Geschichten mit Geschichte: Almas erste große Liebe
Gustav Mahler, Kokoschka, Klimt, Franz Werfel – das sind die berühmten Liebhaber der legendären Muse Alma Mahler-Werfel. Derjenige aber, mit dem sie „die vielleicht glücklichste Zeit meines Lebens“ zubrachte, wird in dieser Reihung nur selten genannt: der Komponist Alexander von Zemlinsky.
Mit ihm hatte sie eine leidenschaftliche Affäre, die voller Widersprüche war. Zemlinskys Lebensgeschichte ist so ungewöhnlich, dass Felix Mitterer ein Stück über ihn schrieb. Es feiert am Donnerstag im Theater in der Josefstadt seine Uraufführung.
Das falsche „von“
Alexander von Zemlinsky (das „von“ war eine Art Künstlername) war ein hoch angesehener Dirigent und Komponist, dessen Musik in Vergessenheit geriet, ehe sie in den 1980er-Jahren wiederentdeckt und seither weltweit vielfach aufgeführt wurde und wird.
Die 20-jährige Alma und der um acht Jahre ältere Zemlinsky lernten einander im Februar 1900 bei einer privaten Einladung in Wien kennen. Sie hatte damals bereits eine Romanze mit dem Malergenie Gustav Klimt hinter sich, die jedoch laut ihrem Tagebuch nicht über zärtliche Küsse hinausgegangen war.
Erotische Ausstrahlung
Alma, Tochter des Malers Emil Schindler, beschreibt Zemlinsky als „hässlichen Zwerg, der fast kein Kinn hat“. Tatsächlich überragte ihre mächtige Figur den 1,59 Meter kleinen Komponisten um Haupteslänge.
Zemlinsky gibt sich beim Kennenlernen vorsichtig, sagt zu Alma: „Fräulein, wenn ich nicht so gescheit wäre – Sie könnten einem spielend den Kopf verdrehen.“ Das tut sie auch, denn er verliebt sich unsterblich, bewundert ihre erotische Ausstrahlung, aber auch ihre Musikalität, die sie als begabte Komponistin unter Beweis stellt. Zemlinsky erkennt – wie alle ihre späteren Liebhaber – Alma als Muse, die ihn zu künstlerischen Höchstleistungen inspiriert. Sie wiederum sieht sich durch Zemlinskys Geist und Genie beflügelt.
Almas Stiefvater, der Maler Carl Moll, ein fanatischer Antisemit, versucht die Beziehung mit Zemlinsky, der jüdische Wurzeln hat, zu unterbinden. Und ihre Mutter lehnt ihn ab, weil er zu wenig Geld hat.
Doch die Eltern können nicht verhindern, dass Zemlinsky Almas Musiklehrer wird. Sie kommt regelmäßig in seine Wohnung oder er zu ihr in die noble Villa der Familie Moll auf der Hohen Warte, um vierhändig am Klavier zu üben. Danach zieht sich das verliebte Paar auf ein Sofa im Musikzimmer zurück und tauscht wilde Zärtlichkeiten aus. „Ich glaube, ich bin ihm mehr zugethan, als es sich für eine Schülerin ihrem Lehrer gegenüber gebührt“, vertraut sie am 3. März 1901 ihrem Tagebuch an.
Und plötzlich sieht sie den „hässlichen Zwerg“ mit anderen Augen: „Ja, ich muss sagen, dass sein Gesicht mir unendlich gefällt … Ob das Resultat das ist, was man mit dem Wort ,Liebe’ bezeichnet, weiß ich nicht.“ Wochen später weiß sie es dann: „Ich liebe ihn! Noch nie ist mir ein Mann so nahe gegangen wie er.“
„Das kann nie enden“
Auch wenn sie nach dem ersten „heißen Kuss“ immer noch per Sie sind, denken beide an Ehe. „Liebes Fräulein Alma“, schreibt er ihr in einem Brief, „meine Verehrung für Sie wurde mit der Zeit so stark, dass ich sagen darf, das kann nie enden!“ Und sie möchte „schwanger sein für ihn, Kinder gebären ... von mir die Schönheit, von ihm der Geist.“
Als sie einander nach einem belanglosen Streit ein paar Tage nicht sehen, schreibt sie ihm: „Du machst mich toll, ich bin wie verrückt vor neuer Sehnsucht nach Dir!“ Sie erlaubt ihm jede Intimität bis auf die letzte und notiert noch am 2. November 1901: „Ich liebe ihn. Wir zitterten beide vor maßloser Sehnsucht.“
Alma und Mahler
Nur fünf Tage später, am 7. November, ist alles anders. Wiens Salondame Bertha Zuckerkandl gibt ein Abendessen, an dem nebst Alma auch Gustav Mahler teilnimmt. Der Hofoperndirektor ist beeindruckt von der jungen Frau und lädt sie zur Generalprobe von Hoffmanns Erzählungen am nächsten Vormittag.
Vier Monate später sind Alma und Mahler verheiratet. Er ist schöner, berühmter und reicher als Zemlinsky, von dem sich Alma nach knapp zweijähriger Liaison brieflich verabschiedet: „Du weißt, wie sehr ich Dich geliebt habe. Ebenso plötzlich, wie diese Liebe kam, ist sie auch vergangen. Mit erneuter Kraft ist es über mich gekommen! Auf den Knien möchte ich Dich um Verzeihung bitten für die bösen Stunden, die ich Dir bereitet.“
Zemlinsky trauert Alma lange nach. Ihre Ehe mit Mahler dauert bis zu dessen Tod im Mai 1911, danach hat sie zahllose Affären. Alexander Zemlinsky wird zwei Mal heiraten.
Die vorletzte Ruhe
Er stirbt 1942 in New York und findet in den USA seine letzte Ruhe, besser gesagt: die vorletzte. Denn es war sein Wunsch, in Wien begraben zu sein. Das teilte seine Witwe Louise 1985 dem damaligen Leiter des österreichischen Kulturinstituts in New York, Peter Marboe, mit. Der organisierte ein Grab am Wiener Zentralfriedhof und brachte die Asche des 43 Jahre zuvor verstorbenen Meisters zum John F. Kennedy Airport, wo Marboe die Urne einem Austrian Airlines Kapitän übergab. In Wien wurde sie von Magistratsbeamten in Empfang genommen und in einem Ehrengrab bestattet. Heute ist Marboe Vorsitzender des Alexander Zemlinsky Fonds, der das Mitterer-Stück in Auftrag gab.
Als Alma ihre Lebensbilanz zog, kam sie zu dem Schluss: „Die Zeit (mit Zemlinsky, Anm.) war absolute Musik für mich, vielleicht die glücklichste und unbeschwerteste meines Lebens.“
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