Chronik
22.10.2017

Mord verjährt nicht: Ungelösten Verbrechen auf der Spur

Mit Hilfe alter DNA-Spuren und Fingerabdrücken konnten 20 von 56 wieder aufgerollten Fällen gelöst werden – manche allerdings ohne Anklage.

Mord verjährt nicht. Reinhard Schmid, Leiter des zentralen Erkennungsdienstes im Bundeskriminalamt, spielt die Zeit sogar in die Hände. Die Möglichkeiten der Ermittler, auch "schlechte" Spuren auswerten zu können, werden immer besser. Da ist es fast egal, wie alt diese Spur ist. Schmids Verbündete sind DNA, Fingerabdrücke und seine Datenbank. Und mit diesen Mitteln klärte er bereits mehr als 20 Mordfälle.

Spuren aus dem Archiv

Im Sommer 2005 begann Schmid gemeinsam mit dem damaligen Wiener Mordermittler Hannes Scherz, ungelöste Mordfälle aus den Archiven zu holen. "Oft waren Gegenstände, Kleidung oder Fingerabdruck-Spuren auch noch nach Jahrzehnten auf den Polizeiinspektionen oder in der Gerichtsmedizin vorhanden", schildert Schmid. Und genau diese wollte man sich mit den aktuellen Analysemöglichkeiten noch einmal anschauen. Gleichzeitig musste er auch Jahrzehnte später ausschließen können, dass es sich nicht um Spuren damals ermittelnder Beamte handelte.

56 Fälle aus ganz Österreich wurden schließlich ausgewählt. "Die ältesten waren schon 40 Jahre alt." 20 dieser bisher ungelösten Fälle konnten in der Zwischenzeit aufgeklärt werden. Wenngleich die Täter nicht immer in Haft gelandet sind – wie etwa im Fall Grillmayr. Der Mann wurde 1990 in einem Stundenhotel getötet. 2008 wurde der Täter, ein Rumäne erwischt – doch Anklage gab es keine. Der Verdächtige war zum Tatzeitpunkt noch ein Jugendlicher, verantwortete sich mit Notwehr. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihm (siehe Zusatztext).

"Manchmal scheitert man auch", sagt Schmid. Und manchmal ist die Zeit doch ein unbesiegbarer Gegner. Wenn etwa der endlich ausgeforschte Mörder schon gestorben ist – wie im Fall des Salzburger Taxlermordes (siehe ebenfalls Zusatztext).

Und dann gibt es auch Fälle, in denen selbst die aktuellen Analyse-Möglichkeiten nicht ausreichen. Etwa dann, wenn die damaligen Ermittler die Beweisstücke mit zu vielen Chemikalien bearbeitet hatten und die Spuren dadurch zerstörten.

Knopfdruck

Schmid und seine Kollegen werden noch einige der alten Mordfälle lösen – und das auf Knopfdruck. Allein in der nationalen DNA-Datenbank sind Datensätze von rund 216.000 Personen und 211.000 Tatortspuren gespeichert. Aktuell werden die Daten mit 21 Ländern ausgetauscht. In Kürze kommen weitere dazu: Belgien, Portugal und die Westbalkan-Staaten. Dann wird Schmid erneut seine Daten einspeisen und auf Zeit spielen.

Der letzte Kunde war der Mörder

"Da kommt wieder ein Kunde. Aber der schaut mir nicht aus, als ob er etwas kaufen würde", sagt Annemarie Wessely am Telefon einer Kollegin. Wenig später war sie tot.

Die 40-Jährige wurde am Heiligen Abend 1994 in einem Schirmgeschäft in der Favoritenstraße in Wien durch mehrere Messerstiche getötet. Der letzte "Kunde" hatte das Geschäft betreten, kur bevor Wessely mittags zusperren wollte. Aus der Kassa des Geschäftes fehlte die Tageslosung in Höhe von 15.000 Schilling. Ein Verwandter, der sich Sorgen machte, fand die leblose Frau schließlich gegen 19.40 Uhr. Die wartende Tochter hatte Alarm geschlagen.

Die Polizeiermittlungen führten damals in Leere. Ende 2016 wurde der Fall noch einmal vom Bundeskriminalamt aufgerollt. Mit Erfolg: Ein alter Fingerabdruck konnte gesichert werden. Ein Update der elektronischen Daten brachte plötzlich den Treffer: Die Fingerabdrücke stammen von einem Tunesier, der der Polizei wegen Diebstahls und Einbruchsdelikten bekannt war.

Der Mann ist international zur Fahndung ausgeschrieben; er dürfte sich in seiner Heimat befinden.

Aufklärung kam zu spät

Als der Salzburger Taxifahrer Kurt Becker am 27. Dezember 1994 ertränkt wurde, gab es schnell einen Verdächtigen: Einen Gelegenheitsarbeiter, der auf einem Bauernhof in der Nähe des Tatorts lebte. Drei Mal wurde er von der Gendarmerie einvernommen. Doch die Indizien reichten nicht aus. Ein irreführendes Phantombild lenkte von ihm ab, und schließlich galt sogar die Witwe des Taxifahrers als verdächtig.

Becker wurde damals zu einer Waldlichtung in Elsbethen gelotst, dort geschlagen, beraubt und schließlich ertränkt. Der Mörder hatte es auf das Geld des Taxlers abgesehen: 8000 Schilling (rund 580 Euro) hatte er damals bei sich.

Lange lag der Fall auf Eis. Bis 2013 ein Handabdruck, der damals im Taxi abgenommen wurde, einen Treffer in einer holländischen Datenbank auswarf. Wieder führte sie zu Hilfsarbeiter Markus K. Er war in Holland wegen eines Suchtgiftdeliktes polizeilich erfasst worden. Auch in Österreich sollen Einbrüche auf sein Konto gehen.

Doch drei Jahre nach der Tat nahm sich der Täter das Leben. Erst im Jahr 2000 wurde sein stark verwester Leichnam an einem abgelegenen Ort in NÖ gefunden.

Verurteilung nach 21 Jahren

Es war eine zerbrochene Bierflasche, mit der die 19-jährige Kellnerin Monika Simmer am 10. März 1992 in Linz erstochen wurde. Erst wurde ein Rosenverkäufer der Tat verdächtigt. Ins Visier der Ermittler geriet er auch deshalb, weil er untergetaucht war. Alles wies auf ein Sexualdelikt hin. Simmers Leiche wurde nach dem Mord entkleidet, sie hatte Verletzungen im Genitalbereich.

Doch der Eindruck täuschte. In Wirklichkeit war es ein Raubmord. Im Inneren eines geplünderten Glücksspiel-Automaten fanden die Ermittler einen Fingerabdruck – der definitiv nicht dem Rosenverkäufer gehörte. Zudem waren auf der Strumpfhose der Kellnerin biologische Spuren und Mischspuren, die damals nicht ausgewertet werden konnten.

Ein Abgleich der Fingerabdrücke ergab erst Jahre später einen Treffer – und führte zu einem Kroaten, der in Frankreich wegen Benzindiebstahls festgenommen worden war. Erst später stellte sich heraus: Seine Fingerabdrücke waren auch in Österreich gespeichert – nur leider in zu schlechter Qualität.

Der Mann wurde 2013 im Landesgericht Linz zu 19 Jahren Haft verurteilt.

Der Tod der lebenslustigen Witwe

Elisabeth Krasa scherte sich nicht um die Nachrede. Die lebenslustige, 66-jährige Wienerin gab offenherzig zu, Liebschaften mit deutlich jüngeren Männern zu pflegen – selbst in einer österreichischen Talkshow sprach sie über ihre Vorlieben.

Am 1. Februar 2002 wurde ihre grauenvoll zugerichtete Leiche gefunden. Die Matratze im Schlafzimmer war blutdurchtränkt. Krasa war mit einem Barhocker erschlagen worden. Um ihren Hals war eine Pyjamahose gewickelt – mit der wollte sie der Täter auch noch erdrosseln.

Am Vortag war sie mit einem unbekannten "Südländer" gesehen worden, den sie auf ein Getränk eingeladen hatte und der ihr ein Einkaufssackerl nach Hause getragen hatte. Doch der Mann blieb verschollen.

Nicht aber die Spuren, die er hinterlassen hatte. Einen blutverschmierten Fingerabdruck, Fingerabdrücke auf der Zigarettenpackung und DNA-Spuren auf den Zigaretten. Vier Jahre später meldete die deutsche Polizei eine Übereinstimmung der Fingerabdrücke – sie gehörten einem Rumänen, der sich illegal im Land aufhielt. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Auftragstat gegen Rotlicht-Größe

Auf den ersten Blick handelte es sich um einen ganz "normalen" Überfall. In der Nacht des 11. Jänner 1995 wurde ein Mann in der Bayerhammerstraße in Salzburg von zwei Unbekannten überfallen. Sie raubten ihm seine 230.000 Schilling (16.700 Eu-ro) teure Uhr und schlugen das Opfer krankenhausreif. Doch hinter dieser Tat dürfte deutlich mehr gesteckt haben.

Beim Opfer handelte es sich um Felix Pifrader. Der Mann mit der prägnanten Glatze, der großen Brille und dem übertriebenen Lachen galt in den 1990er-Jahren als absolute Rotlicht-Größe in Salzburg. Er betrieb das bekannte Bordell "Roma Club", mit dem er ein Vermögen verdiente. Pifrader hatte zudem Millionen an Steuern hinterzogen und wurde dafür 2005 in Abwesenheit verurteilt. Da hatte er sich aber schon nach Brasilien abgesetzt.

Ladehemmung

In dieser Nacht im Jänner 1995 wurde er am Ausgang des Etablissements bereits erwartet – der Überfall dürfte eine Auftragstat gewesen sein: Die Männer bedrohten Pifrader mit einer Pistole, der wehrte sich heftig. Ein Kampf um Leben und Tod begann. Der Räuber mit der Pistole wollte abdrücken – doch die Waffe hatte Ladehemmung. Pifrader gelang es schließlich, dem Angreifer die Pistole aus der Hand zu schlagen. Die Täter konnten unerkannt flüchten. Doch einer hinterließ DNA-Spuren. Und die tauchten bei einem Raub in der Schweiz 2014 erneut auf.

Damals hatten drei Männer ein schlafendes Ehepaar in ihrer Villa überfallen und gefesselt. Sie zwangen den 37-jährigen Ehemann unter Bedrohung mit Schusswaffen und Schlägen, den Tresor zu öffnen und flohen mit dem Schmuck.

Das Trio kam allerdings nicht weit. Noch bevor sie die Grenze nach Italien überschreiten konnten, wurden die drei im Rahmen einer Alarmfahndung gefasst. Bei den Männern handelte es sich um Italiener im Alter zwischen 52 und 62 Jahren. Sie sitzen aktuell in Haft.

Die österreichische Justiz hat bereits die Auslieferung des Mannes nach Verbüßung seiner Schweizer Haftstrafe beantragt.

Fall geklärt, doch Anklage gab es keine

Manfred Grillmayr war ein Zechpreller und Einmietbetrüger. Als "Hans Kaiser" mietete er am 10. August 1990 auch ein Zimmer im Hotel Michelbeuern in Wien-Währing. Dorthin nahm er auch einen jungen Mann mit. Am nächsten Morgen war Grillmayr tot. Mit einer Weinflasche erschlagen, erstochen und mit einem Gürtel erdrosselt. Ein Mord im Homosexuellen-Milieu, mutmaßten die Mordermittler schon damals. Doch der Täter war verschwunden.

17 Jahre später wurden die vor Ort gefundenen Spuren – Blut vom Täter, Fingerabdrücke und DNA auf Zigaretten – noch einmal analysiert. Sie gehörten dem kleinkriminellen Rumänen George F. Prozess gegen ihn gab es aber keinen: F. war zum Tatzeitpunkt minderjährig, sprach von Notwehr. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihm.