Als 1938 ein Attentat auf den Kardinal verübt wurde
Kardinal Innitzer vor seinem von Hitlerjugend und SA zerstörten Bild.
Von der Geschichte eines Bischöflichen Palais erwartet man, dass sie von friedlich betenden Gottesleuten handelt, die hier ein beschauliches Leben führen. Das Palais des Erzbischofs von Wien hat aber auch eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Sie handelt davon, dass die Amtsräume des Kardinals von einer brutalen Jugendbande zertrümmert, dass Ordensschwestern bedroht, Kruzifixe geschändet und ein Priester aus dem 2. Stock auf die Straße geworfen wurde.
„Innitzer nach Dachau“
All das geschah am 8. Oktober 1938, an dem rund 100 Angehörige der Hitlerjugend und der SA den Sitz des Erzbischofs stürmten. Sie hatten sich am Stephansplatz zusammengerottet, Nazilieder angestimmt und unter dem Ruf „Innitzer nach Dachau“ das Eingangstor gesprengt. Danach liefen sie brüllend durch den Arkadenhof und über die Hauptstiege in den 1. Stock, wo sie alles demolierten, was ihnen in die Quere kam. Sie drangen in die Amtsräume von Kardinal Innitzer ein, der im letzten Moment von seinen Sekretären im Matrikelarchiv in Sicherheit gebracht wurde, während sich Ordensschwestern angsterfüllt am Dachboden versteckten.
Der Sitz des Erzbischofs am Stephansplatz.
Der Fenstersturz
Doch dem Terrorkommando genügte die Verwüstung der Kunstwerke und die Schändung von Kruzifixen nicht. Im 2. Stock trafen sie auf den Domkuraten Johannes Krawarik, den sie durchs offene Fenster auf den Stephansplatz warfen. Er musste für ein halbes Jahr ins Spital.
Kardinal Theodor Innitzer verständigte den Wiener Polizeipräsidenten Otto Steinhäusl, doch der – selbst führender SS-Mann – ließ die Bande unbehelligt wüten und beobachtete die brutale Szene vom gegenüberliegenden Café de l’Europe aus. Erst nach einer Stunde beauftragte er seine Leute, einzuschreiten. Keiner der Täter wurde verhaftet oder angezeigt.
Der Überfall hat eine Vorgeschichte: Kardinal Innitzer hatte tags zuvor im Stephansdom vor 7000 Jugendlichen eine Ansprache gehalten, in der er den Nationalsozialisten vorhielt, den Einfluss der Religion auf die Jugend ausschalten zu wollen, waren doch innerhalb kürzester Zeit Klosterschulen gesperrt, Stifte und Klöster enteignet, die Caritas aufgelöst und immer wieder Predigten gestört worden. „Man hat uns alles genommen“, sagte Innitzer im Dom, „nur eines kann man euch nicht nehmen: euren Glauben!“
Racheakt
Nach dieser Veranstaltung riefen die Gläubigen vor dem Erzbischöflichen Palais lauthals: „Wir wollen unseren Bischof sehen“, was die Nazis als Affront empfanden, da sie mit den Worten „Wir wollen unseren Führer sehen“ Adolf Hitler auf Balkons und Tribünen riefen. Die Stürmung des Bischofspalais war ein Racheakt nach Innitzers Rede vom Vortag.
Heute stellt sich die Frage, wie Innitzer einzuordnen ist, der einerseits im März 1938 den „Anschluss“ an Hitler-Deutschland begrüßt hatte. Der aber andererseits bei der Andacht im Stephansdom und bei anderen Gelegenheiten Kritik an der Kirchenpolitik der Nationalsozialisten übte. Und der mit der „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ Hunderten Verfolgten zur Ausreise verhalf.
„Innitzer war anfangs für diese neue politische Konstellation, aber er hat schnell begriffen, dass das der falsche Weg ist“, meint der Theologe Paul Zulehner. „Innitzer hat gesehen, dass der Nationalsozialismus die Kirche vereinnahmt und dem Evangelium nicht entspricht. Daher hat er gepredigt: ,Wir haben nur einen Führer und das ist Christus.’“
Laut Professor Zulehner würde man Innitzer „nicht gerecht, wenn man nur sagt, dass er den ,Anschluss’ befürwortet hat. Er hat geglaubt, dass er die Kirche verschonen kann, in der der Antisemitismus damals leider schick war. Aber er hat dann zu hundert Prozent kehrtgemacht, weil er das Evangelium doch mehr geschätzt hat als das Parteiprogramm der NSDAP.“
Bei der polizeilichen Einvernahme nach dem Überfall gab Innitzer an, er hätte seine Amtsräume „in grauenhafter Verwüstung“ vorgefunden. Wertvolle Bilder waren devastiert oder geraubt worden, seine Talare fehlten ebenso wie der Bischofshut, das Bischofskreuz, Bargeld sowie der ihm vom Papst überreichte Bischofsring. Bei dem Attentat wurden auch mehr als 1.200 Fensterscheiben des Palais zertrümmert.
Priester in Kerkerhaft
Drei Tage nach dem Anschlag hielt NSDAP-Gauleiter Josef Bürckel in alkoholisiertem Zustand auf dem Heldenplatz eine wüste Drohrede gegen den Kardinal, nach der es an verschiedenen Orten der Inneren Stadt zu antiklerikalen Demonstrationen kam. Aufgehetzt durch die neuen Machthaber, verließen in den ersten vier Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft rund 300.000 Katholiken die Kirche. Bis Kriegsende saßen 724 österreichische Priester in Kerkerhaft, davon starben sieben. 110 Geistliche waren in Konzentrationslagern, von denen 20 ums Leben kamen. 15 österreichische Priester wurden zum Tod verurteilt und hingerichtet.
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