Die dramatische Familiengeschichte von Opernführer Marcel Prawy

Prof. Marcel Prawy,
Eine Wiener Schriftstellerin kam der weitgehend unbekannten Familiengeschichte des "Opernführers" auf die Spur. Eine Geschichte zwischen Reichtum und Tragödie.

Der unvergessene „Opernführer“ hat uns bis knapp vor seinem Tod im Februar 2003 alles über Wagner, Strauss, Puccini und Verdi erzählt, die Schicksale seiner eigenen Familie jedoch weitestgehend für sich behalten. Dabei gehörten Marcel Prawys Vorfahren einer der reichsten und prominentesten Industriellendynastien im alten Österreich an. Doch so glänzend ihre Lebensgeschichten verliefen, so tragisch endeten einige von ihnen.

Marcel Prawys Urgroßvater mütterlicherseits war der in Odessa geborene Kaufmann, Bankier und Kunstsammler Albert Landau, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner ebenfalls aus Galizien stammenden Frau Fanny nach Wien übersiedelte. Er schuf hier ein derartiges Vermögen, dass er neben Aktien und Wertpapieren mehrere Palais, Zinshäuser und – als spektakulärste Immobilie – das Hotel Imperial besaß. Albert hatte das Imperial von seinem nicht minder geschäftstüchtigen Bruder Horace Landau geerbt, der das prunkvolle Ringstraßengebäude im Jahr 1872 dem Prinzen Philipp von Württemberg abgekauft und zu einem Grandhotel umgebaut hat.

Im Salon Landau

Im eleganten Salon des Ehepaares Landau am Wiener Rudolfsplatz traf sich die High Society ihrer Zeit, darunter Stahl- und Zuckerbarone, Künstler, Aristokraten und sogar Angehörige des Kaiserhauses. Die Landaus waren auch großzügige Mäzene und unterstützten soziale Institutionen.

Als Albert Landau 1909 im Alter von 80 Jahren starb, hinterließ er seinen sechs Kindern – darunter Prawys Großmutter Ida – ein Vermögen von 34 Millionen Goldkronen (heute rund 130 Millionen Euro).

Das Wiener Nobelhotel Imperial

Die Familie Landau – Prawys Vorfahren mütterlicherseits – zählte zu den reichsten Bewohnern der Monarchie. Prawys Urgroßvater besaß
sogar das Wiener Nobelhotel Imperial (oben).

Marcel Prawy beschreibt in seinen Memoiren seinen Vater, Ministerialrat Richard Frydmann Ritter von Prawy, und seinen Großvater, Marcell Frydmann von Prawy, seines Zeichens Chefredakteur des Fremdenblattes, der Lieblingszeitung Kaiser Franz Josephs, der ihn deshalb wohl in den Adelsstand erhoben hat. Hingegen erfährt man wenig über Prawys Ahnen auf mütterlicher Seite. Diesem Familienzweig ist jetzt die Autorin Anna Amilar für ihr Buch „Looking for Lilly, Auf der Suche nach Lilly Lieser“ nachgegangen und dabei auf erstaunliche Schicksale in Prawys Umfeld gestoßen.

Lilly geb. Landau

Im Mittelpunkt der Recherchen steht Lilly Landau, verehelichte Lieser, die jüngste Schwester von Prawys Großmutter Ida Mankiewicz.

Kurzer Einschub: Der Name Lieser sorgte im April 2024 für Schlagzeilen, als ein verschollen geglaubtes Bild von Gustav Klimt mit dem Titel „Fräulein Lieser“ – ohne Hinweis auf den familiären Bezug zu Marcel Prawy – auftauchte. Bei der abgebildeten jungen Frau handelt es sich um Lilly Liesers Tochter Helene. Das Bild wurde im Auktionshaus Kinsky um 30 Millionen Euro versteigert, der Verkauf musste jedoch, da seine Provenienz nicht geklärt werden konnte, rückabgewickelt werden.

Ein Mann mit Hut und eine Frau sitzen vor einem Brunnen im Freien.

Das einzige Foto von Prawys Großtante Lilly geb. Landau (mit ihrem Mann Justus Lieser).

Zurück zu Prawys Ahnen: Es wird nicht verwundern, dass die Musik auch im Leben seiner Vorfahren eine herausragende Rolle gespielt hat. So auch bei „Tante Lilly“ (die eigentlich Prawys Großtante war). Sie spielte mehrere Instrumente, war mit Musikern befreundet und unterstützte den stets in Geldnot befindlichen Zwölftonkomponisten Arnold Schönberg.

Die Familien Landau, Lieser und Prawy waren assimilierte Juden, je größer Krise, Armut und Arbeitslosigkeit in Österreich jedoch wurden, „desto mehr wird nach Schuldigen gesucht“, schreibt Anna Amilar. Plötzlich sind „die Juden an allem schuld, und die ganze Welt hält es für wahr“. Nach dem „Anschluss“ 1938 verlor Lilly ihre Freunde, die einen wollten sie nicht mehr kennen, andere wie Schönberg, Alma Mahler und Franz Werfel haben Wien fluchtartig verlassen. Die eben noch beliebte Gastgeberin und Mäzenin lebte einsam in einer kleinen Wohnung ihres einstigen, von den Nazis beschlagnahmten Palais auf der Argentinier Straße.

Lillys Ehe wurde geschieden, den Töchtern gelang die Flucht ebenso wie dem Großneffen Marcel Prawy, der als Sekretär des weltberühmten Tenors Ian Kiepura in die USA emigrieren konnte. „Marcellos“ Schwester Edith blieb in Wien, ist aber als „U-Boot“ untergetaucht. Lilly hatte nur noch ihre Schwester Ida, Prawys 72-jährige Großmutter, die nach der „Arisierung“ ihrer Wohnung bei Lilly einzog. Die Schwestern kamen mehr schlecht als recht über die Runden, wie Lilly an Marcel Prawy nach Amerika schreibt: „Da wir nichts erwerben können, wollen wir uns durch Sparen zu erhalten versuchen so gut wir eben können … Wie lange wir noch in der Wohnung bleiben werden, ist vorläufig noch nicht gesichert.“

Der letzte Brief an „Marcello“

Tante Lillys Versuch, nach Kuba zu emigrieren, scheiterte. Sie blieb in Wien, wo sie ihr Eigentum weit unter seinem Wert verkaufen musste. Laut „Verzeichnis über das Vermögen von Juden“ besaß sie am 12. Juli 1938 rund 675.000 Reichsmark, kurz danach ist sie nach Entrichtung der „Judenvermögensabgabe“ so gut wie mittellos.

Sie habe „ständig mit Aufregungen und aufgezwungener Geschäftigkeit zu tun“, schreibt Lilly am 24. Juli 1939 im letzten erhalten gebliebenen Brief an ihren Großneffen Marcel Prawy.

Lillys Schicksal fügt sich in die tragischen Geschehnisse weiterer Familienmitglieder: Ihre Schwester Ida Mankiewicz (Prawys Großmutter) wurde 1943 in Theresienstadt ermordet, Lillys Nichte Marie (Prawys Mutter) hatte sich bereits 1925 das Leben genommen. „Marcello“ war 14 Jahre alt, als er seine Mutter auf so tragische Weise verlor.

Das Gemälde "Fräulein Lieser" von Klimt

Dieses Bild von Gustav Klimt sorgte im April 2024 für Schlagzeilen. Auch „Fräulein Lieser“ (links) war eine Verwandte Marcel Prawys.

Prawy erwähnt in seinen Lebenserinnerungen den Tod seiner Mutter und die Ermordung seiner Großmutter, doch über das Schicksal ihrer Schwester Lilly, die im November 1943 in Auschwitz vergast wurde, schweigt er. Wie er überhaupt auf die einst stolzen Familien Landau und Lieser nicht eingeht.

Christoph Wagner-Trenkwitz, der Prawy beim Verfassen seiner 1996 erschienenen Memoiren unterstützt hat, meint, dass Marcel Prawy „ein Meister des Verdrängens“ gewesen sei. „Er hat sich nie mit sich selbst beschäftigt, sondern immer nur mit den Großen der Musik, den Komponisten und Sängern. So ist er aus seiner eigenen Familiengeschichte geflüchtet. Die alten Nazis gingen da – so schrecklich das klingen mag – Hand in Hand mit den Überlebenden, beide wollten nichts von der Vergangenheit wissen. Viele Überlebende haben sich schuldig gefühlt, weil sie überlebt haben, während ihre Verwandten ermordet wurden. So war es wohl auch bei Prawy.“

Bis zuletzt im Sacher

Anna Amilar bezeichnet ihr Buch über Prawys Ahnen als „Fact-Fiction-Roman“: die Fakten sind exakt recherchiert, die Dialoge der Protagonisten erfunden.

Das Vermögen seiner Vorfahren war in zwei Weltkriegen und durch „Arisierungen“ verloren gegangen. Dass Marcel Prawy bis zuletzt seinen ständigen Wohnsitz im Hotel Sacher hatte, hat nichts mit dem einstigen Reichtum der Familie zu tun, sondern ausschließlich mit seinen vielfältigen Talenten und seinem umfassenden Wissen.

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