Immer weniger Kinder: Als Großfamilien in Österreich noch normal waren
Großeltern, Eltern, Tanten und Onkel mit einer stattlichen Anzahl an Kindern und Kindeskindern gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Ich darf heute ausnahmsweise mit meiner Großmutter beginnen. Sie war eines von 16 Kindern, deren Vater es, wie sie mir einmal erzählte, gar nicht auffiel, wenn am Mittagstisch zwei oder drei ihrer Freundinnen Platz genommen hatten. Sicher, eine derartige Kinderschar war auch damals nicht alltäglich, doch Familien mit vier bis sechs Kindern waren durchaus die Regel. Kürzlich mussten wir erfahren, dass die österreichische Durchschnittsfamilie heutzutage 1,31 Kinder hat und damit einen neuen Tiefststand erreichte. Und es werden immer weniger. Hier erinnern wir uns an einige historische Familien, denen eine große Kinder- und/oder Geschwisterschar gegeben war.
Große Familien waren in allen Schichten der Gesellschaft Normalität. Armen Eltern dienten die vielen Kinder als Arbeitskräfte zur Aufbesserung des Haushaltsbudgets und zur sozialen Absicherung im Alter, zumal es bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts so gut wie keine Pensionen gab. Vermögenden und Aristokraten war die Großfamilie Statussymbol und Garant für den Fortbestand der Dynastie.
Es ist nicht nur „passiert“
Der berühmteste diesbezügliche Fall ist der der Kaiserin Maria Theresia, die neben der Regentschaft eines riesigen Reiches 16 Kinder zur Welt brachte und sich teilweise selbst um deren Erziehung kümmerte. Von elf Töchtern und fünf Söhnen starben sechs im Kindes- oder Jugendalter, meist an den Pocken. Dass all der Nachwuchs nicht einfach „passiert“, sondern geplant war, erklärte Maria Theresia in einem Brief an eine Verwandte: „Man kann gar nicht genug davon haben, in diesem Punkte bin ich unersättlich.“
Maria Theresia, Ehemann Franz Stephan und elf ihrer 16 Kinder.
Eine ihrer Töchter übertraf den reichen Kindersegen sogar noch: Erzherzogin Maria Karolina brachte 18 Buben und Mädeln zur Welt. Kinderreichtum war – und ist – in ehemaligen Herrscherhäusern eine Selbstverständlichkeit: Österreichs letzter Kaiser Karl I. und seine Frau Zita hatten acht Kinder, und bei den regelmäßigen Treffen der Habsburger kommen heute noch 300 Familienmitglieder zusammen.
Der Frankfurter Bankier Meyer Amschel Rothschild wollte in den wichtigsten europäischen Metropolen Filialen seines Geldinstituts gründen, deren Leitung in Händen der eigenen Familie liegen sollte. Weshalb seine Frau sage und schreibe 20 Kinder zur Welt brachte, von denen fünf Töchter und fünf Söhne überlebten. Ins Geschäft durften nur „die Buben“, einer von ihnen gründete das Bankhaus in Wien.
Das „Tal der Kinder“
Kostengünstige Arbeitskräfte aus nächster Verwandtschaft waren vor allem in der Landwirtschaft gefragt. Das Pongauer Großarltal galt im 19. Jahrhundert als „Tal der Kinder“, wobei der Bauer Florian Rohrmoser alle Rekorde sprengte. Wie die Salzburger Nachrichten berichteten, hatte er mit seiner ersten Frau 18 Kinder. Nach deren Tod heiratete er seine Magd, die ihm acht weitere Kinder schenkte. 26 „Madln und Buam“ waren selbst im „Tal der Kinder“ außergewöhnlich.
20 Schubert-Kinder
Der große Franz Schubert wurde als dreizehntes von 20 Kindern geboren, von denen neun das Erwachsenenalter erreichten. Sein Vater war als Lehrer kaum in der Lage, die riesige Familie zu ernähren. Schubert verbrachte seine ersten viereinhalb Jahre mit Eltern und Geschwistern in einer winzigen Wohnung am Wiener Alsergrund. Musiker konnte er nur werden, weil ihn die Sängerknaben aufnahmen und ihm die nötige Ausbildung ermöglichten.
Als dreizehntes von 20 Kindern geboren: Franz Schubert.
Auch die 20 Schubert-Kinder wurden (da die Mutter früh verstorben war) von zwei Frauen zur Welt gebracht, der Komponist entstammte also einer Patchwork-Familie, wie man heute sagen würde.
Ähnliches, wenn auch aus ganz anderen Gründen und in anderen ökonomischen Verhältnissen, ereignete sich in Österreichs Walzerdynastie: Johann Strauss Vater hatte mit seiner Frau Anna sechs Kinder – darunter die drei berühmten Söhne – und mit seiner Geliebten, der Modistin Emilie Trampusch, acht weitere. Er war somit zwölffacher Vater.
Sieben uneheliche Kinder
Anders der „Walzerkönig“: Johann Strauss Sohn war drei Mal verheiratet, hatte aber keine leiblichen Kinder, dafür brachte seine erste Frau, die Sängerin „Jetty“ Treffz, sieben (uneheliche) Kinder aus mehreren Beziehungen mit in die Ehe und seine dritte Frau Adele eine Tochter, die er wie ein eigenes Kind liebte.
Sechs eheliche, acht uneheliche Kinder: Johann Strauss Vater.
Dass Frauen vor 100 und 200 Jahren weit mehr Kinder zur Welt brachten als heute, liegt auch daran, dass wegen der hohen Kindersterblichkeit viele Geburten notwendig waren, dass es praktisch keine Möglichkeit zur Verhütung gab und dass wohlhabende Familien über jede Menge Personal verfügten, das sich um den zahlreichen Nachwuchs kümmerte.
Freuds Kinderschar
Der Komponist und Hofoperndirektor Gustav Mahler war das zweitgeborene von 14 Kindern, von denen sechs früh starben. Und Sigmund Freud setzte die Tradition in seiner eigenen Familie fort: Er hatte acht Geschwister (zwei davon aus der ersten Ehe seines Vaters) und war später selbst sechsfacher Vater. „Das Gesindel“, spöttelte er liebevoll, „gedeiht prächtig.“
Die Nationalsozialisten propagieren kinderreiche Familien, natürlich nur, wenn sie „arisch“ waren, indem sie vielgebärende Mütter mit dem „Mutterkreuz“ auszeichneten. Hintergrund dieser Strategie war der Zustrom künftiger Soldaten und Arbeitskräfte.
Die NS-„Musterfamilie“
Als „Vorbild“ dafür präsentierte sich Propagandaminister Joseph Goebbels, dessen Frau sechs Kinder zur Welt brachte. Sie endeten, als der Krieg im Mai 1945 verloren war: Goebbels und Ehefrau Magda vergifteten alle ihre Kinder, um sich danach selbst das Leben zu nehmen.
In den Wochenschauen hatten sie sich als „Musterfamilie“ dargestellt.
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