangriffen boten, so Stadtchef Haberhauer.

Eine Nutzung der Tunnel habe man überprüft, aber aufgrund des porösen Schlier-Gesteins und bereits zahlreicher massiv eingebrochener Stellen rasch verworfen, versicherte Scheiber.

Zeitplan

Vom Zeitplan soll mit Jahresbeginn bei der Stadtgemeinde der Bauantrag gestellt werden und dann die Bauverhandlung stattfinden. Nach den Ausschreibungen und der Auftragsvergabe sollte im ersten halben Jahr 2026 der Start für eine rund sechswöchige Bauzeit stattfinden, schilderte der Burghauptmann. Kostenschätzungen wollte er vorerst nicht nennen, die Bauaufträge müssen nicht EU-weit ausgeschrieben werden.

Stollen sind zum Teil bereits eingebrochen.

Stollen sind zum Teil bereits eingestürzt und sehr gefährlich.

Ebenfalls von der Burghauptmannschaft bereits installiert wurde eine Ombudsstelle, die mit der sehr erfahrenen Mediatorin Karin Wiesinger besetzt wurde. Sie ist die Anlaufstelle für Anrainer, wenn Fragen oder Beschwerden zum Projekt auftauchen. In ihrer Funktion hat sie schon bei Wiener U-Bahnbauten oder beim Westring Linz gewirkt.

Josef Fritzl

In den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerieten die Stollen im Jahr 2008. Der Mörder und Inzestvater Josef Fritzl hatte nach seiner Verhaftung geschildert, dass er als Kind bei den Fliegerangriffen in den Luftschutztunnel Todesängste ausgestanden habe. 

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